Klaus Mertes

Versöhnung  

Bundesverdienstkreuz für Klaus Mertes SJ

Eine Wende im Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Kirche und in Deutschland bewirkt

Der Jesuitenpater Klaus Mertes sorgte als damaliger Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin wesentlich dafür, dass der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche 2010 öffentlich wurde. Zusammen mit Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“ ist ihm von Bundespräsident Steinmeier am 8. April 2021 für das jahrelange Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen worden. Tobias Zimmermann SJ dankt Klaus Mertes mit diesem Brief für sein Engagement.

Lieber Klaus,

am 8. April hast Du gemeinsam mit Herrn Matthias Katsch das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland bekommen. Ich freue mich für Euch beide. Ich finde es eine wirklich weise Entscheidung, Euch den Preis gemeinsam zu verleihen. Die Ehrung betrifft einen Schritt, den ihr getrennt gemeinsam getan habt. Und nur getrennt, jeder in seiner Rolle auch im Konflikt, habt Ihr gemeinsam eine Wende im Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Kirche und in Deutschland bewirkt.

Du hast Verantwortung übernommen

Ich schreibe Dir als Mitbruder und als Freund. Ich schreibe Dir, weil Du Dich stellvertretend für unsere Gemeinschaft den dunklen Seiten unserer Vergangenheit, den berechtigten Fragen und Klagen der Betroffenen und den Wellen einer politischen und medialen Öffentlichkeit gestellt hast, die umso mehr moralisch schäumte, als sie selbst noch wenige Jahre zuvor weggeschaut hatte, als die Betroffenen der Odenwaldschule sich der Presse öffneten, und auf betoniertes Schweigen trafen. Du hast nach drei Jahrzehnten Verantwortung übernommen, wo andere Mitbrüder damals weggeschaut und sich aus der Verantwortung gestohlen haben.

Damit konnten die Betroffenen endlich erfahren, was ihnen all die Jahrzehnte verweigert worden war: Das Anhören ihrer Geschichte. Mitgefühl und Respekt für sie, aufrichtiges Bedauern und Scham im Blick auf das Versagen der Leitungen damals.

Du wolltest nie als „Aufklärer“ gelten

Stellvertretend Verantwortung zu übernehmen, ist richtig schwer! Es lauern so viele Versuchungen auf dem Weg: Matthias Katsch und Du, Ihr erhaltet die Ehrung für Euren Einsatz bei der Aufklärung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Was war das für ein Einsatz? Du hast Dich dagegen verwehrt, als „Aufklärer“ zu gelten. Das ist keine Koketterie. Aus meiner Wahrnehmung hast Du tatsächlich immer der Versuchung widerstanden, Dich in diese Rolle drängen zu lassen. Es ist die Versuchung, indirekt persönliches Kapital zu schlagen, indem Du Dich durch die Hintertür aus der Rolle des Vertreters der Institution, welche die Täter gedeckt hat, in die des „Experten“ schleichst. Der „Experte“ hat selbst mit der Sache nichts zu tun. Ihr aber erhaltet beide die Ehrung, weil es Eurer beiden persönlichen Einsatz brauchte, Eure Bereitschaft Euch auch als Person betreffen zu lassen, damit offenbar werden konnte, was in unseren Häusern geschehen war.

Du hast Dein Gesicht für die Aufarbeitung hergegeben

Mich hat der Mut bewegt, mit dem Herr Katsch sein Schicksal öffentlich machte, damit das lähmende Schweigen über den Verbrechen endlich zerrissen wurde. Aber es brauchte eben auch das Gegenüber, Deine entschiedene Klarheit, für den Orden zu sprechen, der Heimat der Täter war und dessen Leitungen beim Schutz der Betroffenen und der Verfolgung der Täter komplett versagt hatten. Sexualisierte Gewalt ist ein Verbrechen, bei dem die Täter ebenso kaltherzig, wie sie agieren, sich hinterher aus dem Staub machen. Sie bereuen nicht, schieben das Leid ihrer Opfer weg und leben weitgehend unbehelligt ihr Leben.

Dass wenigstens das Versagen der Leitungen aufgearbeitet wird, deren Wegschauen ermöglichte, dass sich die Täter aus dem Staub machen konnten, dazu brauchte es Dich und eine – leider im Ernstfall sehr kleine – Handvoll von Mitbrüdern, wie den verstorbenen Johannes Siebner SJ – die ihr Gesicht hergegeben haben, damit unser Orden sich öffentlich zur eigenen Geschichte dieses Leitungsversagens gestellt hat, wenigstens nach drei Jahrzehnten. Dass Johannes Deine Ehrung nicht mehr erleben kann, die in gewisser Weise auch eine für seinen Einsatz wäre, finde ich sehr traurig. Ich weiß, er fehlt Dir auch.

Du hast stellvertretend Verantwortung übernommen

Die Übernahme von Verantwortung geschieht fast ausschließlich stellvertretend, weil auch die meisten derer, die damals in Verantwortung standen, heute schweigen. Sollen doch die Nachfolger die Scherben aufräumen! Wenn Du, wenn wir nach innen in die Gemeinschaft hinein die Vorgänger befragen, um zu verstehen, wie es zu all dem kommen konnte, treffen und trafen wir wieder auf dieses hartleibige Schweigen: Ein fortdauernder, unerträglicher Mangel an Empathie mit den Betroffenen, eine Aufkündigung der Loyalität mit dem Orden und dessen Idealen; eine hartherzige Zurückweisung gegenüber all jenen Ordensmitgliedern, die als Nachkommen mit dem Schatten der Schuld auf der Institution und mit dem Schaden leben müssen und die aus Loyalität bereit sind, in die Verantwortung einzutreten.

Zu den Verletzungen durch das anhaltende Schweigen gehört auch die stillschweigende Solidarisierung all jener, die den Boten die Schuld an der Nachricht geben. In manchen Kirchenkreisen bist Du bis heute persona non grata. Dann gab und gibt es – im verständlichen Zorn – die dennoch ungerechten und persönlichen Angriffe von Betroffenen auf Dich. Und es gibt die Versuche der Instrumentalisierung Deiner Person und Deiner Erfahrungen durch jene Menschen, die sich rund um dieses Thema selbst zu profilieren versuchen.

Durch Dich ist Licht ins Dunkle gekommen

Lieber Klaus, nie habe ich Dich klagen hören, wie sehr Dein Gesicht als Ordensmann mit einer dunklen Seite unserer Geschichte als Ordensgemeinschaft verbunden wurde. Nie hast Du dem ganz normalen Wunsch nachgegeben, möglichst schnell wieder aus der – persönlich ja völlig unverdienten – Rolle des stellvertretenden Bad Guy zu schlüpfen, um Dich über Umwege doch in die Rolle des Sympathieträgers auf der Seite der Betroffenen zu mogeln. Andere haben sich weggeduckt und sich ihr Gesicht lieber für die guten Nachrichten aus dem Orden aufgespart.

Deine Haltung den Betroffenen gegenüber erfährt nun Respekt und Anerkennung durch die Ehrung des Bundespräsidenten.

Du und Matthias Katsch, Ihr erhaltet eine Ehrung, weil es Euch beiden gelungen ist, die Konflikte zu führen, die von der Sache her notwendig waren, damit Licht ins Dunkel kommt, ohne dass Ihr zugelassen habt, dass Euch der Respekt für den je anderen abhandengekommen ist.

Die Ehrung durch den Bundespräsidenten verstehe ich aber auch als Aufforderung an all jene in der Leitung von Institutionen, sei es in der Kirche oder in anderen gesellschaftlichen Bereichen, wo noch ansteht, was Ihr begonnen habt. Es ist noch ein weiter Weg!

Dir möchte ich nur noch eines sagen: Von ganzem Herzen danke!

Tobias Zimmermann SJ

Fotos: © Jesuitenbild/St-Blasien, © Christine Frenzl


Klaus Mertes

Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

Tobias Zimmermann SJ

Tobias Zimmermann SJ

ist Priester und Jesuit. Als Pädagoge setzt er sich seit vielen Jahren für die Bildung junger Menschen in Schule und Jugendarbeit ein. Er ist Autor und Herausgeber von Büchern zu pädagogischen, bildungspolitischen und spirituellen Themen. Als Delegat für Ignatianische Pädagogik arbeitet er an leitender Stelle für das Netzwerk Ignatianische Pädagogik mit seinen Schulen und Bildungseinrichtungen. Im Zentrum für Ignatianische Pädagogik ist er, ab Oktober 2019 als Leiter des ZIP, bei Projekten der Schulentwicklung, im Coaching für Leitungskräfte und in der Fortbildung von Schulleitungen und Pädagogen tätig. Seit Oktober 2019 wirkt er auch als Direktor des Heinrich Pesch Hauses.
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Foto: Stefan Weigand

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