Versöhnung  

Gottlos beten

Eine spirituelle Wegsuche

„Kann ein Atheist beten?“, diese Frage wurde Niklaus Brantschen, Jesuitenpater und Zenmeister nach einem Vortrag gestellt. In seinem Buch „Gottlos beten. Eine spirituelle Wegsuche“ macht er sich Gedanken über die Kunst zu beten, zu glauben, zu leben, zu sterben und zu lieben. Wir bringen hier einen Auszug aus dem Buch.

Glauben – allein und miteinander

„Wer nicht allein sein kann, hüte sich vor der Gemeinschaft.“ Dieses Wort des evangelischen Theologen und
Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer bringt das Verhältnis zwischen dem persönlich und dem gemeinsam
gelebten Glauben auf den Punkt. Bevor wir darauf zu sprechen kommen, werfen wir kurz einen Blick auf
das Leben Bonhoeffers. Leben und Werk sind bei ihm aufs engste miteinander verbunden.

Dietrich Bonhoeffer wurde 1906 in Breslau geboren. Seine Stadt aber wurde und blieb Berlin, wo der Vater
als Professor der Psychiatrie wirkte. Hineingeboren in eine liberal-bürgerliche Familie hätte dem jungen Dietrich
kaum einer prophezeit, dass er Theologe und Pastor werden würde. Als er im Gymnasium in Berlin kurz
entschlossen Hebräisch wählte, begannen seine älteren Brüder ihn zu necken: Wie kannst du dich nur der Kirche, diesem kleinbürgerlichen, langweiligen Gebilde verschreiben? Mit erstaunlichem Selbstbewusstsein
antwortete Dietrich: „Dann werde ich diese Kirche eben reformieren.“

Mit Leidenschaft beginnt der erst 17-jährige Bonhoeffer in Tübingen das Theologiestudium. Nach der
Doktorarbeit zum Thema Kirche und einer Habilitation scheint sich dem jungen Theologen eine glänzende
Laufbahn als Professor zu eröffnen. Die Entscheidung zwischen Lehrstuhl und Kanzel fällt ihm schwer.
Schließlich wählt er beides: Er wird Dozent und arbeitet als Studentenpfarrer. Enttäuscht von den anderen Professoren an der Theologischen Fakultät in Berlin, die dem nationalsozialistischen Treiben gleichgültig gegenüberstehen, gibt Bonhoeffer die akademische Laufbahn auf. Gleichzeitig verzichtet er aus Solidarität mit seinen „nicht arischen“, aber durch den sogenannten »Arierparagraphen« betroffenen und dispensierten Amtsbrüdern auf einen ansehnlichen Pfarrersposten in Ostberlin. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt
entscheidet er sich 1935 – inzwischen ist er 29-jährig –, die Leitung des Predigerseminars der Bekennenden
Kirche in Finkenwalde zu übernehmen.

Gottlos beten

Klassiker des geistlichen Lebens: »Gemeinsames Leben«

Aus dieser Zeit – und damit kommen wir zum Thema „allein“ und „miteinander“ – liegt eine Schrift vor, die
man heute ohne Bedenken einen Klassiker des geistlichen Lebens nennen kann: Gemeinsames Leben. In dieser
Schrift hat Dietrich Bonhoeffer die Erfahrungen, die er in Finkenwalde mit der Stille und mit der Gemeinschaft
gemacht hat, festgehalten. Bonhoeffer tut dies in einer ihm eigenen, eindrücklichen Sprache, die er für
den Rest seines Lebens beibehält und die seine weiteren Schriften auszeichnet. Im Abschnitt „Der einsame
Tag“ lesen wir: „Die christliche Gemeinschaft ist kein geistliches Sanatorium. Wer auf der Flucht vor sich
selbst bei der Gemeinschaft einkehrt, der missbraucht sie zum Geschwätz und zur Zerstreuung, und mag dieses
Geschwätz und diese Zerstreuung noch so geistlich aussehen. In Wahrheit sucht er gar nicht die Gemeinschaft,
sondern den Rausch, der die Vereinsamung für kurze Zeit vergessen lässt und gerade dadurch die tödliche
Vereinsamung des Menschen schafft. Zersetzung des Wortes und aller echten Erfahrung und zuletzt die
Resignation und der geistliche Tod sind das Ergebnis solcher Heilungsversuche. „Wer nicht allein sein kann,
der hüte sich vor der Gemeinschaft.“
Und umgekehrt gilt für Bonhoeffer: „Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein.“

Diese Sätze – die Hervorhebung stammt von Bonhoeffer selbst – kommentiert er so: „Nur in der Gemeinschaft
stehend können wir allein sein, und nur wer allein ist, kann in der Gemeinschaft leben. Beides gehört
zusammen. Nur in der Gemeinschaft lernen wir recht allein sein und nur im Alleinsein lernen wir recht in der
Gemeinschaft stehen. Es ist nicht so, dass eins vor dem anderen wäre, sondern es hebt beides zur gleichen Zeit
an … Jedes für sich genommen hat tiefe Abgründe und Gefahren. Wer Gemeinschaft will ohne Alleinsein, der
stürzt in die Leere der Worte und Gefühle, wer Alleinsein sucht ohne Gemeinschaft, der kommt im Abgrund
der Eitelkeit, Selbstvernarrtheit und Verzweiflung um.“

Schweigen als Merkmal der Einsamkeit

Das Merkmal für Einsamkeit (nicht zu verwechseln mit Vereinsamung!) ist für Bonhoeffer Schweigen.
Schweigen und eine kraftvolle Stille. Alleinsein, Stille pflegen einerseits, und in Gemeinschaft stehen andererseits, sind für Bonhoeffer gleichursprünglich und bedingen sich gegenseitig. Für einen spirituellen Weg ist eine kraftvolle Gemeinschaft, die uns trägt und zu deren Gelingen wir selbst beitragen, unerlässlich.

„Ein Christ allein ist kein Christ“ lautet ein altes Wort (unus christianus nullus christianus). „Glauben“ ist wesentlich auf Gemeinschaft angelegt. Es braucht mindestens zwei oder drei, die sich gegenseitig im Glauben
stärken und miteinander auf dem Weg sind: Allein und gemeinsam. Es ist wie beim Musizieren: Wer nicht Solo
spielen kann oder will, hüte sich vor Duetten und Quartetten. Oder es ist – wie soll ich sagen? – wie bei einem
Strickzeug: Jede Masche zählt. Das lehrt uns Dietrich Bonhoeffer, das lehren uns andere, auch außerchristliche
Wege, wie etwa der des Zen. Das Wort „Sangha“ bringt dies zum Ausdruck. „Sangha“ meint die Verwandtschaft
aller Dinge so wie aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Wesen untereinander.
Vor allem aber ist die Gemeinschaft derer gemeint, die miteinander den Weg praktizieren.

Wir haben gesehen: Wenn es um Fragen des Glaubens geht, gibt es kein Entweder-Oder, sondern nur ein
Und. Allein sein, für sich sein, im „stillen Kämmerchen“ sein, eine radikale Offenheit auf das Nicht-Fassbare,
Nicht-Verfügbare, auf „Gott“ hin pflegen – das ist das Eine. Das Andere ist: Einer Gemeinschaft angehören,
das Miteinander versuchen, das Zusammenspiel einüben. Das braucht Regeln, Riten und Rituale, braucht
„Religion“. Religion, die – und das führt uns zum nächsten Schritt – ohne Mystik und Spiritualität keine
Zukunft hat.

Textauszug aus: Niklaus Brantschen, Gottlos beten. Eine spirituelle Wegsuche © Patmos Verlag. Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Ostfildern, 5. Auflage 2022 – www.verlagsgruppe-patmos.de

»Gottlos beten«

Gottlos beten Brantschen

Der Text ist ein Auszug aus dem 2021 erschienen Buch „Gottlos beten. Eine spirituelle Sinnsuche“ und ist im Patmos-Verlag erschienen.

Niklaus Brantschen, namhafter spiritueller Lehrer, ist Jesuitenpater und Zenmeister. Er war Begründer und langjähriger Leiter des Lasalle-Hauses Bad Schönbrunn (Zug/Schweiz) – Zentrum für Spiritualität, Dialog und Verantwortung. Der Mitbegründer des Lassalle-Instituts für »Zen – Ethik – Leadership« ist Autor zahlreicher Bücher und ein gefragter Referent und Gesprächspartner.

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Niklaus Brantschen

Niklaus Brantschen, namhafter spiritueller Lehrer, ist Jesuitenpater und Zenmeister. Er war Begründer und langjähriger Leiter des Lasalle-Hauses Bad Schönbrunn (Zug/Schweiz) – Zentrum für Spiritualität, Dialog und Verantwortung. Der Mitbegründer des Lassalle-Instituts für Zen – Ethik – Leadership ist Autor zahlreicher Bücher und ein gefragter Referent und Gesprächspartner.

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