Selbsterntegarten Pfeil

Nachhaltigkeit  

Mut zu Bio und zur Wildnis

Von der Studentin zur Bio-Gemüsebäuerin

»Ich will mein Leben sinnvoll verbringen. Etwas tun, bei dem ich die Früchte meiner Arbeit sehen kann.« Katharina Pfeil, von allen Katha genannt, strahlt und zeigt stolz auf ihre kultivierte Wildnis aus 6.000 Quadratmetern Selbsterntegarten.

Ihre Haare hat sie zu einem lässigen Knoten gebunden, auf ihrem Gesicht finden sich kleine Schlammspritzer. Kein Wunder, es laufen gerade drei Beregnungsanlagen, und aus dem lehmigen Boden quillt die Leben spendende Nässe bei jedem Schritt. Gewässert wird vielerlei Gutes für die Küche – unter anderem Gurken, Zucchini, Kürbisse, Salate, Radieschen und Möhren. Auch Sorten, die nicht so geläufig sind, finden sich darunter. „Ich ziehe meine Setzlinge selber, und wenn mir jemand Samen mitbringt, probiere ich das gleich aus.“

Die Prinzipien eines biologischen Anbaus sind Katha dabei wichtig. Nur Gemüse anzubauen, reicht ihr nicht. Sie will im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein Zeichen setzen mit ihrer Anbauweise. Im Vordergrund steht die Vermeidung von Umweltbelastungen für die Natur und die angebauten Produkte.  Sie will mitwirken an einer breiten Bewusstseinsänderung hin zu mehr ökologischer Nachhaltigkeit. Das sind für Katha keine leeren Worte, dafür nimmt sie harte Arbeit auf sich.

Selbsterntegarten Katharina

Ein einfaches Leben und trotzdem glücklich

Die junge Frau kam zum Studium der Ethnologie und Soziologie aus Nordrhein-Westfalen nach Heidelberg. „Gerade beim Fach der Ethnologie beschäftigt man sich mit Menschen, die oft ein einfaches Leben führen und dabei doch glücklich und ausgeglichen sind“, erläutert Katha. Bis die westliche Zivilisation mit Ausbeutung und Unterdrückung das Leben indigener Völker im Einklang mit der Natur zerstöre, fügt sie nachdenklich hinzu. Diese Erkenntnis war ein wichtiger Punkt in ihrem Leben.

Während ihres Studiums reiste Katha in den Semesterferien in verschiedene Länder und sammelte Erfahrungen, wie die Menschen dort mit einfachen Mitteln zufrieden leben. Auf einem Bauernhof in Thailand lernte sie das Prinzip der Permakultur kennen.

„Bei der Permakultur in der Landwirtschaft ist alles so aufeinander abgestimmt, dass der Garten quasi von alleine und ohne großes Eingreifen von außen gedeiht. Das fand ich sehr beeindruckend, und diese Erfahrung bildete einen guten Start für meine Recherche.“

Nach zwei arbeitsintensiven Monaten in Thailand verbrachte Katha einige Zeit in ­Kanada. Die Landwirte auf ihrem Gast-Bauernhof hier verdienen ihren Lebensunterhalt eher mit dem Vermieten von Zimmern. „Das habe ich mir kurz als Geschäftsmodell überlegt, aber dann verworfen. Mir schwebte eher so etwas vor wie eine Solidarische Landwirtschaft (SoLawi).“ Bei SoLawi handelt es sich um Zusammenschlüsse von privaten Haushalten, die einen landwirtschaftlichen Betrieb finanzieren und im Gegenzug die Ernteerträge erhalten. Katha arbeitete in Holland bei einem Selbsterntegarten mit und war begeistert. Später unterstützte sie in Frankreich eine Frau, die ihr selbst angebautes Gemüse auf dem Markt verkauft.

Zeit, es selber anzupacken

Nach drei Jahren des Studiums und Reisens wollte sie ihre eigenen Ideen umsetzen und dabei die Arbeitsmodelle, die sie in anderen Ländern kennengelernt hatte, miteinander kombinieren. Die Lust und auch der nötige Mut, es nun endlich selber anzupacken, wurden immer größer.  „Ich will nicht in einem Bürojob landen, bei dem man am Computer nur Zahlen verschiebt“, ist sich Katha sicher.

„Etwas Gutes und Sinnvolles tun, bei dem man am Ende seines Lebens sagen kann, das war wichtig und richtig.“

Wie kauft man Land, auf dem man seinen Selbsterntegarten für Biogemüse etablieren möchte? „Ich habe im Internet ‚Land kaufen Rhein-Neckar-Kreis’ in die Suchmaschine eingegeben“, sagt Katha mit einem Achselzucken. Doch sie musste erfahren, dass Land an der dicht besiedelten badischen Bergstraße, das irgendwann mal in Bauland umgewandelt werden kann, sehr teuer ist. Dass eine kleine Anzeige in der Tageszeitung, „die mich 30 Euro gekostet hat“, zum Erfolg führte, ist eine nette Anekdote am Rande. Auf die Anzeige meldete sich ein Steuerberater, Landwirt im Nebenerwerb, der das Land neben seinem Haus nicht selbst bewirtschaften konnte. Als alter Hase in der Landwirtschaft steht er Katha immer wieder mit guten Tipps zur Seite. Und die Pacht ist günstig. 200 Euro sind jährlich zu zahlen, „immer am Martinstag, dem 11. November, für das zurückliegende Jahr, so will es die Tradition.“

Gerade zu Beginn braucht man zunächst mal Geld. Ihr Vater glaubte an die Vision seiner Tochter und unterstützte sie finanziell und auch tatkräftig. Die ersten Setzlinge wurden selbst gezogen, das Feld wurde gepflügt, jede Menge Werkzeug angeschafft und ein Bauwagen aufgestellt, in dem sich nun das mobile Büro befindet. Auch eine handgezimmerte Komposttoilette steht mittlerweile auf dem Grundstück. Kathas Vater hat sie gebaut, um den Kunden auf dem Acker einen gewissen Komfort zu bieten. Eine Internetseite wurde erstellt und der Name „Turbogemüse“ erfunden.

So funktioniert der Selbsterntegarten

Das angebaute Gemüse wird an SoLawi-Mitglieder verkauft. Einzelpersonen und Familien können gegen einen gewissen Betrag eine Mitgliedschaft bei „Turbogemüse“ erwerben und dürfen dafür jede Woche eine festgelegte Menge Biogemüse auf dem Feld ernten. Der Überschuss wird auf dem Markt verkauft. Und davon gab es anfangs jede Menge. „Ich hatte solche Angst, dass ich nicht genügend liefern könnte für das vorgestreckte Geld, mit dem Ergebnis, dass ich viel zu viel angebaut habe.“

Ihr Umfeld reagierte größtenteils positiv auf den mutigen Schritt in die Selbstständigkeit. „Freunde haben mir gleich den Mitgliedsbeitrag gegeben, obwohl ich noch gar kein Gemüse vorweisen konnte“, erzählt sie gerührt. Solche Vorschusslorbeeren waren ein besonderer Ansporn. Und die Unterstützung ging noch weiter: Mit der Hilfe von Freunden baute sie an zwei Wochenenden einen Folientunnel auf, der für die empfindlichen Gemüsesorten wie Tomaten und Gurken gebraucht wird. „Der Tunnel hat mich 2.000 Euro gekostet und ist meine bisher teuerste Anschaffung“, sagt Katha lächelnd. „Ohne Tunnel geht es auch, aber mit Tunnel geht es besser!“

Die Großeltern können nicht so recht nachvollziehen, was die Enkelin antreibt. „Mein Opa denkt, dass man mit Abitur und Studium doch nicht in der Erde rumwühlen muss, wie er es früher tun musste.“ Auch über die Gestaltung der Anbaufläche wundert sich der Großvater. Er finde das Feld sehr „unaufgeräumt und chaotisch“, so Katha – mit viel Verständnis – nach dem ersten Besuch der Großeltern. Dabei ist es ihr wichtig, dass auch Unkraut seinen Platz hat.

„Für viele Tiere sind Unkräuter, gerade wenn sie blühen, wichtige Nahrungsquellen.“

Sie will „Unkräuter“ aus ihren Beeten auf keinen Fall verbannen.

Signal gegen die industriellen Strukturen der Landwirtschaft

In ihrem Selbsterntegarten bei Heidelberg sieht Katharina Pfeil für sich ein Signal gegen die gegenwärtig dominierenden industriellen Strukturen der Landwirtschaft. Die Corona-Pandemie habe die Problematik noch einmal besonders deutlich gezeigt. Schlecht bezahlte Arbeiter aus Billiglohnländern müssten einen Hauptteil der Arbeit erledigen. Ohne sie könne die Ernte nicht gewährleistet werden und laufe Gefahr, auf den Feldern zu verfaulen, so Katha. Für die leidenschaftliche Gemüsebäuerin unhaltbare Zustände, die in ihren Augen angeprangert und verändert werden müssen.

Es gebe immer noch zu wenig Bio-Gemüseanbau, bedauert Katha. Mit ihrem Engagement will sie deutlich machen, welche Auswirkungen der großflächige „herkömmliche“ Anbau hat, für die so wichtige Humusschicht des Bodens, für die darin lebenden Organismen und Tiere, für das Ökosystem insgesamt. Der Einsatz von Herbiziden, Fungiziden, Pestiziden und Kunstdünger könne kein Zukunftsweg sein. Deshalb setzt Katharina Pfeil „ohne Wenn und Aber“ auf biologische Anbaumethoden, auch wenn diese für sie mit einem erheblichen Arbeitsaufwand verbunden sind. Für sie ist es wichtig, alle Arbeiten auf ihrem Stück Land alleine bewältigen zu können, über Unterstützung der Mitglieder aus der SoLawi-Gruppe freut sie sich natürlich trotzdem. „Gerade während der ersten Welle von Corona waren jeden Tag mindestens fünf Mitglieder auf dem Acker, um zu helfen“, erzählt Katha.  

Sie sieht sich nicht als „Einzelkämpferin“, im Gegenteil:

Das gemeinschaftliche, das solidarische Miteinander ist für sie ein zentraler Aspekt ihrer Arbeit.

Gerne geht sie deshalb auch mit ihrem Gemüse auf den Markt. Sie freut sich über die Gespräche und die Kontakte – und gewinnt auch das ein oder andere Mitglied für ihr Projekt. Katha ist glücklich mit dem, was sie tut.   

www.turbogemuese.de

Pilger Magazin Reise durch das Leben

Der Text ist erstmals in „der pilger – Magazin für die Reise durchs Leben“ erschienen.

Fotos ©: Beate Steger


Beate Steger

machte sich nach Studium und einigen Berufsjahren auf eine einjährige Fahrradweltreise, entdeckte danach das Pilgern und ist seit 2004 selbstständig als Vortragsreferentin, Fotografin und Redakteurin. Sie betreut mehrere Internetseiten zum Thema Pilgern, verfasst Pilgerführer und arbeitet freiberuflich für das Magazin „der pilger“. Außerdem schreibt, bloggt und fotografiert sie über alles rund ums Pilgern, Microabenteuer vor der Haustür und alles, was das Leben schöner macht.

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