Berlin Global

Zusammenleben  

Am Rad der Geschichte drehen

Berlin Global – eine Ausstellung will Weltdenken zeigen

Berlin Global – da assoziiert man Berlins Position als Hauptstadt Deutschlands, als eine der großen Metropolen in Europa, aber denkt auch an die weltweite Vernetzung der Stadt. Wie haben Stadt und Menschen die Welt verändert, wie wirken globale Ereignisse auf Berlin? Die sieben thematischen Schwerpunkte der Ausstellung – Revolution, Freiraum, Grenzen, Vergnügen, Krieg, Mode und Verflechtung – versprechen einen neuen, nicht typisch chronologischen Blick auf Berlin, auf die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Stadt.

Jeder der sieben Schwerpunkte wird mit großflächigen Installationen, Medienstationen und Filmprojektionen dargestellt. Dabei geht es dem Chefkurator Paul Spies um nichts anderes als „ums Weltdenken“, wie er bei einem Presserundgang zur Eröffnung der Ausstellung sagte. Ein hoher Anspruch, ein sehr hoher.

Ein Hauch von großer weiter Welt

Nun, der Beginn des Rundgangs ist schon mal modern und holt einen Hauch große Welt in das erste Obergeschoss des wiederaufgebauten Hohenzollern-Schlosses: Ein deckenhohes rosa-lila-braunes Mural mit dem Titel „Weltdenken“ an allen vier Wänden, gestaltet von dem international bekannten Urban-Art Künstler-Duo How und Nosm, zeigt den Rahmen für Berlin Global auf. Alexander und Wilhelm von Humboldt grüßen von den Wänden, aber auch Motive von Krieg, der kolonialen Aufteilung der Welt und Geschlechterkämpfe sprühten die Künstler an die Wände.

Mural Berlin global

Verstaubte Museumsvitrinen waren gestern

Die Ausstellungsmacher setzen auf Interaktivität und Digitalisierung – ganz wie in der globalen Welt. Ein Chip-Armband verbindet den Besucher mit der Ausstellung, gleich zwölf Sprachen stehen zur Wahl. Es zeichnet den Weg durch die Ausstellung auf. Denn schließlich gibt es aus jedem Raum zwei Ausgänge. Über jedem steht ein Statement. Wie beim Hammelsprung im Bundestag muss sich der Besucher entscheiden: Will ich eine offene oder eine soziale Stadt? Bin ich für Abrüstung oder eher der Meinung, dass Waffen schützen? Habe ich gerne Spaß oder konsumiere ich bewusst? Diese Entscheidungen können am Ende ausgedruckt und mit den Ergebnissen anderer Besucher verglichen werden. Eine nette Spielerei, gewiss, doch bleibt die Frage nach dem tieferen Sinn der Ergebnisse offen.

Berlin global
Berlin global

Drehen am „Rad der Geschichte“

Doch zuvor wird im Raum „Revolution“ erst einmal fleißig am „Rad der Geschichte“ gedreht. Nur zusammen mit anderen Besuchern kann die Geschichte in Bewegung geraten. Auf den Leinwänden leuchten die Revolutionen der Stadt auf: 1848, 1918, der Aufstand 1953 in Ostberlin, die Studentenbewegung 1967/68 und natürlich 1989. Dieses für die DNA der Stadt so prägende Jahr wird an anderen Stellen der Ausstellung aufgegriffen, etwa mit einer Bilddokumentation der Veränderungen des Potsdamer Platzes.

Berlin – die Stadt der Grenze(n)

Überhaupt Grenzen – sie spielen in der Ausstellung eine große Rolle. Zum einen natürlich die Berliner Mauer, doch auch heute existieren in der Stadt unzählige Grenzen – angefangen von Sprachgrenzen für Migranten bis hin zu hohen Bordsteinen oder U-Bahnstationen ohne Lift, die Menschen mit Behinderungen oder Eltern mit Kinderwagen ausgrenzen. Auch Alltagsrassismus ist ein Thema. Studierende der Humboldt-Universität haben diese Grenzen in eine interaktive Medienstation umgesetzt. Gerade in diesem Bereich bleibt die Ausstellung in Berlin verhaftet und lässt den Blick auf weltweite Grenzen vermissen.

Vergnügen und Krieg liegen hier direkt beieinander

Die Ausstellung bietet auch die eine oder andere Überraschung wie „Smell Berlin“. Hier gibt es was zum Riechen. Die typisch Berliner Gerüche Gras, Rosen, Lavendel, Erde, Pfütze – und Hundekot – wollen erschnuppert werden. Hier wie an den meisten Stellen wirkt die Ausstellung verspielt, vor allem bunt und großzügig inszeniert. Doch Größe, modernste Technologien und Interaktivität allein machen noch keinen Inhalt. Auch wenn die gewaltige Tresor-Tür des gleichnamigen legendären Techno-Clubs, die in die Abteilung „Vergnügen“ führt, wirklich beeindruckend ist. Kopfhörer auf – hier darf zu heißen Rhythmen getanzt werden.

Berlin global

Nach so viel Vergnügen kommt gleich im nächsten Raum das Kontrastprogramm: „Krieg“. Ein riesiger Globus aus der Nazi-Zeit zeigt, welche Gebiete „heim ins Reich“ geholt werden sollten. Hier wird die Ausstellung mit Kriegen wie dem Boxeraufstand in China und dem Völkermord an den Herero und Nama erstmals global. Doch was diese Ereignisse nun konkret mit Berlin zu tun haben, bleibt offen. Auch die Zahl der Bundeswehrangehörigen, die im Ausland eingesetzt sind, bleibt im luftleeren Raum hängen. Der Bezug zu Berlin erschließt sich zumindest nicht auf den ersten Blick.

Im letzten Raum wird Berlin global erstmals deutlich spürbar. „Verflochtene Leben“ ist er überschrieben. In Sound-Porträts erzählen 15 Berliner*innen, wie sie nach Berlin gekommen sind und zu welchen Orten auf der Welt sie Verbindungen haben. Objekte in einer Vitrine symbolisieren diese Verbindungen in die weite Welt.

Bleibt als Fazit:

Eine Ausstellung mit vielen Gadgets und Spielereien, die den Besucher dann doch etwas ratlos entlässt: Es gibt zahlreiche Einblicke in die Berliner Szene und Subkultur, Stichwort Hundekot, aber was hat das mit Globalität zu tun? Und wo bleibt das „Weltdenken“, die Vernetzung Berlins in die und mit der Welt? Letztendlich ist Berlin Global eine Dokumentation der Berliner Stadtgeschichte, modern aufbereitet. Wobei der Schwerpunkt auf Inszenierungen und Installationen liegt, nur einige wenige Originale sind zu sehen. Sind nicht eigentlich sie es, wegen denen wir eine Ausstellung besuchen? Oder ist das klassische Museum spätestens mit Berlin Gobal hoffnungslos veraltet?

Die Geborgenheit des Betons

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Anette Konrad

Ohne Block und Stift geht sie nie aus dem Haus. Denn die Journalistin könnte ja unterwegs auf ein spannendes Thema stoßen. Die promovierte Historikerin und Slavistin schreibt gerne über geschichtliche Themen, porträtiert faszinierende Menschen, verfasst aber auch Unternehmensporträts und Reisereportagen. Dabei verbindet sie Berufliches mit ihrer großen Leidenschaft: dem Reisen. Seit sie einige Monate in Moskau studiert hat, zieht es sie immer wieder nach Osteuropa. Im Heinrich Pesch Haus verantwortet sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

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