Weihnachten Botschaft

Versöhnung  

AirBnB, Dating, Swipen und eine Weihnachtsbotschaft

Wie Weihnachten schon an der Tür beginnt

Was hat Dating mit Weihnachten zu tun? Und warum stelle ich mir die Situation in Bethlehem ein bisschen wie Swipen vor? Regina Laudage-Kleeberg geht der Frage nach, was da eigentlich passieren kann, wenn wir die Botschaft von Weihnachten ernst nehmen.

Meine Freundin Jule datet. Und ich, die seit 17 Jahren mit dem gleichen Mann zusammen ist, liebe es, ihr zuzuhören, wenn sie davon erzählt. Manchmal darf ich auch bei Bumble für sie swipen. Super aufregend. Denn für eine Frau, die ich sehr gut kenne und der ich das größte Glück wünsche, Männer auf einer Datingplattform auszusuchen, ist eine große Verantwortung. Und es macht Spaß.

Das Dating, sagt Jule, ist nicht immer cool, im Gegenteil sogar, manchmal spricht sie vom Dating Burnout, weil so viel Unverbindlichkeit, Ablehnung und Hoffnung zusammenkommen. Im Sommer hat sie sich dann verliebt, und es sah so aus, als ob der Mann sich auch verlieben würde. Sie schrieben sich täglich. Und ich durfte live dabei sein: In dem Moment, wo er ihr die erste Sprachnachricht geschickt hat, in dem Moment, wo er ihr einen Korb gegeben hat.

Nach drei Treffen hat er ihr nämlich gesagt, dass das Ganze dann doch nicht passt. Er meine das nicht persönlich, sagte er. Aber wie soll man sowas nicht persönlich nehmen, wenn ein anderer einem sagt, dass es nicht passt? Sie war dann erst mal eine Zeit lang ziemlich traurig.

Anschauen

Was ich an ihr sehr bewundere: Sie ist voller Ideen, wie coole Dates auszusehen haben. Meine Lieblingsgeschichte ist die hier: Sie hat sich mit einem Mann verabredet, auf einer Parkbank. Und dann haben sie eine Uhr gestellt und sich zehn Minuten lang, einfach nur in die Augen geschaut. Ohne etwas zu sagen. Sie hatten sich vorher nichts voneinander erzählt. Sie haben sich einfach getroffen und dann ging es los. Stumm. Mit der kleinen Uhr zwischen ihnen. Ich kann mir kaum etwas Intimeres vorstellen.

Ich sehe mir seit Jahren fasziniert Performances an, wo Menschen sich einfach nur in die Augen schauen. Die Künstlerin Marina Abramovic hat zum Beispiel einmal monatelang täglich sieben Stunden in einem Museum an einem Tisch gesessen und die Menschen angeschaut, die sich ihr gegenüber gesetzt haben. Stumm. „The artist is present“ heißt dieses Kunstwerk.

Auch Jule habe ich nach ihrem Anschau-Date unerwartet berührt erlebt. Und zwar nicht, weil danach eine unglaubliche Beziehung entstanden ist. Sondern weil sie sich so sehr mit dem Mann verbunden gefühlt hatte, trotz Fremde und Stille. Und er sich mit ihr.

Sich so viel Zeit zu nehmen, eine fremde Person zu betrachten, das hat ganz viel mit anerkennen und annehmen zu tun, finde ich.

Aufnehmen

Als ich überlegt habe, was ich dieses Jahr zu Weihnachten schreiben möchte, da war es genau das, was mir als erstes eingefallen ist. Diese faszinierende Geschichte von Jule und dem Mann.

Das Weihnachtliche daran ist, dass Maria und Josef heute ja wahrscheinlich auch online nach einer Bleibe in Bethlehem suchen würden, bei AirBnB oder so. Und sie bekommen überall Absagen. Überall sieht es auf den Bildern warm und angenehm aus und jede: Vermieter:in schreibt nur: „Nein, ihr nicht!“

Dieses ständige Abgelehntwerden kennen Jule und all die vielen anderen, die sich im Onlinedating versuchen, auch nur zu gut.

Und dann schaut jemand – okay, ein Vermieter, kein Datingpartner – eine Sekunde, vielleicht eine Minute genauer hin. So wie sich Jule und der Mann auf einer Bank länger angeschaut haben. Wie sie das miteinander verbunden hat. Wie sie sich – in meiner Vorstellung – einfach hingenommen haben, mit allen Lach- und Ärgerfalten im Gesicht, mit kleinen Pickeln oder Augenringen.

Die vermietende Person sieht auch einen Tick länger hin und erkennt: Diese Frau ist schwanger, dieser Mann sieht müde aus. Hier draußen ist es kalt.

Und die Person versteht, dass Ablehnung jetzt hier nicht angebracht ist.

Annehmen

Weihnachten, da geht es um diesen Extramoment Zeit. Ums Annehmen der anderen. Nicht nur im Sinne davon, dass der/die Vermieter:in das erschöpfte Paar in den Stall aufnimmt. Auch im Sinne der vielen weiteren kleinen Momente des Annehmens damals: Das Annehmen des Geburtsschmerzes. Das Annehmen des Kindes. Das Annehmen der unfassbaren Situation, die danach entsteht.

Und im Heute?

Unser Weihnachten ist doch genauso: Es ist so oft schwer, anzunehmen: Den Onkel, der zu viel Bier trinkt, und dann rassistische Dinge sagt. Die Einsamkeit, die ich in Kauf nehmen muss, wenn ich meine Familie nicht ertragen möchte. Der Stress, den das Einkaufen der Geschenke macht, weil mir wichtig ist, dass meine Lieben beschenkt werden. Den verbrannten Braten, den ich nicht mehr retten werde. Die Erkenntnis, dass ich mir mehr Liebe und Frieden wünsche… Jede:r Mensch hat da eigene Beispiele. Wir alle haben solche Momente, wo uns das Annehmen schwerfällt.

Wenn ich mir vorstelle, dass wir all diese Situationen und Menschen zehn Minuten lang stumm betrachten würden. Ohne zu bewerten, nur um genau hinzusehen. Dann wird mir irgendwie anders. Als ob da ein kleines Wunder seinen Weg bahnen könnte. Dass eine vermeintlich hoffnungslose Situation verzaubert wird. Dass Weihnachten schon an dieser Tür beginnt, wo die Vermieterperson merkt: Ablehnung ist hier jetzt keine Option.


Regina Laudage-Kleeberg

Sie liebt das Anders-Sein und das Anders-Werden von Menschen, Systemen und Organisationen. Das Anders-Sein hat sie geprägt: als Rheinländerin in Franken, als Deutsche in Istanbul. Sie ist das vierte von sechs Geschwistern und hat selbst drei Kinder. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Münster, arbeitet mit Begeisterung im Change Management und schreibt für ihr Leben gern. Zuletzt erschienen ist das Buch »obdachlos katholisch«.

Foto: © Melisa Balderi

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