Schulen Investitionsstau

Zusammenleben  

216 Milliarden Investitionsstau – und niemanden interessiert’s

Bildung braucht eine stärkere Lobby

Beim Schulfest herrscht Ausgelassenheit – doch hinter der Waffelduft-Idylle brodelt die Frustration. Während Schüler*innen feiern, kämpfen Lehrkräfte mit maroden Gebäuden, Lehrermangel und fehlendem Rückenwind aus der Politik. Warum wird Bildung nicht zur Priorität – obwohl die Rechnung für Vernachlässigung am Ende uns alle trifft? Ein schonungsloser Blick auf die deutsche Bildungskrise.

Neulich war ich wieder einmal auf einem Schulfest. Für alle Leserinnen und Leser, die nicht aufgrund eigener Kinder dienstverpflichtet sind oder deren Erinnerungen an eigene Schulveranstaltungen längst verblasst sind, darf ich die Atmosphäre schildern: Das Sommerfest markiert den Abschluss eines Schuljahres – daher spürt man eine gewisse Heiterkeit und Entspannung. Es gibt selbstgebackene Waffeln der Mittelstufe, eine kleine Ausstellung des Fachbereichs Kunst, die Schulband spielt und der Elternbeirat grillt Würstchen und schenkt sogar Bier aus.

Besonders ausgelassen erscheinen jene Schülerinnen und Schüler mitsamt der sie begleitenden Eltern, die verabschiedet werden und mit größter Wahrscheinlichkeit nie mehr das Gebäude betreten und sich auch nicht mehr weiter mit dem Thema Schule (und allgemein Bildung) beschäftigen werden.

Schulen haben keine Lobby

Vielleicht liegt genau darin das größte Problem: Die Anliegen der Schule haben keine Lobby. Es fehlen Unterstützende, die bei allen verständlichen Herausforderungen unserer Zeit wie Wirtschaftsförderung, Infrastruktur, Sicherheit, Verteidigung und Finanzierung der Sozialsysteme auch lautstark und auf breiter Basis einfordern, (Schul-)Bildung zur politischen Priorität zu erheben. Vielleicht hören auch manche hier das Lesen auf – das war eben schon immer so mit der Schule, die Probleme sind altbekannt und immerhin wird doch auch einiges getan.

Das ist schon richtig – aber die Herausforderungen sind auch immens.

Und während man sich die Augen reibt, wie viele Sondervermögen für Verteidigung, Wirtschaftsförderung und Infrastruktur geschaffen werden, fragt man sich: Wo bleibt eigentlich das Sondervermögen Bildung?

Die bisherigen Programme wie der Digitalpakt Schulen oder das Startchancen-Programm wirken wie Tropfen auf den heißen Stein angesichts prekärer Ausstattung – von den Gebäuden bis zum pädagogischen Personal.

Investitionsstau auf Rekordniveau

Die Zahlen sind bekannt: Der Investitionsstau im deutschen Bildungsbereich hat 2025 mit fast 216 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert erreicht, davon machen allein Schulgebäude über 30 Prozent aus. Neben der mangelnden Sanierung veralteter Gebäude stehen vor allem der geplante Anspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026 sowie der Ausbau digitaler Infrastruktur auf der Agenda.

Und wenn es WLAN gibt und die Schultoilette endlich renoviert wurde, dann fällt der Unterricht zunehmend durch Lehrkräftemangel aus. Bereits Mitte 2024 fehlten laut Schätzungen der Kultusministerkonferenz rund 25.000 Lehrkräfte, bis 2030 könnte sich die Lücke auf 31.000 und langfristig auf bis zu 85.000 vergrößern. Besonders problematisch ist die Situation an Grund-, Mittel- und Förderschulen, betroffen sind mittlerweile aber auch Gymnasien – in Bayern beispielsweise verstärkt durch die Wiedereinführung der 13. Jahrgangsstufe.

Der politische Wille fehlt

Das alles können die Lehrkräfte bestätigen, mit denen ich mich zum Schulfest verabredet habe. Und an dem Tisch herrscht wenig Heiterkeit, sondern massive Erschöpfung. Es fehle einfach der politische Wille, Schule ganz oben auf die Agenda zu setzen. Vielleicht, so meint die stellvertretende Schulleiterin, sollte man auch die politischen Verantwortlichen an den bekannten Satz von John. F. Kennedy erinnern: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, nämlich keine Bildung!“ Wenigstens – so wünscht sich ihr Kollege – könne man von der Stadtpolitik aus Druck ausüben auf Landes- und Bundesebene, damit sich etwas verändere.

So gehe ich nachdenklich vom Schulfest nach Hause, mit großer Dankbarkeit und Hochachtung gegenüber den engagierten Lehrkräften, die trotz oftmals widriger Umstände das Beste für ihre Schülerinnen und Schüler suchen – und mit der Hoffnung auf mehr Lobbyismus für Bildung!


Siegfried Grillmeyer

Er ist seit 2008 Leiter des Caritas Pirckheimer Hauses, der Akademie der Erzdiözese Bamberg und des Jesuitenordens, sowie Geschäftsführer des dazugehörigen Tagungshotels. Zahlreiche Veröffentlichungen zur politischen Bildung sowie privat von Essays und Kurzgeschichten.
www.grillmeyer.info

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