Carsten Leinhäuser

Versöhnung  

Weil wir euch brauchen

Ein Plädoyer für eine Kirche, in der Frauen und Männer auf Augenhöhe Verantwortung übernehmen

Immer stärker und immer lauter meldet es sich zu Wort. Dieses seltsame Gefühl, dass da irgendwas, das lange Zeit „normal“ war, einfach nicht passt. Vielleicht hat es ja noch nie so richtig gepasst – und wir haben es nur nicht bemerkt. Ausgeblendet, ignoriert oder auch einfach übersehen. Mag sein, dass es früher „normal“ war, dass nur Männer das Sagen hatten. Normal, dass wir – zumindest auf dem Papier – alle Macht und Entscheidungsgewalt für uns allein beansprucht haben. Ob es auch gut war, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Für mich fühlt es sich mittlerweile einfach nur noch befremdlich an, wenn in Sitzungen und Konferenzen unter leitenden Pfarrern ausschließlich Männer über die Herausforderungen in den Pfarreien diskutieren. Mag sein, dass es früher „normal“ war zu glauben, dass nur ein Mann Christus repräsentieren kann. Normal, dass wir das Weiheamt für uns allein beansprucht haben. Ob es auch gut war, steht auf einem ganz anderen Blatt. Ich habe mittlerweile mehr und mehr den Eindruck, dass es uns Klerikern schlichtweg „guttun“ würde, wären da auch Frauen mit ihren Perspektiven in unseren Reihen.

Warum in aller Welt sollten nur Männer in der Lage sein, Jesus zu repräsentieren?!

Früher war es auch mal »normal«, ungefiltert Abgase in die Luft zu blasen. Bis wir gelernt haben (und es immer noch tun), dass wir damit weder unserer Umwelt noch uns selbst, erst recht nicht den Generationen nach uns, etwas Gutes tun. Wir Menschen tragen Verantwortung für unser Handeln. Immer und überall. Wenn wir uns in eine Sache verrannt und Mist gebaut haben, müssen wir mit den Konsequenzen leben und umgehen. So einfach ist das. Das gilt in Sachen Umwelt genauso wie in unserem Umgang miteinander. Das gilt in der Politik und in der Gesellschaft. Und auch in der Kirche! Dort wird mehr und mehr deutlich, dass wir uns gewaltig verrannt haben. Dass wir uns selbst beschnitten, eingeengt und um wertvolle Perspektiven, Chancen und Möglichkeiten gebracht haben: indem wir Frauen ganz pauschal ausgegrenzt und auf den zweiten Platz verwiesen haben. Indem wir vermessen dachten „Wir Männer schaffen das schon allein!“

Wir brauchen die Frauen

Nein. Wir schaffen es nicht allein! Wir brauchen die Frauen, um die Frohe Botschaft glaubwürdig leben zu können. Wir brauchen sie, um überzeugend Kirche sein zu können. Nicht als duckmäuserische Jasagerinnen im Hintergrund und auch nicht als „Quote“, um irgendeinem ominösen Zeitgeist hinterherzurennen.

Fast fünf Jahre lang durfte ich als Diözesanjugendseelsorger und geistlicher Leiter im BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) Seite an Seite und gleichberechtigt mit Frauen arbeiten. Wir haben im Team entschieden, um manche Entscheidungen auch gerungen und gestritten. Oft haben meine Kolleginnen meinen Blick geweitet und mir dadurch auch geholfen, ein besserer Seelsorger zu werden. Auch jetzt, als Pfarrer einer kleinen Landpfarrei bin ich einfach nur dankbar für die Zusammenarbeit mit meiner Kollegin im Seelsorgeteam – und kann einfach keinen logischen und auch keinen theologisch einleuchtenden Grund dafür finden, warum ihr manches verboten bleibt, was ich tun darf …

Wir brauchen Frauen auch in den sogenannten geistlichen Ämtern der katholischen Kirche, weil ihr „Teil des Leibes Christi“ seid, um ein biblisches Bild zu verwenden. Wir brauchen sie, weil sie von Anfang an die ersten Verkünderinnen der Frohen Botschaft waren. Drei Frauen standen am Ostermorgen am Grab Jesu, ungeachtet dessen, dass damals seine Anhänger verfolgt wurden. Während sich die Männer vor Angst verkrochen haben, sind sie ins Licht getreten und haben Entschlossenheit gezeigt.

Starkes Engagement der Frauen trägt die Kirche

Wir brauchen Frauen in den kirchlichen Ämtern, weil sie Perspektiven einbringen können, die uns Männern schlichtweg fehlen. Wir brauchen sie (das wird jetzt peinlich für uns als „starke Männer“), weil wir ohne sie den Karren, den wir an die Wand gesetzt haben, nicht mehr flottbekommen können.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir ohne das starke Engagement von Frauen schon lange aufgeschmissen wären – denn in Wahrheit seid ihr diejenigen, ohne die an so vielen Orten Kirche schon längst tot, begraben und vergessen wäre.

Und wir können heilfroh sein, wenn Frauen jetzt nicht den Kopf schütteln und sagen: „Ihr habt das ohne uns verbockt – und jetzt wollt ihr, dass wir euch dabei helfen, es wieder zu richten? Vergesst es!“

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin kein naiver Träumer. Und ich glaube auch nicht, dass Frauen per se die besseren Priesterinnen, Bischöfinnen, Päpstinnen etc. wären. Am Ende sind wir alle Menschen mit Stärken und Schwächen: Manchen wird es gelingen, überzeugende, glaubhafte und gute Verkünderinnen, Botinnen, Amtsträgerinnen, Entscheiderinnen zu sein. Andere werden den Versuchungen der Macht erliegen. Die allermeisten von uns werden hin und wieder Fehler machen und am Ende um Verzeihung bitten müssen.

Aber eine Kirche, in der Frauen und Männer auf Augenhöhe miteinander Verantwortung übernähmen, wäre um so vieles reicher, ehrlicher, gerechter, geschwisterlicher, vielfältiger, bunter. Was wir brauchen, um dahin zu kommen? Ach, so wenig: nur ein bisschen Mut, Respekt, Anstand, gesunden Menschenverstand. Und schließlich: ein offenes Herz für den Geist Gottes, der so laut und deutlich ruft.

Die Dinos dachten auch, sie hätten noch Zeit

Buch Carsten Leinhäuser Dinos

Carsten Leinhäuser ist katholischer Priester und setzt sich mal zornig, mal humorvoll dafür ein, dass die Kirche wieder wird, was sie einst war: ein Hoffnungsschimmer, ein Rettungsboot, agil, mutig, verständlich und greifbar. Ein Buch für alle, die sich nach neuen Formen sehnen, um ihren Glauben zu leben. 

bene!-Verlag 2022
192 Seiten
ISBN 978-3-96340-238-8

Foto: © Sergej Falk


Carsten Leinhäuser

Jahrgang 1979, ist waschechter Saarländer aus Rohrbach; von Gott begeistert und »Menschenfischer«; ständig im Web unterwegs; Bücherwurm; Langschläfer und Faulenzer; Reisender; Brillen- und Linsenträger; Filmegucker; Fotograf. Unterwegs mit Bibel, Stola & Kaffee. Theologie-Studium in Mainz (1998–2004), Priesterweihe 2006. Kaplan in St. Anton & Christ König, Winzeln, Gersbach und Windsberg. Anschließend verschiedene Funktionen im Bereich Jugendarbeit. 2015–2019 Diözesanjugendseelsorger im Bistum Speyer. Seit Herbst 2019 Pfarrer in Winnweiler/Rheinland-Pfalz.
Foto: © Sergej Falk

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