Weihnachten Predigt Heiligabend

Versöhnung  

Stille Nacht?

Kann die Kirche in diesem Jahr besinnlich Weihnachten feiern?

Wovon sollten Weihnachtspredigten handeln, wenn sich die Kirche in einem desolaten Zustand befindet? Welche Worte sind die Richtigen, wenn Missbrauch eines der ersten Stichworte ist, das Menschen bei „der katholischen Kirche“ in den Sinn kommt? Ist von der Hoffnung predigen überhaupt lauter?

Kirchenkrise

Diese Woche veröffentliche ich die letzte Frage. Seit einem halben Jahr habe ich über eine Internetseite Fragen von Menschen gesammelt, die mit der Kirche hadern. Das Projekt „Kirchenkrise“ habe ich gestartet, nachdem mir immer wieder Leute von ihren sehr persönlichen enttäuschenden Erfahrungen erzählt haben. Und ich wollte, dass diese Geschichten und kritischen Anfragen einen öffentlichen Platz bekommen. Jeden Tag erschien eine dieser Fragen auf Facebook und Instagram, immer nur versehen mit Vornamen und Alter der Person, die fragt. Mehr habe ich nicht ergänzt. Ich habe keine Antworten drunter geschrieben, denn auf viele der Fragen gibt es keine einfachen Antworten, und vor allem oft keine Antworten, die die Fragenden zufriedener machen könnten. Und die Menschen stellen auch Fragen zum Thema Missbrauch, immer wieder.

Warum ich?

Seit Beginn ist mir klar gewesen, dass es da auch Fragen geben wird, die es richtig in sich haben. Und eine hieß ganz schlicht: „Warum ich?“

Michael hat die Frage eingereicht. Er schreibt von sich, dass er mehrfach Missbrauch in der katholischen Kirche erlebt hat. Und er hat ein Gedicht dazu geschrieben.

in der krippe
das missbrauchte kind
die täter knien davor
und verhüllen das leid
mit weihrauch
damit niemand sieht
dass das kind weint
und sich abwendet
von der kirche
in der krippe
das missbrauchte kind
stille nacht – warum
ist schweigen im rund

Glaubwürdigkeit

In wenigen Tagen ist Weihnachten. Und ich weiß, das Thema hier ist überhaupt nicht besinnlich. Aber genau deshalb lässt mich Michaels Frage nicht los. Wie kann die katholische Kirche ehrlich Weihnachten feiern, wenn so viele Menschen in ihr unfassbares Leid erfahren haben? Welche Predigt von Hoffnung klingt nicht hohl, wenn Betroffene von sexualisierter Gewalt sich von (Erz-)Bistümern nicht ernstgenommen und ungerecht behandelt fühlen?

„Welcher Predigt würde ich glauben können, wenn ich da säße?“

Ich habe mich gefragt, ob eine Schweigeminute angemessen wäre, oder eine Schweigestunde – eine Stille Nacht also. Es müsste eine wahrhaftig „Stille Nacht“ sein, damit ich dem Sprecher glauben kann. Es müsste ein Still werden zu spüren sein, das Platz für den Schmerz lässt, den die Kirche verantwortet. Und es müsste gelingen, dass die Gottesdienstbesucher:innen nicht in Haftung für diese Schuld genommen werden. Denn die meisten von ihnen, gerade die, die nur zu Weihnachten im Gottesdienst sind, haben längst größte Identifikationsprobleme mit der Kirche und sind hier nicht zu vereinnahmen.

Kirche Gottesdienst

Zählen

Also wie von der Hoffnung der Weihnachtsgeschichte predigen? Wenn ich da selbst stehen würde, würde ich wohl über den Anfang der Bibelstelle sprechen: Über das Zählen. Ich würde mir die Zahl der Betroffenen in meiner Diözese raussuchen, die Studien zu sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche (wie die 2018 erschienene MHG-Studie) herausgestellt haben. Im Bistum Essen gab es zwischen 1946 und 2014 mindestens 100 Opfer sexualisierter Gewalt. Und die Studien vermuten in allen (Erz-)Diözesen eine höhere Dunkelziffer. Ich würde also bis 100 zählen. Und ich würde Michaels Gedicht vortragen. Und seinen Namen sagen. Weil ich Teil der Täter- und Unterlasserorganisation bin. Weil ich möchte, dass Michael und alle anderen Menschen einen Namen haben, und mehr als eine Zahl sind.

Gott zählt die Tränen, die wir weinen. Und er kennt alle Namen der Menschen, die sexualisierte Gewalt in der Kirche erlebt haben, ob diese vertuscht wurde oder offenbar geworden ist.

Und ich glaube, das wäre meine einzige ehrliche Botschaft von Hoffnung in diesem Jahr. Dass es ein gerechter Gott ist, nicht nur ein barmherziger.

Fotos: © jock+scott/photocase.com, © zettberlin/photocase.com

Zum Projekt »Kirchenkrise«

Fragen an die Kirche

Regina Laudage-Kleeberg hat das Projekt Kirchenkrise.de ins Leben gerufen. Es sammelt einfach Fragen, und zwar an die Kirche. Was sich zunächst ganz harmlos anhört, offenbart in drastischer Deutlichkeit die Unzufriedenheit in der Kirche. Und das Projekt zeigt, welchen Rollenwandel die Kirche machen muss, um überhaupt noch eine Rolle zu spielen.

Ein Interview zum Projekt finden Sie hier:


Regina Laudage-Kleeberg

Sie liebt das Anders Sein und das Anders Werden von Menschen, Systemen und Organisationen. Das Anders Sein hat sie geprägt: als Rheinländerin in Franken, als Deutsche in Istanbul. Sie ist das vierte von sechs Geschwistern und hat selbst zwei Söhne. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Münster, arbeitet mit Begeisterung im Change Management und schreibt für ihr Leben gern, u.a. gerade ein Buch über das Gefühl, katholisch irgendwie obdachlos zu sein.

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