Weihnachten Ulrike Gentner

Versöhnung  

Gott vertraut sich uns Menschen an

Was uns Weihnachten heute sagen kann

Gott wird Mensch. Das ist die Quintessenz des Geschehens, das sich vor gut zweitausend Jahren in Bethlehem ereignet hat. Was ist die Botschaft davon? Was bedeutet das für uns heute – in diesem Jahr, das von Krieg und Unsicherheit, aber auch von Zusammenhalt und Aufbrüchen geprägt war?

„… Und der Engel sprach zu ihnen: ‚Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.‘“

Die Zeilen aus dem Lukasevangelium klingen für viele Christen und Christinnen bekannt und vertraut. Und doch beschreiben sie eine erstaunliche Wendung in der Geschichte: Gott kommt auf die Welt – und zwar eben nicht als unendlicher Gott. Nicht als eine Art Superheld.

Der unbegrenzte Gott kommt in eine begrenzte Welt. Als Säugling kommt Gott in diese Welt – in einer Futterkrippe, die Ochs und Esel gehören, hilflos und abhängig. Als Baby, das komplett auf Menschen angewiesen ist – dass sie es umsorgen, ernähren und wärmen. Was hier passiert ist ein Vertrauensvorschuss: Gott vertraut sich den Menschen an. Das ist unglaublich.

Man muss sich das ausmalen: über 130 km von Nazareth nach Bethlehem ist die hochschwangere Maria auf einem Esel übers Land unterwegs und bringt in einem Stall ihr Kind zu Welt. Gott naht in Armseligkeit.

„Wie wenn ich mich gegenwärtig fände“

Die „Geistlichen Übungen“ des Mystikers und Ordensgründers Ignatius von Loyola sind für uns wichtig geworden. Wenn ich die Stelle zu Weihnachten lese „schauen und erwägen, was sie tun, … damit der Herr in höchster Armut geboren werde“, wird dies noch eindrucksvoller. Mit „sie“ ist hier Maria und Josef gemeint.

Ignatius fordert darin auf, mit allen Sinnen das damalige Geschehen wahrzunehmen: den Weg, den Geburtsraum, was die Menschen rund um die Krippe wohl sprechen … Ich werde ermutigt, mir das so vorzustellen, „wie wenn ich mich gegenwärtig fände“. Was bewegt mich, was entsteht da in mir?

Es ist eine außergewöhnliche Situation. Wenn ich mich frage, was die Botschaft von Weihnachten heute sein könnte, dann wäre es das: Gott lässt sich auf Menschlichkeit ein. Wir dürfen von Gott lernen.

Gott macht es uns vor: Er vertraut auf das Menschliche. 

Das ist doch ein Wunder, sich so anzuvertrauen – und unser Alltag?

Tatsächlich ist unser Alltag oft durchgeplant. Wir bestreiten Termine, haben Verpflichtungen und sorgen mehr und mehr dafür, dass uns das Smartphone durch den Tag bringt. Ich denke mir oft: Es ist eine scheinbare Kontrolle, die wir haben. Wir können vieles minutengenau durchplanen und vorbereiten – so wie wohl kaum Menschen vor uns.

Das Bedürfnis nach Kontrolle zeigt sich auch in den Strategien, wie wir uns abgrenzen – durch Autorität, Status, Besitz, Absicherungen und mehr. Uns anvertrauen? Wir machen das vielleicht in Situationen bei Krankheit wie auf dem OP-Tisch, uns in die Hände von anderen zu geben. Wir lernen doch, wie naiv es sein kann, im Alltag ohne Schutzschild herumzulaufen. Wir lernen, dass eine waffenfreie Gesellschaft leicht zur „Beute von Wölfen“ wird.

Das Evangelium erzählt eine andere Botschaft. Es erzählt vom Freisein von Angst, von bedingungsloser Liebe und es lädt ein, in eine andere Richtung zu sehen: Nicht mehr auf Kontrolle zu setzen, sondern auf das Menschliche zu vertrauen. Und sich auch verwundbar zu zeigen, ohne Perfektionismus – eben wie Gott: Verletzlich und mit einem Vertrauensvorschuss in das Menschliche.

Wie kann das aussehen? Ich denke an unterschiedliche Situationen: Wenn sich eine Schulleiterin bei ihrer sechsten Klasse entschuldigt, weil sie in einem Konflikt nicht gut reagiert hatte. Wenn ein einundzwanzigjähriger Mann ehrenamtlich nach Mitternacht medizinische Notfallfahrten über hundert Kilometer übernimmt zum Transport von Blutkonserven. Ein Taxifahrer seiner Idee treu bleibt, privat zu sparen und Geld für ein Krankenhaus in Nepal sammelt. Wenn wir uns gegenseitig nicht nur von den Erfolgen erzählen, sondern auch von dem, was uns belastet und nicht gelingt.

Schicksalsstunde für den Menschen

Bei all unseren Wünschen, unverwundbar und fehlerfrei zu sein: Von Gott dürfen wir lernen aufzugeben, unverwundbar sein zu wollen. Dann können wir annehmen, was in uns nicht heil ist, sondern verletzlich. Und wir können erfahren, dass das Heil bei Gott ist. Wir dürfen dies zulassen und uns an Gott wenden.

Gott wird Mensch, das könnte heißen: der transzendente, für uns unfassbare Gott kommt uns so weit entgegen und bietet seine ultimative Hilfe an: Gott sagt ja zur Welt, zum Menschen, fördert und fordert ihn, vertraut dem Potenzial des Menschen, Bote, Botin des Lichtes zu sein.  

Es gibt die Einladung an uns, Mensch zu werden. Vertrauen, auch wenn Logik und Erfahrung etwas Anderes einflüstern. Ein Vertrauen, von dem wir spüren, dass es einen anderen Ursprung hat, das uns eine Verheißung ahnen lässt.   

Das ist wahrlich ein veränderter Einschnitt – und eine große Botschaft. Der Jesuit Alfred Delp bringt dies eindrucksvoll auf den Punkt: „Vor der Krippe entscheidet sich viel. Viel mehr als man ahnt. Das ist nicht ein Idyll, das ist die Schicksalsstunde für den Menschen, und es ist wirklich für den einzelnen von Bedeutung, dass wir ahnen, dass dort eine Güte und eine Freundlichkeit, ein Heil für uns, die Menschen, die Welt liegt.

Foto: © faniemage/photocase.com


Ulrike Gentner

ist Theologin und Pädagogin mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Erwachsenenbildung. Als stellv. Direktorin des Heinrich Pesch Hauses und Direktorin Bildung prägt sie die Katholische Akademie Rhein-Neckar. Zugleich leitet sie das Zentrum für Ignatianische Pädagogik, das Schulen im deutschsprachigen Raum berät und Leitungs- und Fachkräfte qualifiziert. Sie ist Trainerin für Leadership und Organisationsentwicklung, Referentin für ignatianische Spiritualität und Pädagogik sowie Autorin von Publikationen zu Politischer Bildung, Didaktik und Spiritualität.
heinrich-pesch-haus.de

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