Jahresrückblick Corona

Versöhnung  

Was bleibt von diesem Jahr?

Warum wir nicht alles verwerfen sollten, was wir in diesem Jahr erlebt haben

Schrottig. Katastrophal. Bedrohlich. Ungewiss. Die Zuschreibungen zum Corona-Jahr sind meist negativ. Das ist gut verständlich. Bei vielen mischt sich auch Trauer und Fassungslosigkeit. Aber es gab auch schöne Momente und neue Dinge, die man entdeckt und sich angeeignet hat. Nicht alles muss ad acta gelegt werden. Hier schreiben einige Mitglieder aus der Redaktion von Sinn und Gesellschaft darüber, was ihnen in diesem Jahr wichtig wurde.

Tobias Zimmermann SJ über die Frage: „War es ein schreckliches Jahr?“

Jahresrückblick

Der Tenor im Jahresrückblick auf 2020 ist: Ein Jahr zum vergessen! Wirklich? Reflexhaft hätte ich beinahe zugestimmt, zumal bei mir über dem Jahr 2020 nicht nur Corona steht, sondern der völlig überraschende Tod enger Weggefährten und einige schwere Erkrankungen im Familien- und Freundeskreis. Und auch mir persönlich hat die Krise das Leben wirklich nicht leicht gemacht: Existentielle wirtschaftliche Sorgen; Das Anarbeiten gegen die Folgen der Krise, manchmal bis an den Rand der völligen körperlichen und mentalen Erschöpfung.

Aber dann stolpere ich am Ende dieses Jahres im Angesicht der winterlichen Landschaft über dieses völlig überraschende Gefühl von – es ist nicht einfach Zufriedenheit – eher ein tiefes Einvernehmen mit dem Leben. So ist es, manchmal sonnig, dann stürmisch und karg wie das Leben im Winter. Und, ja, die Abschiede und der Schmerz darüber gehören auch dazu, Übergänge in eine andere Form der Verbundenheit.

Und dann fand ich gestern in Sean Scullys Buch „Inner“ diese Passage, die ich mit Euch teilen möchte: „Wenn man verschwindet, und wenn alles, worin man lebt und was man tut und kennt, verschwindet, wird sich die Welt weiterdrehen (außer sie bleibt stehen). Und so oder so wird sie Sie (oder mich, natürlich) nicht speziell mit einbeziehen. Wenn man dem zustimmen kann, kann man diese Welt lieben.“

Doch bevor man in den Fluss fallen und sich mit allem Übrigen weitertreiben lassen kann, muss man seine Angst ablegen. „So oder so wird alles, was geschehen soll, geschehen, ob man das will oder nicht. Wenn man das lieben kann, kann man handeln.“

Tobias Zimmermann SJ ist Direktor des Heinrich Pesch Hauses und leitet das Zentrum für Ignatianische Pädagogik.


Ulrike Gentner über eine Schlagzeile aus der Tageszeitung

FAZ

Was ich aus einer Schlagzeile vom 22. März 2020/FAZ.Net mitnehme: „Französische Corona-Patienten in deutschen Kliniken“

Drei Bundesländer nehmen aus überlasteten Krankenhäusern im Osten Frankreichs an Covid-19 Erkrankte auf und stellen Intensivbetten bereit. Hätte jemand Soldaten in den Schützengräben an der Front des 1. Weltkrieges und im 2. Weltkrieg von der grenznahen Hilfe erzählt, sie hätte das vermutlich für Utopie gehalten.

Für mich ist das bedeutsam, da mein Vater im Mai 1945 mit 16,5 Jahren in französische Gefangenschaft kam, als Zwanzigjähriger gelang ihm die Flucht. Zeitlebens hat er sich in der deutsch-französischen Partnerschaftsarbeit engagiert. Mir gibt es Hoffnung, dass zukünftige Generationen Lösungen finden auf (weltweite) Probleme, wo wir aktuell noch Wege suchen oder die Bereitschaft zur Umsetzung fehlt. Dennoch zählt: „Die Zukunft hängt davon ab, was wir heute tun.“ (Gandhi) 

Ulrike Gentner ist stellv. Direktorin des Heinrich Pesch Hauses und leitet das Zentrum für Ignatianische Pädagogik.


Matthias Rugel SJ über seine Leseentdeckung des Jahres 2020: die Tagebücher von Etty Hillesum

Etty Hyllesum

Ich habe Etty Hillesums Tagebücher Anfang des Jahres kennengelernt. Hillesum ist säkulare Jüdin in Amsterdam, bis ein gutes Jahr vor ihrem Tod hat sie studiert und als Dozentin gejobbt. Bevor sie 30 Jahre alt wird, wird sie in Auschwitz ermordet. Sie beschreibt, wie sie anlässlich eher skurriler Umstände – eine Stunde beim Handleser usw. – langsam Gott entdeckt. Aus ihrer Zeit im Übergangslager Westerbork ist bekannt, dass sie mit großer Liebe mit ihren Volksgenossen umging und die Deutschen nicht hasste.

Ich stelle sie mir als charismatische Sozialarbeiterin vor. Bei allem Elend, das sie im Lager beschreibt, ist da etwas Außergewöhnliches. Sie geht abends hinaus und sieht „die Herrlichkeit“. Und auch ich, weiß Gott in einer leichteren Situation, habe während des ersten Lockdowns, als ich bewusst viel draußen war, solches erlebt. Auch ich nenne – vielleicht ganz andere Erlebnisse – „die Herrlichkeit“: Eine Schar bunter Tauben zum Beispiel, die mich lange umkreisten. Die Sonne, wie sie sich im See spiegelte. Oder wie zwei Frösche ihre Backen aufblähten und sangen. Jetzt im zweiten Lockdown sehe ich das nicht mehr. Aber es wird wiederkommen, wenn ich es brauche.

Matthias Rugel SJ ist Bildungsreferent im Heinrich Pesch Haus mit den Schwerpunkten Flüchtlingsarbeit, Religion und Spiritualität sowie Weltanschauungsfragen.


Jana Sand über die Dankbarkeit, hier leben zu können

Ich bin dankbar, durch Zufall und nur weil ich hier geboren bin, diese Zeit der weltweiten Pandemie in Deutschland zu verbringen. Einem demokratischen und reichen Land, zum Wohle der Menschen handelnd. Mich machen die vielen negativen Aussagen zu unserer Politik wütend und die Menschen, die sich den Entscheidungen widersetzen ratlos. Abgesehen davon, dass es eine solche Situation noch nie gab, die zu treffenden Entscheidungen möchte ich nicht fällen. Gleichzeitig gibt es in unserem Land die nötige Infrastruktur, wir haben ein schützenswertes Gesundheitssystem und das Gut der Bildung wird hochgehalten.

Man kann wütend, ungeduldig und ratlos sein. Man darf Ängste und Sorgen teilen. Aber ich empfinde große Dankbarkeit für unser Land und den Zufall hier zu sein.

Jana Sand leitet die Familienbildung im Heinrich Pesch Haus.


Kai Stenull über die App „ARD Audiothek“

Tagesschau-App

Die App „ARD Audiothek“ ist sicherlich kein Geheimtipp mehr. Immerhin haben sie seit ihrem Erscheinen 2017 mehr als 500.000 Menschen heruntergeladen. Ich habe sie erst in diesem Frühjahr kennen und schnell auch schätzen gelernt. Alles hat damit angefangen, dass eine Kollegin von diesem Audio-Podcast erzählte, in dem der bekannten Virologe Christian Drosten regelmäßig interviewt wird. Und tatsächlich – durch das regelmäßige Coronavirus-Update erhielt ich einen Einblick in die mir unbekannte Welt der Virologie und erfuhr von den aktuellen Entwicklungen in der Corona-Forschung. Die App wurde mir ein ständiger Begleiter.

Vor allem weil ich im „Lockdown“ und auch danach während der HomeOffice-Phasen deutlich mehr Zeit in der Küche verbrachte. Beim Kochen und beim Spülen war die meist App eingeschaltet. Sicherlich lief die App oft nur nebenbei. Und doch habe ich an mir beobachtet, dass ich das „Hören“ neu für mich entdeckte. Ich nahm mir einen Moment Zeit, um bewusster hinzuhören oder hörte Stellen noch einmal, wenn ich etwas nicht verstanden hatte. Dank dieser App bin ich dieses Jahr besser durch die Corona-Krise gekommen: ich habe über den Corona-Virus vieles neu gelernt, aber auch darüber, wie man über wissenschaftliche Politikberatung kommunizieren kann.

Kai Stenull ist Bildungsreferent im Heinrich Pesch Haus, Katholische Akademie Rhein-Neckar


Anette Konrad über den Song „Memories“

„Memories“ – Erinnerungen – heißt ein Song der amerikanischen Band Maroon 5, der im September 2019 erschienen ist. Gerade rechtzeitig, um mich durch dieses ungewöhnliche Jahr 2020 zu begleiten. Sänger Adam Levine und seine Bandmitglieder erinnern sich in diesem Song an alte Freunde. Erinnerungen haben auch mich durch dieses Jahr getragen. Erinnerungen an Begegnungen mit lieben Menschen, Erinnerungen an viele Reisen und Lieblings-Plätze, die plötzlich in weite Ferne gerückt sind.

Ich habe in alten Fotos gestöbert und mich dabei an viele schöne Erlebnisse und beglückende Momente erinnert. Lockdowns, Kurzarbeit und Kontaktbeschränkungen hatten auch etwas Gutes: Ich hatte endlich Zeit und Muße, aus diesen Bildern Fotobücher zu machen und damit neue Erinnerungen zu schaffen – immer verbunden mit der Hoffnung, dass all dies hoffentlich bald wieder möglich sein wird und der Dankbarkeit für all das, an das ich mich erinnern darf.

Anette Konrad leitet im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.


Stefan Weigand über das Alleinsein

„Komm, wir könnten doch mal zusammen joggen oder eine Runde mit dem Fahrrad drehen?“ Solche Angebote finde ich immer verlockend und sage gerne zu. In diesem Jahr habe ich Sie aber ausgeschlagen.

Viele Telefonate, viel Austausch, viel Miteinander: Beruflich besteht mein Tag aus vielen Kontakten und Gesprächen. Das hat sich in der Corona-Zeit deutlich verdichtet: Meine Mitarbeiter waren alle im Homeoffice; auf einmal haben wir Projekte nicht mehr kurz nebeneinander am Schreibtisch besprochen, sondern in längeren Sitzungen am Telefon; schnelle Skizzen auf dem Papier gab es nunmehr nicht mehr zum Anfassen, sondern nur noch über den Bildschirm. Auch zu Hause hat sich der Austausch verdichtet: Homeschooling bedeutete für uns, unsere Kinder wirklich rund um die Uhr bei uns zu haben. Das sorgt für Reibung – und auch wieder für Austausch und manchmal auch Lärm.

Ein Segen waren mir dann die Runden mit den Laufschuhen oder dem Fahrrad. Einfach eineinhalb Stunden unterwegs sein. Im Regen, unter der Sonne, durch den Frühnebel. Hauptsache: Allein. Ganz ohne Gespräche. Aber trotzdem im Austausch. Mit mir selbst.

Stefan Weigand führt das Büro für Gestaltung wunderlichundweigand, das Sinn und Gesellschaft realisiert.


Fotos: © Johann Spermann SJ, FAZ, shutterstock, © Stefan Weigand

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