Transformation  

Verkehrswende gegen Mobilität?

Stefan Kiechle SJ wirft einen Blick auf die Ambivalenz des Reisens

Zum Christentum gehört der interkulturelle und der interreligiöse Austausch – dazu braucht es Mobilität, Begegnung, Reisen. Was bedeutet das angesichts der Dringlichkeit der Verkehrswende?

Mobil zu sein und zu reisen, ist ein auch spiritueller Wert: Reisende erkunden die Welt, sie treffen Menschen und verbinden sich. Wer andere Kulturen, Sprachen und Religionen kennenlernt und besser versteht, erweitert seinen Horizont und öffnet sich für Neues. Der interkulturelle Austausch überwindet Vorurteile und fördert Respekt und Anerkennung – was Nationalisten und Rechtspopulisten ablehnen.

Reisen bildet, es macht tolerant und hilft zum Frieden – literarische Reiseberichte sind große Zeugnisse dafür. Selbstverständlich kann Reisen zur Versuchung werden: Rastlose Menschen, ständig auf der Flucht vor sich selbst, suchen Zerstreuung und vergeuden ihr Leben; auch davon spricht die Literatur.

Das Christentum ist eine universale Religion – Christus will das Licht aller Völker sein, in ihm sind alle Menschen eins. Religion verbindet Menschen untereinander und mit Gott, sowohl innerhalb einer Religion wie auch im toleranten Miteinander verschiedener Religionen.

Zum Christentum gehört der interkulturelle und der interreligiöse Austausch – dazu braucht es Mobilität, Begegnung, Reisen.

Im gelungenen Fall trägt Religion zum Frieden bei; wo sie sich jedoch identitär vom Anderen abgrenzt, beteiligt sie sich an Spaltung und Gewalt.

Reisen mit spiritueller Suche

Seit Beginn des Christentums gibt es eine Kultur des Pilgerns: Meist zu Fuß reisen Tausende zu heiligen Orten, mit spirituellen Motiven und mit solchen der Buße, der Heilung, der Suche nach Gott. Viele Religionen kennen das Pilgern: Nach Schätzungen der Tourismusorganisation der Vereinten Nationen pilgern weltweit etwa 330 Millionen Menschen zu religiösen Stätten – jährlich. Sie machen knapp ein Drittel aller touristischen Reisen aus.

Hinter diesen Reisen steht eine ausdrückliche spirituelle Suche. Hinter vielen weiteren steht wohl eine indirekte Suche: Leib und Seele wollen sich erholen. Die Natur soll dem geplagten Städter Aufatmen und Ruhe verschaffen. Kulturelle Erlebnisse und Kunstwerke erheben die Seele.

Je wohlhabender Menschen sind, desto mehr reisen sie. Wir Deutsche sind Weltmeister im Reisen. Fliegen ist selbstverständlich geworden, für jüngere Menschen immer mehr. Hier zeigt sich die Kostenseite der Mobilität: Der Ressourcenverbrauch und der CO2-Ausstoß sind enorm – Flüge schädigen das Klima zusätzlich durch Kondensstreifen und durch die große Höhe, in der sie die Treibhausgase ausstoßen. Privatflugzeuge und SUVs nehmen nach neuesten Berichten enorm zu.

Auch im Kleinen und Lokalen verändert sich die Mobilität: Der höhere Wohnkomfort – am liebsten Einfamilienhaus mit Garten am Waldrand – bringt großen Landschaftsverbrauch, erhebliche Heizemissionen und weite Wege fürs Berufspendeln.

Auch die weltweite Migration – politisch, wirtschaftlich oder ökologisch erzwungen – vermehrt die Mobilität. Arme, die selbst kaum reisen, leiden am meisten unter dem Klimawandel. Der Massentourismus verdirbt „touristisch attraktive“ Stätten und lokale Kulturen … Die Ambivalenz-Liste der Mobilität ließe sich beliebig verlängern.

Verkehrswende und Reisen

Alle reden von der Verkehrswende: Wir sollen anders reisen, mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln statt mit privaten und mit ökologisch sensibler Technik. Der Umbau des Verkehrs steht dringend an. Auch die Politik engagiert sich anfanghaft dafür. Sollen wir auch weniger reisen? Braucht es wirklich, um im Winter eine Woche Sonne zu tanken, den Billigflug nach Santo Domingo oder nach Thailand? Kann der Massenverkehr auf deutschen Autobahnen verringert werden? Der sozial-ökologische Umbau wird nicht ohne Verzichte gehen, für uns wohlhabende Menschen von einem sehr hohen Konsumniveau auf ein etwas niedrigeres.

Steht die Dringlichkeit der Verkehrswende definitiv gegen den hohen humanen und spirituellen Wert der Mobilität? Ja, es gibt einen bleibenden Konflikt. Wenn acht Milliarden Menschen so viel reisten wie derzeit die Reichen, würde der Planet in Kürze kollabieren. Was ist zu tun, um eine maßvolle Mobilität weiter zu ermöglichen und dennoch die Erde für künftige Generationen zu schützen? Zunächst sind Gemeinwesen und Staaten gefordert: etwa den CO2-Ausstoß höher zu bepreisen – das ist effizienter als mit Verboten den menschlichen Freiheitsdrang zu kränken; den öffentlichen Verkehr zu entwickeln, nicht den individuellen; neue Techniken zu fördern.

Auch der Einzelne ist gefordert: auf unangemessenes und unnötiges Reisen zu verzichten; ökologisch verträgliche Verkehrsmittel zu wählen, auch wenn diese bisweilen weniger bequem sind. Dafür braucht es Umkehr, auch im spirituellen Sinn, und es braucht zivilgesellschaftliches Engagement.

Und die Kirchen?

Auch sie leben vom weltweiten Austausch, von der Begegnung – sonst erstarren sie noch mehr. In der Tat gibt es in den Kirchen viele internationale Treffen, sowohl von Funktionären als auch von großen Gruppen pilgernder Christen. Für Weltjugendtage fliegen Hunderttausende recht unbekümmert um den halben Globus. Auch die Kirchen dürfen ihre Reiseaktivitäten durchaus ökologisch sensibler gestalten. Und sie sollten nicht nachlassen zu verkündigen, dass sowohl die spirituelle Begegnung zwischen Kulturen als auch die Bewahrung der Schöpfung ursprünglicher christlicher Auftrag sind.

Stimmen der Zeit

Der Beitrag von P. Stefan Kiechle SJ ist in der Juni-Ausgabe von “Stimmen der Zeit” Erschienen (Heft 6/2023). Die komplette Ausgabe finden Sie hier.

Foto: © Dr. Christian Ender


Stefan Kiechle SJ

war Hochschulpfarrer und Novizenmeister, Cityseelsorger und Provinzial der Jesuiten. Derzeit ist er Chefredakteur der Kulturzeitschrift „Stimmen der Zeit“ und Delegat für Ignatianische Spiritualität.

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