Fastenzeitimpuls Stille

Stille

Ein Impuls von Klaus Mertes zur Fastenzeit (2)

Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge, voll mit Passagieren, in die beiden Türme des World-Trade-Centers in New York gesteuert wurden, war die Welt erschüttert. In Berlin ordnete der damalige Schulsenator für 12 Uhr mittags eine Schweigeminute an allen Schulen an. Doch in den Schulen regte sich Widerstand: Das würde die Schülerinnen und Schüler überfordern. Das wiederum erregte Unmut und Ärger in vielen öffentlichen Äußerungen: Es müsse doch möglich sein, wenigstens eine Minute lang gemeinsam zu schweigen.  

Ich war damals Lehrer und dachte mir: Wer so redet, hat keine Ahnung von Schule; hat keine Ahnung von der Verletzlichkeit gemeinsamen Schweigens; und hat schließlich auch keine Ahnung von der Kraft gemeinsamen Schweigens, von gemeinsam erlebter Stille.

Damals begann ich zu begreifen, dass man gemeinsames Still-sein lernen muss. Mir schien Schule ein geeigneter Ort zu sein, damit zu beginnen.  Gemeinsam angemessene Körperhaltung einnehmen, Blick senken, mit der Aufmerksamkeit nach innen gehen. Für Kinder und Jugendliche ist das ungewöhnlich.  Am meisten hilft es für die Einübung, wenn man Minuten der Stille ritualisiert – am Beginn oder Ende des Unterrichts, am Beginn oder Ende von Konferenzen. Eine Schulversammlung in einer Turnhalle verläuft völlig anders, wenn sie damit beginnt, dass sich 800 Schülerinnen und Schüler im Versen- oder Schneidersitz auf den Boden setzen, eine aufmerksame Haltung einnehmen und sich zunächst einmal für eine Minute der gemeinsamen Stille öffnen.

Von der Kraft der Stille

Wenn die Jugendlichen solches Verhalten gewohnt sind, braucht man dafür gar keinen disziplinarischen Druck aufzubauen. Es funktioniert von selbst. In solcher Stille wird Gemeinschaft, Solidarität und Zugehörigkeit ganz tief erfahren. Das melden mir heute ehemalige Schülerinnen und Schüler zurück, wenn sie auf ihre Schulzeit blicken.

Stille wird in der lauten Stadt und im hektischen Alltag in der Regel als etwas Leeres erlebt. Die Leere muss gefüllt werden – mit Dauerbeschallung im Auto-Radio, mit Fingern am i-Phone oder mit Konsole im Park. Sollte Ihnen auffallen, dass Sie Stille nicht aushalten, dann schlage ich Ihnen vor: Machen Sie sich das bewusst, atmen Sie tief durch und lassen Sie mal eine Minute Stille zu. Sie werden sehen: Je öfters Sie das machen, um so mehr werden Sie Mensch.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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