Holzknecht Hoheneichen Jesuiten

Versöhnung  

»Hier geht es um das Sein«

Welche Rolle spielt heute Spiritualität? Albert Holzknecht SJ im Interview

Albert Holzknecht leitet seit 2020 das Haus HohenEichen. Das geistliche Zentrum der Jesuiten liegt am Elbhang, am östlichen Rand Dresdens. Es bietet spirituelle Angebote in einer Gegend, die eine der konfessionslosesten in Deutschland zu sein scheint. Welche Rolle spielt Spiritualität überhaupt noch? Dazu haben wir den Jesuiten befragt. 

Welche Relevanz hat Spiritualität angesichts vieler Krisen wie dem Ukrainekrieg, Corona und knapper werdenden Gütern?

Ich denke, dass Spiritualität für Menschen sehr bedeutsam ist – unabhängig von aktuellen Krisen. Menschen erleben sich häufig als Angefragte und in ihrer Existenz als fragile, angreifbare, endliche Wesen. Das Leben kann sehr schnell in eine andere Richtung gehen als die, in die ich mir das vorgestellt habe. Positiv erleben Menschen dies häufig, wenn sie sich verlieben: Von einem Moment auf den anderen ändert sich das Leben. Was gerade noch grau und trist war, kann durch Sich-Verlieben mit einem Mal farbenfroh und rosa-rot werden. Negativ passiert dies oft durch Krankheiten, Unfälle, Trennungen, Todesfälle oder die von Ihnen angesprochenen Krisen.

Und ganz gleich, ob positiv oder negativ – ich erlebe immer wieder in meinen Gesprächen, wie wichtig und wertvoll es ist, eine Beziehung, eine Offenheit gegenüber Gott, dem Göttlichen, der Kraft des Geistes zu pflegen, aus der heraus Menschen erfahren können: „Ich bin gewollt und angenommen – so wie ich bin. Mit all meinen Brüchen. Mit meiner Traurigkeit. Mit meinem Lachen. Mit meiner Spontaneität. Mit meinen Tränen und meiner Freude. Ich bin wertvoll.“

Hier geht es um das Sein. Mein Sein als Mensch. Als ein Mensch in Beziehung. Es geht nicht darum, was ich alles an Materiellem habe. Oder wie viel Macht ich habe.

Hoheneichen Dresden Jesuiten
Die Kapelle im Exerzitienhaus HohenEichen bei Dresden

Und vor diesem Hintergrund die materiellen Dinge so zu nutzen, dass ich ihren Wert schätze und sie zu meinem Wohl und dem Wohl meiner Mitmenschen einsetze, ist der Wert einer geerdeten Spiritualität, wie ich sie verstehe. Dann ist Spiritualität nicht etwas Weltfremdes, sondern im Gegenteil: Mit der Welt und dem Leben verbunden. Dann bemühe ich mich um Frieden in meinen Beziehungen. Versuche Brücken zu bauen zu isolierten Menschen. Nutze die Geschenke der Schöpfung so, dass auch andere Menschen diesen Reichtum der Schöpfung nutzen und erleben können. Und so, dass auch in 100 Jahren für alle genug zum Leben da ist.

Das Wort „Spiritualität“ wirkt abstrakt. Welche Formen von Spiritualität werden im Haus HohenEichen gelebt?

HohenEichen ist ein Werk der Jesuiten. Dementsprechend leben wir die ignatianische Spiritualität, die auf unseren Gründer, Ignatius von Loyola zurückgeht. Wichtig ist uns dabei der Grundgedanke von Ignatius: „Gott in allen Dingen suchen und finden.“ Das heißt: Alles kann zur Quelle der Begegnung mit Gott werden. Oder wie P. Alfred Delp SJ gesagt hat: „In allem will Gott Begegnung feiern. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend.“ In der Schönheit der Schöpfung kann ich die Fülle und den Reichtum Gottes entdecken, aber auch im Leid kann ich die Erfahrung machen, dass ich gehalten bin von einer großen Liebe.

Ein Gast schrieb kürzlich in unser Gästebuch: „Als Gott die Erde küsste, trafen seine Lippen HohenEichen.“ – in HohenEichen gibt es viel Schöpfung und eine bergende Ruhe, die Menschen immer wieder staunen und etwas von  der Größe und Liebe Gottes erahnen lässt.

Wie pflegen Sie Ihre eigene Spiritualität?

Meine Spiritualität ist wesentlich geprägt durch meine Herkunft. Ich bin ich Südtirol aufgewachsen und daher den Bergen sehr verbunden. Der ehemalige Bischof von Innsbruck, Reinhold Stecher, hat ein Buch mit dem Titel „Botschaft der Berge“ verfasst, in dem er gleich auf der zweiten Seite, quasi als Erläuterung zum Buchtitel schreibt: „Viele Wege führen zu Gott, einer geht über die Berge.“

Wenn ich nach einer anstrengenden Zeit auftanken muss, gehe ich in die Berge – um Gott näher zu kommen. Und selbstverständlich besuche auch ich einmal jährlich Exerzitien, um mich auf die Suche nach Gott in meinem Leben zu begeben. Darüber hinaus ist mir die Schriftbetrachtung ein wichtiges Element meiner Spiritualität. Dabei versuche ich, die biblischen Szenen lebendig werden zu lassen und mich an die Stelle derer zu versetzen, von denen die biblischen Erzählungen handeln.

Wie hat sich beispielsweise Zachäus gefühlt, der auf einen Baum stieg, um Jesus zu sehen? Welche Sehnsucht bewegte ihn dabei? Wie ging es ihm, als Jesus zu ihm hinaufschaute und zu ihm sagte: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ Mit dem, was da in mir lebendig wird, wende mich im Gespräch an Gott.

Hoheneichen Holzknecht Jesuiten

Wieso sind Exerzitien, die auf Ignatius von Loyola aus dem 16. Jahrhundert zurückgehen, heute noch wichtig?

Weil sich der Mensch als Mensch mit seinen Bedürfnissen und existenziellen Fragen in den letzten 500 Jahren nicht wesentlich verändert hat. Der Geist braucht ebenso wie der Körper Übung, um in Form und fit zu bleiben. Exerzitien sind nichts anderes als das: Geistliche Übungen. Übungen, um in Kontakt zu mir selbst, zu anderen und zu Gott zu kommen.

Paul Simon und Art Garfunkel haben in den 70er Jahren das Lied „Sound of silence“ geschrieben. Darin beklagen sie die Unfähigkeit vieler Menschen, miteinander in Kontakt zu kommen. Sie reden, ohne zu sprechen. Sie hören, ohne zuzuhören. Und genau darum geht es in den Exerzitien. In Kontakt zu kommen. Um Verbindung herzustellen und über Wichtiges zu sprechen und nicht nur hohle Worte zu verwenden.

Für welche Menschen eignet sich eine geistliche Begleitung oder mehrtägige Exerzitien?

Grundsätzlich eignet sich eine geistliche Begleitung für jede und jeden. Das geistliche Leben, die Suche nach Gott, das Entdecken der Spuren Gottes im Leben mit jemandem zu reflektieren und danach zu schauen, welchen Beitrag ich zu einem gelingenden Leben in Beziehung leisten kann, ist für alle Menschen von Bedeutung. Mehrtägige Exerzitien, was ja bedeutet, dass ich mehrere Tage schweige, mich Gott aussetze, indem ich Schrifttexte lese, meditiere und mich existenziellen Fragen zuwende, erfordern eine gewisse körperliche und geistige Gesundheit beziehungsweise Stabilität.

Wenn sich jemand unsicher ist, ob Exerzitien für sie oder ihn geeignet sind, kann er beziehungsweise sie sich gern an uns Begleiterinnen und Begleiter wenden. Wir bieten in HohenEichen eine Vielzahl von unterschiedlichen Exerzitien an, unter anderem Schnupperexerzitien oder die sogenannten „Exerzitien nach Maß“. Bei diesen Exerzitien kann jede und jeder individuell festlegen wie lang die Exerzitien für sie oder ihn gehen sollen.

Interview: Christoph Kraft

Fotos: © Christian Ender

Exerzitien im Haus HohenEichen

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Sie brauchen mal Zeit zum Nachdenken? Zeit für ein intensives Gespräch? Zeit für sich? Zeit für Ihre Spiritualität? Dann machen Sie Exerzitien in HohenEichen – geistliche Übungen an einem Ort der Ruhe. Im Einklang mit der Schöpfung. Oder, um es mit den Worten eines Gastes zu sagen auf „heiligem Boden!“


Albert Holzknecht

Albert Holzknecht wurde 1963 in Tscherms, Südtirol geboren und trat 2005 in den Jesuitenorden ein. Er studierte Philosophie und Theologie in Brixen und Würzburg und machte eine Exerzitienleiterausbildung in Wien und eine dreijährige pastoralpsychologische Ausbildung in der Steiermark. Von 2011 bis 2018 war er Studierendenseelsorger in Graz, seit vielen Jahren ist er als geistlicher Begleiter und Exerzitienbegleiter tätig. Seit 2020 leitet er das Exerzitienhaus HohenEichen in Dresden.

© Christian Ender

Christoph Kraft

hat Geschichte und Germanistik studiert und einen Master im Fach Deutsche Literatur erworben. Bei der Heilbronner Stimme war er als Journalist im Bereich der überregionalen Nachrichten eingebunden. Als Redakteur arbeitet er bei einem Gestaltungsbüro und realisiert Websites und Magazine. Seine Passion sind Sachbücher und Belletristik. Er ist bei Calw aufgewachsen, dort wo auch Hermann Hesse seine ersten Lebensjahre verbrachte. Er wohnt inmitten von Weinbergen, seine Lieblings-Laufstrecken sind damit traumhaft gelegen.
Foto © wunderlichundweigand

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