Jonglieren Himmel

Sinn  

Spielt Gott?

Was uns die Bibel über die Spielfreude Gottes verrät

Beginnen wir mit Gottes Lachen! Selbstverständlich lacht er,­ wie es schon der Name „Isaak“ (er = d. h. Gott, lacht; Gen 17,19) sagt, und auch über jene, die sich gegen ihn auflehnen wollen (Ps 2,4). Aber spielen? Zeit sinnlos vergeuden, ohne dass etwas dabei ‚herausschaut‘?

Gehen wir es anders an: Wenn er Menschen Erheiterung und Entzücken bereitet (Ps 4,8), sollte er selber immer verbissen sein, alle Emotionen unterdrücken, nur ja kein Zeichen von Kindlichkeit oder Schwäche zeigen? Sollte jene spielerische Freude und intime Liebe, von der im Hohenlied die Rede ist, ihm abgehen oder gar fremd sein? „Zieh mich hinter dir! … Beherzt/verzaubert hast du mich … Wende ab deine Augen von mir, sie verwirren mich!“ (Hld 1,4; 4,9; 6,5 …) – dies würde bedeuten, dass, was Menschen als höchste Erfüllung erfahren, ihm fehlte.

Gerade kleine Kinder bringen ihre Eltern dazu, mit ihnen zu spielen. So spricht Gott auch von sich: „Doch ich, ich lehrte Ephraim gehen, sie nehmend bei seinen Armen … und ich war ihnen wie einen Säugling an ihre Wangen Hebende“ (Hos 11,3–4). Solches elterliche Tändeln und starke Gefühle klingen auch in Jer 31,20 an; dort fragt sich Gott, ob Ephraim ihm ein „Schoßkind“ sei.

Weder Metermaß noch Schablonen

Doch bei ihm, dem Schöpfer von allem, nimmt Spielen noch ganz andere Dimensionen an. Wer je von einem Gipfel die Schönheit der Welt betrachtet hat, mit ihrer Vielfalt und Weite und in faszinierender Reichhaltigkeit von Spitzen, Bergketten und Gestalten, dem kann aufgehen, dass hier nicht Metermaß oder Schablonen am Werk waren. In alldem zeigt sich spielerische, kreative Fülle, voller Phantasie und Freude am Bilden.

Wenn wir schließlich das Universum ansehen, in dem unser Sonnensystem als ein kleiner Teil der Milchstraße durch viel größere Galaxien in unvorstellbaren Zeiträumen mit atemberaubender Geschwindigkeit wandert und durch die wechselseitige Anziehung Wellenbewegungen vollzieht, man könnte sagen ‚tanzt‘, wird das Staunen grenzenlos vor dem Gott, der dies alles geschaffen hat, als „Werk deiner Finger“ (Ps 8,4), in spielerischer Leichtigkeit. Vor ihm soll deswegen auch die Erde „tanzen“, wie Ps 114,7 auffordert.

Von daher erschließt sich das völlig andere Ausmaß des göttlichen Spielens, von dem in Ps 104,26 – das einzige Mal in der hebräischen Bibel – explizit die Rede ist: „… der Leviatan, den du gebildet hast, um mit ihm zu spielen“.

Dieses Chaostier, das dem Menschen Schrecken einjagt, ist Spielgefährte Gottes ohne jegliche Bedrohung.

Gott lässt aber auch mit sich spielen

Gott ‚spielt‘ sogar mit Menschen, etwa, wenn er bei der Bindung Isaaks Abraham auf die Probe stellt (Gen 22,1) oder dem Satan erlaubt, Besitz und Gesundheit Ijobs zu schädigen (Ijob 1,12; 2,6); dieser klagt Gott dann auch scharf an, seine Macht gegen ihn auszuspielen (z. B. in Ijob 9–10). In beiden Fällen aber führt es – ähnlich wie bei pädagogischen Spielen mit Kindern – zu größerer geistlicher Reife und gereicht zu vermehrtem Segen. Ebenso zeigt Jona 4 in ironischer Weise, wie Gott durch das Wachsen des schattenspendenden Strauches und dessen Verdorren mit seinem Propheten spielt, um ihn zur Einsicht in seine Barmherzigkeit selbst Feinden gegenüber zu bewegen.

Gott lässt aber auch mit sich spielen. Wie Abraham in Gen 18,22–33 ihn von 50 auf zehn Gerechte ‚herunterhandelt‘ oder der Prophet Amos ihn zweimal umstimmt, das Unheil doch nicht zu bringen (Am 7,1–6), zeigt Eingehen und Nachgeben, wie es in vielen menschlichen Spielen geschieht.

Gott möchte uns mit seinem Spielen befreien. Wir sollen wie Kinder alles, egal ob Sorgen oder Gelingen, Leid, Freuden oder gar Sterben, voller Vertrauen annehmen (vgl. Jesu Aufforderung in Mk 10,15). Unser Leben ist dann (tod-)ernst, wenn wir es zu wichtig nehmen.

Wo wir uns als geliebte Kinder eines elterlichen Gottes sehen, wird es zu einem Vor-Spiel seliger Gemeinschaft mit ihm in der Ewigkeit.

Gott spielt sich in all seinem Tun. Er spielt in der gesamten Schöpfung. Er spielt – richtig verstanden – auch mit uns Menschen. Doch in einem Punkt spielt Gott ganz gewiss nicht: wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht (Am 5,21–24). Da versteht er keinen Spaß.

Das Jesuiten-Magazin

Jesuiten Magazin 4/2022 Cover

Dieser Essay ist entnommen aus Heft 4/2022 vom Jesuiten-Magazin. Es erscheint in insgesamt vier Ausgaben jährlich und Sie können es kostenlos beziehen. Neben Neuigkeiten und Nachrichten aus dem Engagement der Jesuiten widmet sich ein größerer des Heftes einem bestimmten Thema. In der Ausgabe 4/2022 lautet dieser Schwerpunkt „Spiel“.

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Foto: © Pylonautin/photocase.com


Georg Fischer SJ

unterrichtet seit 1985 Altes Testament und hatte einen Lehrstuhl für dieses Fach an der Universität Innsbruck bis zu seiner Emeritierung 2022. Er spielt Cello, liebt Klettern, Walzer tanzen, auch mit Skiern, sowie Kartenspiele, vor allem Jassen und Bridge.

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