Frauen Flucht Medien

Zusammenleben  

Sensible, plurale und diverse Berichterstattung

Geflüchtete Frauen brauchen mehr Sichtbarkeit in den Medien

Wie wird über geflüchtete Frauen in den Medien berichtet? Werden Schicksale und Nötigungen ausreichend benannt? Liane Rothenberger, Melanie Schmitt und Mareike Jalenka Sames blicken auf die Verletzlichkeit von Frauen und deren Präsenz in der Öffentlichkeit.

Mit Hoffnung begab sich eine junge Mutter aus Marokko auf den Weg nach Spanien, um dort als Obstpflückerin Geld für ihre Familie zu verdienen. Die Mutter zweier Kinder, schwanger mit einem dritten, hatte vielversprechende Geschichten gehört. Sie hatte nicht erwartet, was dann auf sie zukam: sexuelle Nötigung durch den Arbeitgeber, Scheidung, Gerichtsverfahren. Mehr zu dem Fall erfahren Sie in dem Artikel “Workers in Spain’s Strawberry Fields Speak Out on Abuse” von Aida Alami in der New York Times.

Das UNESCO-Handbuch zur Berichterstattung über Migration und Flucht lobt den Beitrag für die vielfältigen Perspektiven, den Einblick in persönliches Erleben und umfassende politische und kulturelle Hintergrundinformationen. Das Handbuch gibt Anleitung, wie Berichterstattung über Migration und Flucht sensibel erfolgen kann.  

Warum ist das wichtig?

Medien sind bedeutsam für die Gesellschaft: Was wir aus den Medien erfahren, hat Einfluss auf unsere Annahmen und Haltungen. Und: Erhält ein Thema Aufmerksamkeit in den Medien, erhält es meist auch Aufmerksamkeit in der politischen Welt und umgekehrt.

Die Auswahl der Themen beeinflusst Mitglieder der Gesellschaft nicht nur darin worüber sie nachdenken und diskutieren – wir nennen das „Agenda Setting“. Auch die Art und Weise der Berichterstattung („Framing“ oder etwas vereinfacht „Rahmung“) beeinflusst, wie wir über ein Thema denken. Gerade, da Migration ein kontroverses Dauerthema in der europäischen Politik und öffentlichen Wahrnehmung ist, nehmen die Medien hier eine wichtige Rolle ein. Sie bieten Zugang zu Perspektiven und Lebensrealitäten, mit denen wir in unserem Alltag möglicherweise kaum konfrontiert sind.

Wird eine Gruppe sichtbar – und wir sprechen hier explizit von geflüchteten Frauen –, dann können Belange und Herausforderungen, Probleme und Lösungswege benannt und zu einem Thema für die Politik werden. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Medien vielseitig berichten. Wir haben in einem Forschungsprojekt untersucht, inwieweit dies für internationale Nachrichtenkanäle der Fall ist.

Migrationsforschung

Wir haben dazu die Berichterstattung über geflüchtete Frauen auf den YouTube-Kanälen von BBC World, CNN, Al Jazeera English und Sky News zwischen 2011 und 2021 angeschaut. 103 Millionen Menschen waren 2022 gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Obwohl Frauen die Hälfte aller Geflüchteten, Vertriebenen und Staatenlosen ausmachen (Frauen in der Migration: Ein Überblick in Zahlen | Frauen in der Migration | bpb.de), kommen sie deutlich weniger als Männer in der Berichterstattung vor und vor allem kommen sie nicht zu Wort.

In den von uns analysierten 1082 Videos wurde in über der Hälfte lediglich über die Frauen gesprochen und sie wurden in Massenszenen unspezifisch gezeigt. Es wurde weniger häufig mit ihnen gesprochen, ihnen also in einem so genannten O-Ton eine Stimme gegeben oder sie als Individuen im Bild gezeigt. Bisherige Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass es geschlechtsspezifische Muster und stereotype Darstellungen in der medialen Darstellung von Migrantinnen und geflüchteten Frauen gibt. Häufig werden Frauen verletzlich, unterdrückt oder als Opfer sowie in einem paternalistischen Framing gezeigt.

Ergebnisse der Studie

Auch in unserer Studie zeigte sich: Frauen werden häufig passiv, vulnerabel und stereotypisiert dargestellt. Selten bekommen sie Raum selbst zu sprechen. Dadurch werden sie unsichtbar und ihre Belange werden reduziert dargestellt oder gar verharmlost. Es gibt aber auch positive Beispiele, die von Erfolgsgeschichten und von der Selbstwirksamkeit geflüchteter Frauen berichten, beispielsweise von beruflichen Erfolgen im Ankunftsland.

Es bleibt natürlich wichtig, dass auch über die Missstände berichtet wird: Denn Gewalt ist einer der Gründe, aus dem Frauen ihr Land verlassen. Gewalt erleben sie aber auch auf der Flucht, in Camps und – wie oben gezeigt – bei der Arbeit im Gastland. Das muss eine hohe Relevanz auf der politischen Agenda einnehmen – mithilfe guter und differenzierter Berichterstattung.

Verantwortung

Frauen auf der Flucht erfahren durch ihr Geschlecht und ihre soziale Situation doppelte Diskriminierung und sind besonderen Gefahren ausgesetzt.

Dabei macht es einen Unterschied, ob man die besondere Verletzlichkeit von Frauen auf der Flucht in einem Beitrag deutlich macht oder sie pauschal einem Opferstatus zuschreibt. Aus dieser besonderen Vulnerabilität entsteht eine Verantwortung. Es ist Aufgabe der Berichterstattung, uns über vielfältige Ereignisse und Kontexte, auch fern von unserem Alltag, zum Beispiel auf den spanischen Feldern, zu informieren.

So vielfältig die Menschen sind, so sind es auch die Fluchtgründe, Erfahrungen und Schwierigkeiten auf der Flucht und Hoffnungen am Zufluchtsort. Damit aufgeklärte politische Entscheidungen getroffen werden können, müssen die Medien möglichst umfassend informieren. Neben der Stärkung des spezifischen Wissens auf Seiten der Journalist:innen, die dann wiederum sensibel und konstruktiv über geflüchtete Frauen berichten, ist es daher wichtig, dass die Öffentlichkeit Medienkompetenzen erwirbt und mit kritischer Haltung die Medieninhalte konsumiert.

Foto: © Joel Carillet/iStock.com


Liane Rothenberger

Liane Rothenberger ist Professorin für Medien und Öffentlichkeit mit Schwerpunkt Migration an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Mit den Schwerpunkten in Journalismus- und Migrationsforschung sowie Krisen- und Interkultureller Kommunikation setzt sie sich mit gesellschaftlich relevanten Themen wissenschaftlich auseinander und möchte damit Grundlagen für gesellschaftlichen Diskurs und Wandel liefern.

Melanie Schmitt

Melanie Schmitt studierte Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Internationale Migration und Interkulturelle Beziehungen an der Universität Osnabrück. Anschließend war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, wo sie am Zentrum Flucht und Migration sowie an der Professur für Medien und Öffentlichkeit mit Schwerpunkt Migration tätig war. Heute arbeitet sie am Forschungsinstitut betriebliche Bildung (f-bb) in Nürnberg. Ihre Forschungsinteressen sind Gender, Sexualität, (Flucht-)Migration und Medien.

Mareike Jalenka Sames

studiert den Doppelmaster „Conflict, Memory and Peace“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und der Universidad del Rosario in Bogotá, Kolumbien. Ihr besonderes Interesse liegt im Bereich des Rechtspluralismus, Postkolonialismus und Feminismus, insbesondere in Kolumbien.

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