Corona Impfung

Zusammenleben  

Reiche Onkels-Debatten

Impfen ist kein wohltätiger Akt

Freunde, die in der DDR aufgewachsen sind, erzählen ab und an, wie furchtbar sie es fanden, wenn die Verwandtschaft aus dem Westen vor der Abreise die Reste des Zwangsumtauschs, den niemand beim besten Willen aufbrauchen konnte, dann „gönnerhaft“ an die „arme“ Verwandtschaft verteilte.

Daran erinnert mich – nicht zum ersten Mal bei der Debatte um den verpatzten Impfstart – neulich die Runde bei Maybrit Illner. Ich persönlich kann nicht beurteilen, was bei den Impfungen hätte anders oder besser laufen können. Und natürlich wünsche auch ich mir, dass die Impfungen schnell voranschreiten und Wirkung zeigen, vor allem, damit Menschen aus den sogenannten „Risikogruppen“ möglichst schnell wieder durchatmen können und der ständige Ausnahmezustand ein Ende hat.

Wie viel Impfstoff ist genug?

Und doch stolpere ich nicht zum ersten Mal über die Untertöne in der Kritik am angeblich gescheiterten Impfstart, wenn in diesem Falle die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, erklärt, es sei falsch gewesen, dass die EU „nicht auf alle Impfstoffkandidaten gesetzt hat und komplett für Europa auch bestellt hat – und früh genug bestellt hat“.

Das hätte viel mehr Geld gekostet und mehr Impfstoff gebracht, als gebraucht würde. Letzteres wäre dann halt ein „Luxusproblem“ gewesen.

Die überzähligen Dosen hätte man dann ja den armen Ländern schenken können. Na, denke ich mir, da hätten sich die armen Länder aber gefreut, wenn sie dann doch wenigstens die überzähligen Impfdosen bekommen hätten, sobald die reiche Verwandtschaft genug hatte.

Abgesehen davon, dass bei einer weltweiten Epidemie das Argument, man müsse in Deutschland mit zügigen Impfungen der Entstehung gefährlicher Mutationen zuvorkommen, wohl kaum greift. Die internationale Solidarität bei der Bekämpfung der Pandemie, vor Weihnachten noch festes Credo zum Thema Impfen, hat nicht einmal drei Wochen gebraucht, um im –übrigens erwartbaren – Ernstfall anfänglicher Engpässe als humanitärer Scheinriese entlarvt zu werden. Jetzt erwarten die reichen Tanten und Onkels dann doch vom Staat, dass er ihnen national das Vorfahrtsrecht sichert, indem er den Engpass mit Geld zusch…üttet.

Wichtige Themen werden vergessen

Wie im Kontext der Corona-Hilfen für die Wirtschaft, stellt sich darüber hinaus auch hier irgendwann die Frage, was die Botschaft, „Geld spielt derzeit keine Rolle, wir haben genug“, eigentlich bei denen anrichtet, die feststellen können, dass sie derzeit offenbar nicht auf dem Schirm der öffentlichen Debatte sind: All die Corona-bedingt gekündigten Kleinstverdiener, die derzeit nicht wissen, wie sie ihre Familien ernähren, ihre Versicherungen zahlen sollen.

Und ich persönlich bekomme die Bilder der jungen, verzweifelten Menschen nicht aus dem Kopf, die ohne Dach über dem Kopf, ohne jede Zukunftsperspektive und manchmal barfuß im Schnee entlang der Grenzen Europas herumirren.

Nicht nur, dass es hier weder Ideen noch Geld für Lösungen gibt. Der Aufschrei darüber bleibt auch aus. Die haben eben leider keine reichen Onkels.

© Eliza/photocase.com


Tobias Zimmermann SJ

ist Priester, Pädagoge und Jesuit. Als Autor und als Mitbegründer des Zentrums für Ignatianische Pädagogik (ZIP), das er seit Oktober 2019 leitet, arbeitet Tobias Zimmermann an Projekten der Entwicklung der katholischen Schulbildung und Spiritualität, in der Schulentwicklung, im Coaching für Leitungskräfte und in der Fortbildung von Schulleitungen und Pädagogen. Seit Oktober 2019 ist er Direktor des Heinrich Pesch Hauses und wirkt mit an der Weiterentwicklung der Akademie im Bereich Online-Bildung, neue Schwerpunktthemen sowie an der Entwicklung der Heinrich Pesch Siedlung, einem Modellprojekt für soziale und ökologische Stadtentwicklung.

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