Transformation  

Nicht Untergang: Übergang!

Ein Blick von Paul Zulehner auf Veränderungsprozesse in der Kirche

Die fallenden Mitgliederzahlen und der Relevanzverlust der Kirche ist nicht nur eine Krise. Paul Zulehner ist skeptisch, ob es viel bringt, allein auf Zahlen zu schielen. Das führe Kirche nur weiter in die Benchmarkfalle.

Die christlichen Kirchen erleben heute keinen Untergang, wohl aber einen Übergang. Die aus der Konstantinischen Ara ererbte Kirchengestalt stirbt, eine neue wird geboren. Das meint vermutlich auch Papst Franziskus, wenn er den italienischen Bischöfen zuruft: „Wir leben nicht einer Ära des Wandels, sondern erleben den Wandel einer Ära.“ Jene Zeit ist vorbei, in der Kirche-Staat-Gesellschaft eins waren.

Damals bedeutete „Katholischsein“ Schicksal. Zumal in der Zeit nach der Reformation wurden Menschen, die sich in dieses Schicksal nicht ergaben, ins Jenseits oder ins Ausland ausgewiesen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Alle waren katholisch: die Menschen, die Kultur. Zu 100 Prozent! In der einsehbaren Öffentlichkeit wenigstens.

„Komfortable Angelegenheit“

Dieser Zustand war eine komfortable Angelegenheit für die Kirche, genauer die getrennten und sich bekriegenden Konfessionen. Die Seelsorge brauchte keinen Finger zu rühren – alle waren Mitglieder und machten dank umfassender sozialer Kontrolle mit. Und je langer dieser Zustand wahrte, umso tiefer drang das Katholische oder Protestantische in die Kulturen ein. Kirchenmitglied zu sein, getauft zu werden, kirchlich beerdigt und in einer Kirche verheiratet zu werden, war zur kulturellen Selbstverständlichkeit geworden.

Alfred Lorenzer, Osterreicher auf dem Horkheimer-Lehrstuhl in Frankfurt, nannte sich stolz einen katholischen Atheisten. Diese katholische Kultur behielt auch dann noch ihre Kraft, als Staat-Kirche-Gesellschaft sich nach und nach voneinander losten. Genau diese kulturelle Selbstverständlichkeit löst sich aber vor unseren Augen auf. Bei einer christlichen Kirche zu sein, ist jetzt nicht mehr Schicksal, sondern Wahl.

Der neue Normalfall

Man kann bleiben, gehen, im Austrittsstandby verharren. Es ist möglich, sich aus dem Kosmos von Lehren, Ritualen und Normen das auszuwählen, was einem konveniert.

Die Menschen sind auch in Religionsangelegenheiten wählerisch geworden, noch mehr: sie müssen wählen. Und nicht wenige, die bisher einfach kulturell mitgemacht haben, wählen sich nunmehr aus. Der Normalfall ist längst der Auswahlchrist, die Auswahlchristin geworden.

Das ist wenig überraschend, es ist vielmehr erwartbar und wird auch noch geraume Zeit so bleiben. Hatte etwa die katholische Kirche einst 100 Prozent Mitglieder, unter denen auch einige entschlossene Christ:innen waren, wird die katholische Kirche morgen weniger Mitglieder haben, aber unter diesen werden anteilsmäßig weitaus mehr entschlossene Christ:innen sein.

Falsche Referenz

Die Konstantinische Ara ist definitiv vorbei. Was aber von vielen übersehen wird: Auch die für diese Zeit typische Benchmark der 100 Prozent ist out. Radikal gesprochen: Bei der Deutung der Entwicklung von Kirchenmitgliedszahlen kann jetzt nicht mehr von 100 Prozent herunterbewertet werden.

Vielmehr muss man zugespitzt formuliert von 0 Prozent hinaufbewerten. Also nicht: „O je, es werden immer weniger!“, sondern: „Unglaublich, wie viele sich entschlossen haben, mitzumachen!“

Kirche Krise Veränderung

Jährlich werden in Kirchengebieten, die wegen des Kirchenbeitrags/der Kirchensteuer über die Kirchenzugehörigkeit genau Bescheid wissen, die Zahlen über Kirchenaustritte veröffentlicht. Diese Zahlen sind hoch und werden es geraume Zeit bleiben. Und das auch dann, wenn die Kirche durch Missstände nicht zur Beschleunigung beigetragen hat. Kreise, die der Kirche nicht wohlgesonnen sind, freut diese Entwicklung. Andere zeigen sich besorgt und zerknirscht.

Gemeinsam ist aber beiden, dass sie in die Benchmarkfalle tappen. Sie rechnen von 100 Prozent herunter.

Erlösung aus dem kirchlichen Jammertal

Keine Historikerin konnte sich das leisten, die Vergangenheit mit heutigen oder die Gegenwart mit gestrigen Kriterien zu deuten, was etwa auch in der Missbrauchsfrage laufend geschieht. Es ist unzulässig, jemanden, der in früherer Zeit Missbrauch vertuscht hat und die Institution vor die Opfer gestellt hat, mit dem heutigen moralischen Wissensstand zu bewerten. Das gilt für alle gesellschaftlichen Bereiche. Das Argument, man müsse doch die Interessen der Opfer vertreten, bleibt davon unberührt. Man muss Benedikt XVI. ebenso mit den damals gültigen Kriterien beurteilen, wie man heute einen Schauspieler mit den heutigen Maßstäben bewerten muss. Die Gesellschaft ist in all ihren Teilen immer ein lernende, und ein Schelm ist, wer aus undeklarierten Interessen anders denkt. Natürlich wird dadurch das damalige Handeln aus unserer heutigen Sicht moralisch nicht besser.

Aber bewertet wird nicht nur eine abstrakte Handlung, sondern immer nur ein Tun in der jeweiligen Zeit und Kultur. Die deutschen Grünen können davon ein Lied singen. In der Kirche ist also ein Perspektivwechsel und damit eine neue Benchmark fällig. Das kann aus dem kirchlichen Jammertal erlösen. Das Kirchenreformprogramm lautet dann: „Nicht den Untergang verwalten, sondern den Übergang gestalten.“

Eine Untergangsstimmung ist nicht angebracht. Denn die christlichen Kirchen verlassen eine Ausnahmezeit. Sie wahrte Jahrhunderte lang. Alle gesellschaftlichen Einrichtungen stutzten die Kirche, die Mitgliedschaft, die Beteiligung, Lehre und Moral. Jetzt nähern wir uns wieder dem biblischen Normalfall.

Mich tröstet, dass der kleinen Schar des Anfangs Jesus zumutete: „Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde!“ Ich koche gern und käme nie auf die Idee, 100 % Salz in die Suppe zu geben. Die Frage ist allerdings, worauf auch Jesus hinweist, ob das Salz nicht schal geworden ist. So geht es um Qualität und nicht mehr um Quantität.

Leidenschaft für die Welt

Zulehner Buch Leidenschaft für die Welt

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch »Leidenschaft für die Welt. Wider die Gottvergessenheit« (© Patmos Verlag. Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2023)

Wie geht es heute der Welt? Den Menschen in ihr? Ihren Sehnsüchten, ihren Hoffnungen und Freuden, aber auch ihren Leiden? Und dann: Wie steht es heute um Gott, welchen Raum geben die Menschen Gott? Welche Bilder haben sie von Gott? Paul M. Zulehner greift diese Fragen auf. In kleinen Texten, fachkundig spirituellen Miniaturen, werden Antworten angedacht. Die Grundmelodie: Die Leidenschaft Gottes für seine Welt erwacht gerade in einer Zeit, die nach Apokalypse riecht (Roland Schwab). Der Autor lädt ein, diese Melodie wahrzunehmen und in sie mit unserem Einsatz einzustimmen.

Paul M. Zulehner
Leidenschaft für die Welt.
Wider die Gottvergessenheit

Patmos Verlag 2023
ISBN 978-3-8436-1492-4

Fotos: © WWeiser/photocase.com, © Michael Schnell/photocase.com


Paul M. Zulehner

war von 1984 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Professor für Pastoraltheologie in Wien. In zahlreichen und viel beachteten Veröffentlichungen beschäftigt er sich vor allem mit religionssoziologischen, kirchensoziologischen und pastoraltheologischen Themen.

Foto: © Thomas Böhm

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