HIER SCHREIBT BERND KÄPPLINGER

Neutralität: Ein Zombie in Bildungsdebatten

In den letzten Jahren hört man wieder öfter die Forderung, dass pädagogische Arbeit in Aus- und Weiterbildung neutral sein müsse. Warum das in großen Teilen Unsinn ist, skizziert der Weiterbildungsforscher Bernd Käpplinger.

Pädagogische Arbeit für Minderjährige und Erwachsene kann aus vielen Gründen nicht neutral sein. Das zeigt sich z.B. mit dem §7 im Weiterbildungsgesetz in Rheinland-Pfalz. Lehrveranstaltungen „müssen im Einklang stehen mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes und mit der Verfassung für Rheinland-Pfalz“.

Eine Lehre aus der deutschen Geschichte ist, dass Bildungsarbeit sich für die Demokratie einsetzen muss und hier nicht gleichgültig sein oder als Indoktrination für Diktaturen wirken darf.

In den politisch turbulenten 1970er Jahren hat man konsensual den Beutelsbacher Konsens formuliert. Dieser sieht u.a. ein Kontroversitätsgebot vor. Konflikte in der Gesellschaft dürfen auch in der (Erwachsenen-)Bildungsarbeit nicht tabuisiert werden. Im Idealfall sollte über verschiedene Positionen und Interessen informiert werden, sodass mündige Bürgerinnen und Bürgern selbst entscheiden können.

Konflikte können Ausgangspunkte für Fortschritt sein. Wo stünden wir heute, wenn sich Menschen in Wissenschaft, Politik oder auch Religion nicht auch einmal zivilisiert mit Argumenten gestritten hätten und das irgendwo auch gelernt hätten? Indoktrination für nur eine Position sollte dabei vermieden werden, aber auch das bedachte der Beutelsbacher Konsens schon und als Lehrender muss man das beachten.

Leider taucht die Forderung nach Neutralität von (Erwachsenen-)Bildung sporadisch wie eine Art untoter Zombie aus der Mottenkiste auf. Die Forderung nach Neutralität ist aber selbst hochgradig normativ. Aber vielleicht geht es auch gar nicht um das neutrale Verbot aller Werte in der Bildung, sondern „nur“ um das Verbot von den Werten, die manchen nicht genehm sind? Würde dies so stimmen, würde in der Forderung nach Neutralität paradoxerweise viel illiberale Parteilichkeit stecken.


Prof. Dr. Bernd Käpplinger

hat den Lehrstuhl für Weiterbildung an der Justus-Liebig-Universität Gießen seit 2015 inne. Von 2018 bis 2023 war er Erster Vorsitzender der Sektion Erwachsenenbildung innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Seit 2022 Vorsitzender des Berliner Erwachsenenbildungsbeirates Erwachsenenbildungsbeirat – Berlin.de. Seit 2024 Mitglied im Landeskuratorium für Weiterbildung und Lebensbegleitendes Lernen des Landes Hessen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Steffi Robak Herausgeber der über 80 Bände umfassenden Buchreihe Studien zur Pädagogik, Andragogik und Gerontagogik https://www.peterlang.com/series/spag

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