Katharina Goldinger

GOLDINGERS MEINUNG

Der fast vergessene Tod

Menschen sterben. Ich auch.

Im Angesicht der Pandemie rückt diese zentrale Erkenntnis des Lebens mit brutaler Gewalt in unsere geordnete Welt. Was tun wir nicht alles, um der eigenen Sterblichkeit auszuweichen. Nun war es nie so, dass der Tod vollständig aus dem Leben verdrängt worden wäre. Immer schon starben Menschen und es gab Orte wie Krankenhäuser und Hospize, in denen der Tod ein respektierter Dauergast war. In der Gesellschaft war er das nicht. Er ist es noch nicht. Trotz Pandemie.

Und so stehen wir als Gesellschaft hilflos inmitten der scheinbaren Beherrschbarkeit des Lebens und ringen um Hoffnung, dass da doch mehr sei als das Nichts. Mit der Pandemie kam die Bedrohlichkeit und das Leben wurde fragil.

Auch das Sterben und der Umgang mit dem Tod brauchen Übung. Wir haben versäumt, uns im Memento Mori zu üben. So ist der Tod ein leiser Feind im Dunklen, statt eines Begleiters, der uns lehrt, das Leben angesichts seiner stummen Gegenwart zu lieben. 

Gemeinschaft – trotz Abstandsregeln

Am Sonntag, 18. April 2021, fand die Gedenkfeier für die Opfer der Pandemie statt. Wer auch immer im Hintergrund dafür sorgte, dass diese Bilder entstanden: Ihm oder ihr sei ein großes Danke gesagt. Alles war stimmig: Die alten Rituale von Licht und Dunkelheit, die persönlichen Bilder und Gedanken der Hinterbliebenen, die den Einzelschicksalen Raum und den ungesagten Gedanken Worte gaben. Die musikalische Begleitung und das Gefühl, trotz Abstandsregeln Gemeinschaft zu sein. Leidensgemeinschaft. Trauergemeinschaft. Ein geöffneter Raum für uns – und den Tod.

Menschen sind gestorben. 80.000 Leben, die nicht mehr sind. Wenn wir nicht länger hilflos sein wollen, müssen wir uns als Gesellschaft der Begegnung mit dem Tod aussetzen. Nichts wird verhindern, dass jede und jeder von uns ihm persönlich begegnet. Es macht aber sicher einen Unterschied, wie gut wir darauf vorbereitet sind und mit welcher Klarheit wir hoffen dürfen. Ein erster Schritt wurde mit der Gedenkfeier gegangen. Mögen viele weitere folgen.


Katharina Goldinger

Theologin und Pastoralreferentin im Bistum Speyer, Religionslehrerin an einem Speyerer Gymnasium und Ansprechpartnerin für den Synodalen Weg im Bistum Speyer, sehr gerne in digitalen (Kirchen-)Räumen unterwegs, ehrenamtlich im Team der Netzgemeinde da_zwischen aktiv.

Weiterlesen

Klaus Mertes

Gegen rechts

Klaus Mertes SJ hat mit Blick auf die Demonstrationen “gegen rechts” gespaltene Gefühle.

weiter
Klaus Mertes

»Kriegsverbrecher, Nazi, Jude«

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird auch in Deutschland als Kriegsverbrecher, Nazi oder Jude bezeichnet. Für Klaus Mertes ein klares Zeichen, dass es in Deutschland einen lebendigen Antisemitismus gibt.
(ukrainisch Володимир Олександрович Зеленський; * 25. Januar 1978 in Krywyj Rih, Ukrainische SSR, Sowjetunion) ist seit Mai 2019 der Präsident der Ukraine.

weiter
Jana Sand

Wenn Weihnachtsmänner die Gemüter erregen

Kaum ist die Adventszeit angebrochen, entbrennt in den sozialen Netzwerken die Diskussion um Schokoladen-Weihnachtsmänner: Handelt es sich um den echten Nikolaus mit Mitra oder nur um eine süße Illusion? Ist das öffentliche Gemecker wirklich notwendig?

weiter