Wie Kinder ohne Leistungsdruck stark fürs Leben werden
Volle Terminkalender, gute Noten, Frühförderung ab dem ersten Lebensjahr – der Druck auf Kinder wächst, und mit ihm die Zahl psychischer Auffälligkeiten. Eltern wollen nur das Beste, aber oft übersehen sie dabei das Wesentliche: Kinder brauchen vor allem Zeit, Vertrauen und Freiheit. Anke Ballmann, Psychologin und Autorin des Buches „Das Faultier-Prinzip“, plädiert für einen radikalen Perspektivwechsel: Lernen darf langsam gehen. Entwicklung braucht Ruhe. Und ein entspanntes Faultier namens Frieda zeigt, wie man Gelassenheit zum Erziehungsprinzip macht.
„Das Faultier-Prinzip – Wie Kinder in ihrem Lebenstempo gelassen und frei ihre Fähigkeiten entwickeln und die Welt für sich entdecken“ – das ist eigentlich genau das Gegenteil von dem, was die Leistungsgesellschaft von uns will. Wie kam es zu diesem Gegenkonzept in Buchform?
Seit Jahren beobachte ich, dass es Kindern, Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen immer schlechter geht und die Zunahme psychischer Auffälligkeiten bei diesen Gruppen ist erwiesen, dazu muss man nur Krankenkassen befragen. Bei näherer Betrachtung und einiger Recherche war mir schnell klar, es geht um Stress und die typischen Stresskrankheiten. Als Folge daraus wollte ich aufzeigen, wie man viel negativen Stress reduzieren kann. Das war die Geburt des Faultier-Prinzips, ein Buch, das ein psychologisch-philosophischer Eltern- und Lebensratgeber ist.
Ist es überhaupt möglich, Teil der Gesellschaft zu sein, das Kind in eine Regelschule zu schicken und dennoch den Druck herauszunehmen?
Ja, das ist es. Immer mehr Eltern leben ein entspannteres Leben mit ihren Schuldkindern, indem sie den Fokus nicht mehr auf gute Noten legen, sondern auf das Wohlbefinden ihres Kindes. Dazu muss man wissen, Noten sagen nichts darüber aus, was ein Mensch wirklich kann und im Leben kommt es viel mehr auf das Können an und wie gut man sich im Leben zurechtfindet und organisieren kann.
Unser Schulsystem ist sicher reformbedürftig, aber es ist durchlässig. Mit diesem Wissen kann man gelassener sein, und wenn es mit dem Gymnasium nicht klappt, dann eben nicht.
Ich selbst bin ein gutes Beispiel für eine nicht lineare Bildungskarriere, ich war auf fünf verschiedenen Schulen, habe alle Schulabschlüsse gemacht und bin promoviert. Es geht um die Lust am Lernen und die entwickeln Kinder nicht zwingend in einer Schule.
Faultier Frieda begleitet durch das Buch. Was können Eltern von Frieda lernen?
Frieda ist eine neugierige und sehr kluge Faultierdame, die gerne Süßigkeiten isst, die Menschen kennenlernen will und uns Menschen erklärt, wie das Leben auch funktionieren kann. Sie ist der Meinung, dass wir viel mehr Verantwortung für unsere Gedanken und für die Gestaltung unserer Lebenszeit übernehmen sollten. Friedas Tipps für Eltern sind:
- Verbringt viel Zeit mit euren Kindern, das ist das wertvollste, was ihr ihnen geben könnt.
- Seid einzigartig und vergleicht euch und eure Kinder nicht mit anderen – jeder hat Talente, jeder kann etwas besonders gut.
- Vertraut euch und euren Kindern, traut ihnen viel zu und erlaubt es zu scheitern. Macht Fehler zu Freunden, dann klappt es auch mit der Bildung.
- Wachstum braucht Zeit, alle Menschen lernen ein Leben lang – schnell schlau geht nicht!
- Sicherheit ist eine Illusion. Übt euch darin, dankbar zu sein, denn nichts ist selbstverständlich und jeder Tag im Leben zählt.
Wo liegt die Grenze zwischen Kinder fördern und überfordern?
Das kann ich pauschal nicht beantworten, denn diese Grenze ist individuell. Wenn Eltern in einer Beratung diese Frage stellen, bitte ich sie um die Beobachtung ihres Kindes. Hat sich das Verhalten des Kindes verändert? Wirkt es aggressiver, stiller, lustloser, unglücklicher und/oder zieht es sich zurück? Hat es oft Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Konzentrationsprobleme? Hat es Zeit seinen Interessen nachzugehen und vor allem – hat das Kind auch Zeit zum Nichtstun?
Wir alle wünschen unseren Kindern Freude am Lernen. Leider funkt aber immer öfter der Erfolgsdruck – auch durch Vergleiche mit anderen – dazwischen. Wie lässt sich der Blick auf das Wesentliche lenken?
Der Blick auf das Wesentliche setzt voraus, dass man für sich definiert, was das Wesentliche ist. Es ist dann eine bewusste Entscheidung, hat viel mit Gedankenhygiene zu tun und diese wiederum mit Selbstverantwortung. Erlauben Sie mir ein Beispiel: Wie viel Zeit verbringen wir in den sozialen Netzwerken? Was machen wir da und macht es uns glücklicher, entspannter oder zufriedener?
Niemand zwingt uns, ständig aufs Handy zu schauen, oder? Es ist unsere Entscheidung und sie hat Konsequenzen, so wie alles, was wir tun, Konsequenzen hat.
Genau so verhält es sich, wenn wir uns und unsere Kinder mit anderen vergleichen – auch das müssen wir nicht und wenn wir es tun, dann ist das unsere Entscheidung. Und – wenn wir merken, dass wir den Teufelskreis nicht verlassen können, dann ist es auch eine Entscheidung, uns Hilfe zu holen – vielleicht kann schon das charmante Faultier Frieda helfen.






