Sebastian Maly über eine Frage, die Veränderung ermöglicht
Nicht nur in Religion und Theologie wird von Wundern gesprochen. P. Sebastian Maly SJ stellt vor, was es mit der „Wunderfrage“ in der Kurzzeittherapie auf sich hat.
Als ich mir vor einigen Jahren Gedanken darüber machte, eine berufsbegleitende Therapieausbildung zu absolvieren, ist mir ein Buch mit dem schlichten Titel „Mehr als ein Wunder“ in die Hände geraten. Darin stellen zwei amerikanische Psychotherapeutinnen, Steve de Shazer und Yvonne Dolan, die sogenannte „Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie“ vor und zwar anhand der „Wunderfrage“.
Diese Frage wird gerne am Anfang einer solchen Kurzzeittherapie gestellt. Sie lautet kurz gefasst so: „Stellen Sie sich vor, heute Nacht geschieht ein Wunder – ganz einfach so, während Sie schlafen. Sie bekommen also nichts davon mit – und das Problem, über das wir gerade sprechen, ist gelöst. Woran würden Sie das merken?“
Wer einem Gegenüber die Wunderfrage stellt, versetzt sie oder ihn also an einen Zeitpunkt, an dem die Lösung sich bereits ereignet hat, also wirklich geworden ist.
Das kann oft (nicht immer!) helfen, dass das Gegenüber die Lösung als etwas erlebt, das auch tatsächlich möglich ist – und zwar für sie oder ihn möglich. Die Frage zielt darauf, die Ressourcen, Stärken oder Fähigkeiten des Gegenübers zu aktivieren, die für die Lösungsfindung im Fortgang der Therapie so wichtig sind. Vieles in diesem Buch hat mich fasziniert, besonders aber dieser Umgang mit dem Wunder ließ mich nicht mehr los. Auf eine neue, überraschende Weise erschloss sich mir eine Deutungsmöglichkeit dessen, was wir als Christinnen glauben, wenn wir über Wunder sprechen.
Festgefahrene Sichtweisen loslassen
Ein Wunder kann auch darin bestehen, dass sich mein hypnotisch auf mein Problem fixierter Blick auf etwas anderes richten kann; dass ich neue Lebensmöglichkeiten entdecke. Das kann äußerlich völlig unspektakulär sein. Und dennoch sind die Folgen für denjenigen oder diejenige, welche den Blick auf das Mögliche richtet, manchmal wunderbar: Veränderungen werden greifbar, konkrete kleine Schritte können vereinbart werden.
Der Münchner Philosoph und Berater Matthias Varga von Kibéd hat dieses Spiel der Wunderfrage mit der schon gegenwärtigen Verwirklichung einer Möglichkeit, die in der Zukunft ergriffen werden kann, mit einer grammatikalischen Besonderheit biblischer Sprachen verglichen. Demnach könne man eine Formulierung, die man mit „Das Himmelreich ist nahe“ wiedergibt, auch als „Das Himmelreich ist schon mitten unter uns“ übersetzen. Mit anderen Worten: Gerade die biblische Weltsicht geht davon aus, dass jetzt schon etwas von dem wirklich ist, was wir erst in der Zukunft erwarten. Unsere Zukunft mit Gott reicht schon in unsere Gegenwart hinein. Alfred Delp SJ sprach davon, dass die Welt Gottes so voll sei.
Wir erlegen uns mit unserem Umgang mit Problemen manchmal so etwas wie selbst gemachte Naturgesetze auf: „Nein, so etwas kann ich auf keinen Fall tun!“ Und wenn doch? Die Wirklichkeit steckt bereits voller Möglichkeiten. Sie zu entdecken und in kleinen Schritten zu verwirklichen – das kann ein Wunder sein.
Das Jesuiten-Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 4/2025 vom Jesuiten-Magazin. Das Heft steht unter dem Thema »Wunder« und berichtet über Wundererzählungen, Heilungen, Unvorhergesehenes und die Frage, was passiert, wenn ein Wunder ausbleibt.
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Bild: © narvo vexar/iStock.com







