Kirchentag Nürnberg Evangelisch

Zusammenleben  

Die Zeit ist jetzt – doch wofür?

Wenn der Deutsche Evangelische Kirchentag nur noch politisch scheint

Scholz, Baerbock, Habeck, Gauck, Steinmeier, Söder, Merz, de Maizière, Göring-Eckardt – die Liste der prominenten Politiker auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2023 in Nürnberg ist lang. Es wird diskutiert, die Bibel ausgelegt und gegen Parteigegner gestichelt. Die Schwerpunkte sind klar: Klima, Krieg und Diversität. Doch ist die Frage nach der Zukunft der (evangelischen) Kirche überhaupt noch Thema? Ja! Aber sprichwörtlich am Rande: das „Zentrum Zukunft Glaube und Kirche“ wurde nämlich ausgelagert – in die Nachbarstadt Fürth. Was ist also der DEKT 2023: Politikveranstaltung oder doch ein Ort gelebten Glaubens und Austauschs nach christlichen Werten?

Der Evangelische Kirchentag in Nürnberg hat es nicht leicht. Es ist der Erste vor Ort und in Präsenz nach einer langen Zeit der Corona-Pause. Als der Kirchentagspräsident Dr. Thomas de Maizière die 38. „Festtage des evangelischen Glaubens“ auf dem Hauptmarkt für eröffnet erklärt, toben die mehreren zehntausend Besucher:innen des Gottesdienstes vor Begeisterung. Jetzt ist die Zeit für Begegnung, Nähe und Großveranstaltungen. Ist jetzt auch die Zeit für Spiritualität? Der Auftaktgottesdienst macht wenig Hoffnung für die folgenden Tage: Ohrwurmfähige Musik wechselt sich ab mit einer Gauklerin und salbungsvoll vorgetragenen Impulsen und Gebeten; die Themenschwerpunkte der kommenden Tage werden angerissen: Klima, Krieg und Vielfalt. Eine theologische Tiefe sucht man sicherlich nicht vergebens, aber lange.

Bio-Verpflegung erhitzt die Gemüter

Schon im Vorfeld kursierten Nachrichten, die die Gemüter erhitzten: So solle beispielsweise die Verpflegung weitestgehend vegetarisch sein – und bio. Der Ansatz eines nachhaltigen Essensangebots ist schon seit 2012 Teil des Konzepts, doch der Bayerische Bauernverband übte harsche Kritik und sah die Wahlfreiheit der Teilnehmenden eingeschränkt – und nicht selten hörte man in diesem Zusammenhang, der Kirchentag sei „der verlängerte Arm der Grünen“. Dass von den Grünen dann sowohl Wirtschaftsminister Robert Habeck als auch Außenministerin Annalena Baerbock und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt zu Gast in Nürnberg waren, konnte diesen Eindruck nicht entschärfen.

Ein Blick auf die sozialen Netzwerke zeigt im Übrigen: Wurde der Verdacht einer „Links-grün versifften Veranstaltung“ geäußert, die mit Kirche nichts zu tun habe, antwortete das Social-Media-Team stets mit dem Hinweis: „Der Kirchentag ist eine unabhängige Laienbewegung, ein eingetragener Verein. Deshalb ist Kirchentag eine Plattform für Austausch, der keiner politischen Richtung folgt.“

Kirchentag Nürnberg Evangelisch

Spagat zwischen aktuellen Themen und der eigenen christlichen Identität

Der Krieg in der Ukraine, die Proteste im Iran und auch die Klimakatastrophe können und dürfen nicht spurlos an den fünf Tagen des evangelischen Großereignisses vorübergehen. Das tun sie auch nicht: Für jedes Schwerpunktthema gibt es ein Hauptpodium mit prominenten Gästen; zum Beispiel eines mit dem Titel „Welchen Frieden wollen wir?“ unter anderem mit Prof. Dr. Heike Springhart, Landesbischöfin von Baden, und dem Kirchentagspräsidenten Dr. Thomas de Maizière. Nur eines ist auffällig: Alles, was nicht politisch ist, muss auf Bühnen außerhalb des Messezentrums ausweichen.

„Viel zu lange hat die Kirche sich nur um sich selbst gekümmert“, erklärt sich ein Teilnehmer die Zusammenstellung des Programms und ist froh darüber, „dass nun endlich andere Themen in den Blick genommen werden.“ Ob denn die Zukunft der evangelischen Kirche überhaupt keine Rolle mehr spiele? „Kaum, sie hat sich selbst schon mit ihrem drohenden Untergang abgefunden“, so eine andere Teilnehmerin.

Dass nahezu sämtliche Veranstaltungen zur Zukunft der Kirche in der Nachbarstadt Fürth abgehalten werden – trotz guter Verkehrsanbindung ist das die genaue Gegenrichtung zum Kirchentagszentrum „Messe“ – spricht Bände.

Kirchentag Nürnberg Evangelisch

Verpasste Chance des Kirchentags

Der Kirchentag 2023 ist vorbei und es bleibt ein Nachgeschmack: Braucht es nicht sowohl die christliche Spiritualität als auch den Austausch über gesamtgesellschaftliche Themen, um als Christ:innen einen Fortschritt fundiert zu ermöglichen? Ist nicht gerade diese Kombination die Stärke unseres Glaubens? Der ausführliche Diskurs über die Themen Klima, Frieden und Diversität auf dem Kirchentag 2023 war lobenswert und eine Antwort auf seine Zeit und die Umstände, doch wäre ein „Politiktag“ – um die Analogie zu erhalten ebenfalls abgesehen von der AfD – wohl zu unveränderten Ergebnissen gekommen.

Wenn Kirche also fast ausnahmslos Themen debattiert, die so auch in sämtlichen anderen Kontexten debattiert werden können, drängt sich die zentrale Frage auf: Hat die Kirche sich mit diesen Tagen in Nürnberg nicht wieder ein klein wenig mehr überflüssig gemacht?

Fotos: © Katharina Gebauer


Katharina Gebauer

Musik und Glaube sind die beiden großen Themen von Katharina Gebauer. Die Fotografin und Gestalterin widmet sie sich der Frage, wie kirchliche und kulturelle Inhalte die richtige Form von Kommunikation erfahren. Gebauer lebt in Würzburg, hat ein Herz für die Nordsee und liebt es, in hektischen Zeiten sich einfach eine Stunde in eine Kirche zu setzen.
katharinagebauer.de

Foto: © Raphael Geuppert

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