Christian Kelter Reboot

Versöhnung  

Reboot

Jetzt mehr Kirche wagen

Christian Kelter will mit seinem Buch „Reboot. Jetzt mehr Kirche wagen“ Mut machen, Kirche vor Ort mitzugestalten. Der Diakon in der Schweiz ermutigt dazu, ein Leben in der Nachfolge Jesu konkret werden zu lassen. Wir bringen hier einen Auszug aus dem Buch, in Kürze wird auch ein Interview mit dem Autor folgen.

Glauben Sie Gott!

Jesus hat es gesagt: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch“ (Joh 14,18). Er hat versprochen: „Siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Ehrlich, das sollten wir ihm unbedingt glauben! Sonst wäre doch auch alles nichts. Sonst könnten wir einpacken und dieses Buch hätte nie geschrieben werden müssen. Auf dem Glauben daran, dass Gott zu jeder Zeit da ist, ruht alles: die Kirche, die Verkündigung des Evangeliums und auch mein eigener kleiner Versuch, Jesus nachzueifern.

Umso verwirrender ist es, wenn ich aus („frommen“) Kreisen der Kirche die Klage höre, die Welt sei gottlos
geworden. Ernsthaft? Das kann nicht sein! Das lese ich in der Bibel definitiv anders! Nein, das Jammern über eine gottlose Welt macht einen nicht nur lahm und traurig, es ist schlichtweg falsch. Weil es dem Evangelium keinen Glauben schenkt. Weil es das Gegenteil von Froher Botschaft ist.

Kelter Reboot

Gott ist in der Welt

Nein, Gott ist in der Welt! Darauf verlasse ich mich. Während wir anderen von Gott erzählen, müssten wir uns
gleichzeitig immer auch selbst hinterfragen, inwiefern wir denn diesem Gott glauben. Wir Kirchenleute sollten zuerst selbst mal glauben, was er uns gesagt hat: Er war schon vor dem Anfang da. Er ist heute da und wird es morgen sein – hier und überall. Den gottverlassenen Winkel, es gibt ihn nicht!

Wobei ich zugebe, dass ich das Jammern oft auch nachvollziehen kann. Weil Gott für mich nicht immer spürbar
ist. Weil auch ich oft genug lebe, als ob es ihn gar nicht gäbe. Aber das ist etwas anderes! Da gilt es zu unterscheiden.

Wenn ich lebe, als ob es Gott nicht gäbe, dann ist die Welt noch lange nicht gottlos.

Und dann bin auch ich trotzdem nicht gottverlassen. Denn in meiner Taufe hat er mir versprochen, für alle Zeit bei mir zu sein.

Ja, ich gebe zu, Gott zu glauben, dass er da ist, ist eine tägliche Herausforderung. Die will wieder und wieder angegangen sein. Dass Gott da ist, ist aber nicht nur eine Glaubenssache. Es ist und bleibt vor allem eine wunderbare Zusage an uns. Und diese Zusage darf ich mehr und mehr in mein Herz hineinlassen.

So berührend und so tröstend finde ich in diesem Zusammenhang das Zeugnis, das Alfred Delp mit gefesselten
Händen 1944 in der Todeszelle in Berlin-Plötzensee auf ein Stück Papier kritzelte. Da schreibt er kurz vor seinem
Tod: „Das eine ist mir so klar und spürbar, wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für
alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt er und will die anbetende, hingebende Antwort. Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen und werden zu lassen. Dann wird das Leben frei in der
Freiheit, die wir immer gesucht haben“ (Alfred Delp, „Aufzeichnungen aus dem Gefängnis“).

Eine entlastende Botschaft

Freiheit und Leben, genau das möchten wir doch erlangen, indem wir Gott glauben. Die Welt ist voll von Gott!
Also lasst ihn uns suchen und entdecken! Diese Haltung macht den Unterschied! Sie verändert Entscheidendes, sie erfüllt uns mit Optimismus und sie entlastet!

Wenn nämlich Gott immer schon in der Welt und demnach auch bei den Menschen ist, dann muss nicht ich ihn zu den Menschen bringen! Das wäre, nebenbei bemerkt, auch ziemlich arrogant; zu behaupten: „Ich bringe euch
jetzt Gott.“ Und es wäre eine Überforderung zugleich. Denn was, wenn ich das nicht schaffe?

Nein, für mich hat das Vertrauen in Gottes Dasein mein Menschenbild geändert. Ich muss jetzt niemandem (wirklich keinem!) mehr Gott absprechen! Ich brauche Menschen nie mehr abzuwerten als Weihnachtschristen. Ich muss den Eltern unserer Erstkommunionkinder nicht das Etikett der Glaubensferne anheften.

All diese negativen Konnotationen, die brachten so viel schlechte Energie und kosteten mich so viel Kraft. Das
fällt jetzt alles weg! Weil es nicht stimmt. Weil es mich geistlich und geistig auf einen Irrweg geführt hat. Ich
kann das jetzt lassen.

Kelter Reboot

Die Sehnsucht suchen

Mich beeindruckt: In Mk 7,24–30 begegnet Jesus einer Syrophönizierin. Der Text bezeichnet sie als „Heidin“.
Und doch heilt Jesus ihre Tochter. Auch diese Frau hat einen Glauben! Und Jesus wendet sich ihr liebevoll zu.
Wenn Jesus das kann, dann kann ich das doch auch versuchen: Bei denen, wo ich keinen Glauben vermute, die
Sehnsucht suchen. Die Sehnsucht nach Liebe, nach Hoffnung, nach Annahme, Heil und Erfüllung. Die (ungenannte) Sehnsucht nach Gott.

Die haben Menschen auch heute! Ich denke an einen guten Bekannten. Nennen wir ihn Claude. Als ich ihn kennenlernte, war er in leitender Position bei einer Schweizer Großbank. Unsere ersten Themen drehten sich um Fußball. Dass „einer von der Kirche“ da ein bisschen mitreden konnte, freute ihn. Aus einem losen Kontakt entstanden bald einmal Glaubensgespräche. Obwohl Claude bis heute kein Kirchgänger ist, liest er beinah täglich in der Bibel und versucht, seinen anspruchsvollen beruflichen Alltag mit der Botschaft von Jesus in Einklang zu bringen. Ich bin sicher, sein Glaube hat ihm und anderen dabei schon so manches Mal geholfen.

Für mich ist dieses Wissen entlastend und motivierend zugleich.

Wenn Gott immer schon bei den Menschen ist, dann ist grundsätzlich alles gut.

Dann ist Glauben gar nicht so schwer und gar nicht so kompliziert. Dann kann
ich unbelastet und unverkrampft mit Menschen unterwegs sein. Ich kann mit ihnen zusammen ihrer individuellen Sehnsucht nach gutem Leben nachgehen. Ich kann sie unterstützen und mit ihnen zusammen die richtigen Fragen formulieren: „Passiert da gerade etwas zwischen Gott und dir? Wie nähert sich dir Gott? Welchen Weg wählt Gott, um bei dir anzukommen? Und zu was möchte er dich führen?“

Vertrauen und Gelassenheit

Und ich kann sogar noch weiter fragen, angstfrei, auch in Bezug auf mich selbst und auf die Sozialgestalt meiner
Kirche. Ich muss nicht länger gelähmt steckenbleiben im gefühlten Niedergang. Ich kann auch hier neugierig überlegen: „Wohin ruft mich Gott denn jetzt und heute? Was heißt denn das, wenn das Setting meiner bisherigen Gemeindepastoral plötzlich ganz oder teilweise bröckelt? Was will Gott mir sagen, wenn andere mich und meine Stellung in der Kirche infrage stellen? Wohin will Gott mich führen, wenn ich jetzt pointierter als bisher hinterfragt und herausgefordert werde? Wo und wie lädt Gott mich ein, umzudenken und neue Wege zu gehen im Vertrauen, dass er sie immer auch mit mir geht?“

Zu wissen, dass Gott da ist, ist eine Basishaltung, die gar nicht selbstverständlich ist. Sie gibt mir aber viel Vertrauen und zugleich eine große Gelassenheit. Es kommt auf mich an. Aber es hängt vor allem von Gott ab.

»Reboot. Jetzt mehr Kirche wagen«

Cover Kelter Reboot

Der Text ist ein Auszug aus dem 2022 erschienenen Buch „Reboot. Jetzt mehr Kirche wagen“ und ist im echter Verlag erschienen (104 Seiten, 12,90 €, ISBN: 978-3-429-05772-5).

Christian Kelter (Jahrgang 1969) wurde in Bad Neuenahr-Ahrweiler geboren. Er studierte Theologie und Philosophie in Bonn und Innsbruck. Als Diakon leitet er heute die Pfarrei Heilig Geist, Hünenberg, im Kanton Zug in der Schweiz. 

Fotos: © wunderlichundweigand


Christian Kelter

Christian Kelter (Jahrgang 1969) wurde in Bad Neuenahr-Ahrweiler geboren. Er studierte Theologie und Philosophie in Bonn und Innsbruck. Als Diakon leitet er heute die Pfarrei Heilig Geist, Hünenberg, im Kanton Zug in der Schweiz.

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