Heilig Kreuz Abriss

Versöhnung  

Jesus inmitten von Trümmern

Wenn aus Abbruch ein neuer Aufbruch wird

Vor wenigen Tagen war ein Bild in der Zeitung zu sehen, das mich sehr beschäftigt hat. Es zeigt den Abriss der Kirche Hl. Kreuz in Ludwigshafen. Auf den ersten Blick ein trauriges Bild. Alles andere als erbaulich oder aufbauend.

Die Mauern sind zum größten Teil schon niedergelegt. Der Turm wird gerade abgetragen. Es türmen sich Stahlträger der Dachkonstruktion. Dazu ein riesiger Haufen zersplitterter Holzbalken und Bretter. Mehrere Bagger räumen Tonne um Tonne den Schutt weg. Es steht nur noch die Altarwand. An ihr hängt eine überdimensionale moderne Christusfigur. Sie zeigt den gekreuzigten und erhöhten Herrn.

Eine beeindruckende Szene

Christus breitet die Arme aus – wie am Kreuz. Zugleich wirkt er so, als ob er das Leiden schon hinter sich gelassen hat und zum Vater zurückkehrt. Und als ob er während dieses Heimgangs seine Jünger segnet. Eine beeindruckende Szene. Inmitten der Trümmer, inmitten der Schuttberge, inmitten der trostlosen Abrisslandschaft: der Gekreuzigte, der am Schluss noch übrigbleibt.

Kirchenabriss Heilig Kreuz Ludwigshafen
Jesus hält die Stellung. Bild: Szuba

Freilich, auch diese Skulptur wird demnächst abmontiert. Sie ist aus Beton-Eternit, einem giftigen Material. Vielleicht gelingt es, wenigstens den Kopf zu sanieren. Ja, es wäre sehr zu wünschen, dass wenigstens der Kopf dieser modernen Skulptur nicht verloren geht, sondern irgendwo einen ehrenvollen Platz bekommt. Dass er weiterhin erinnert an die ehemalige Kirche, die knapp 50 Jahre ihrer Bestimmung gedient hat, bevor sie profaniert wurde.

Symbol für Situation der Kirche

Warum hat mich dieses Bild so angesprochen? Es zeigt für mich exemplarisch unsere momentane kirchliche Situation. Die Kirche wird vielfach nicht mehr gebraucht. Sie wirkt wie aus der Zeit gefallen. Sie scheint für viele Menschen überflüssig geworden zu sein. Überflüssig und unnötig. Sie können mit ihr nichts mehr anfangen Man kann auf sie verzichten, kann sie entsorgen und demontieren. Sie scheint auf dem Abfallhaufen der Geschichte zu landen. An ihre Stelle kann etwas anderes treten, was den Menschen mehr nützt und hilft. Ihre Zeit ist vorbei.

Wäre da nicht, ja, wäre da nicht Christus. Der seine Kirche auch in schwierigen Zeiten nicht verlässt. Der inmitten der Trümmerberge ein Zeichen der Hoffnung ist.

Angesichts der vielen Krisensymptome in Kirche und Gesellschaft könnten wir manchmal ebenfalls verzagen und verzweifeln. Viele Selbstverständlichkeiten sind weggebrochen. Viele wertvolle Traditionen verlieren ihre Bedeutung. Und auch im persönlichen Bereich bricht manchmal eine Welt für uns zusammen. Wenn sich Fragen dramatisch zuspitzen und keine Lösung in Sicht ist. Wenn wir uns bedroht fühlen und keinen Ausweg mehr sehen. Wenn tragende Gewissheiten plötzlich erschüttert werden. Wenn Freundschaften und familiäre Beziehungen in die Brüche gehen. Wenn eine scheinbar endlose Pandemie unsere Geduld auf die Probe stellt und unsere Freiheit massiv einschränkt. Wenn destruktive Tendenzen unsere Kommunikation bestimmen, wie das derzeit manchmal auch in der Kirche der Fall ist.

Heilig Kreuz Abriss Kirche
Kreuz am Boden. Bild: Konrad

Die Kirche hat Zukunft

Bei allem, was derzeit wegbricht, ja zusammenbricht, könnte einem manchmal angst und bange werden. Doch ich bin voller Zuversicht: Die Kirche hat Zukunft. Ihr Hoffnungszeichen ist gerade das Kreuz. Was auf den ersten Blick das totale Scheitern symbolisiert, wird zum Siegeszeichen. Der Gekreuzigte ist gleichzeitig der Auferstandene. Halten wir daran fest und erneuern wir diese Hoffnung in uns. Dann werden wir bei allen inneren und äußeren Zusammenbrüchen nicht resignieren und scheitern, sondern Zukunft und Hoffnung haben.

Es wird weitergehen mit uns und mit der Kirche. Vielleicht anders als wir denken, aber es wird weitergehen..

Nicht die Gebäude sichern uns die Zukunft, sondern die Menschen. Nicht die kirchlichen Institutionen garantieren uns den Glauben, sondern Christus, der in den Herzen der Menschen lebt, die ihm folgen.

Ein neuer Aufbruch

Der Auferstandene – so zeigt es das Bild von der Kirche Heilig Kreuz – lässt sich nicht festhalten und fixieren, er lässt sich nicht in einbetonieren in unsere Strukturen. Er sammelt und sendet seine Jünger. Er geht ihnen voraus. Er geht auch uns voraus. Vielleicht erwartet er uns an Plätzen und Orten, mit denen wir gar nicht rechnen. Vielleicht begegnet er uns in Menschen, die uns neu für sein Evangelium begeistern. Damit wir nicht in alten Strukturen und Denkgewohnheiten steckenbleiben, sondern die unerhörte Aktualität seiner Botschaft neu begreifen.

Aus dem Abbruch wird dann ein neuer Aufbruch. Das scheinbare Scheitern wird zum Anfang einer ganz neuen und aufregenden Geschichte. Wenn es nach Christus geht, dann sind wir nicht Nachlassverwalter einer vergangenen Zeit, sondern Wegbereiter einer Kirche der Zukunft.


Josef D. Szuba

Josef Damian Szuba, geboren 1960 in Ludwigshafen am Rhein, studierte in Frankfurt St. Georgen und Wien Theologie. 1988 wurde er in Speyer zum Priester geweiht. Zunächst war er in der Gemeindeseelsorge tätig, bevor er fast zwanzig Jahre Aufgaben in der Bistumsverwaltung übernahm, zuletzt als Leiter der Hauptabteilung Personal. 2019 kehrte er in die Gemeindeseelsorge zurück und arbeitet derzeit als Pfarrer in Ludwigshafen.

Weiterlesen

03.06.2026 Sinn
Stolperstein Hermann Deibler

Mein Urgroßonkel Hermann und der Vogelschiss

Am 20. Mai 2026 wurde in Ulm ein Stolperstein verlegt. Für Hermann Deibler. Ein kleines Messingquadrat im Pflaster, kaum größer als eine Handfläche. Und doch: endlich!

weiter
26.05.2026 Zusammenleben
Warum unsere Kinder das Nein verlernen

Die Krise der kleinen Gefühle

Süßigkeiten gegen Tränen, Tablets gegen Wut: Wir betäuben unsere Kinder, statt sie zu trösten. Die Folge ist eine Generation ohne emotionales Immunsystem. Ein dringender Appell aus dem Kita-Alltag.

weiter
18.05.2026 Versöhnung

An die Grenzen gesandt – ­mitten im Alltag

„An die Grenzen gesandt sein“ – so beschreibt die Gesellschaft Jesu ihren Auftrag. Das klingt nach fernen Missionen und heldenhaften Einsätzen weniger Auserwählter. Doch bei näherem Hinsehen liegen viele Grenzen näher – mitten im Alltag. Und an sie sind wir alle gesandt. Ein geistlicher Impuls von Jan Korditschke

weiter