Schulde Bildung

Zusammenleben  

Haltung braucht Halt

Was sich in Schulen ändern muss, wenn wir Vertrauensverlust und Spaltung der Gesellschaft nicht nur tatenlos zusehen wollen

Tobias Zimmermann vermisst, dass Schüler*innen auch charakterlich an den Schulen gebildet werden. Stattdessen wird abprüfbarer Output abgefragt. Dabei könnte man einer Irrationalität gerade an Schulen etwas entgegensetzen.

Hinter uns in Europa liegt – trotz aller Krisen – eine beispiellose Zeit von Frieden und Stabilität. Und doch entscheiden sich viele Menschen, dem Staat den Rücken zuzuwenden. 40% der Wähler*innen in Niedersachsen haben ihr Recht zur Wahl nicht wahrgenommen.

Zu kurz springt aber, wer jetzt wieder nur über Politik und ihre Fehler spricht. Die Erosion des Vertrauens geht bis hin zur Wissenschaft, wenn sie unbequeme Wahrheiten ausspricht oder Dinge einfach nicht ins eigene Weltbild passen. Die Rattenfänger treiben diese Unsicherheit voran: Abweichende „Wahrheiten“ dienen der Abgrenzung. Mit Rationalität hat das natürlich nur noch wenig zu tun. Mit einem Mangel an Bildung allerdings auch nur bedingt. Denn, trotz weltweit steigender Standards in der Schulbildung wächst die Zahl der Menschen, welche die Aussage, die Erde sei eine Kugel, für das Ergebnis einer Verschwörung halten. Unsere Bildungskonzepte haben ein Loch, auch bei vielen Gebildeten.

Prinzipien und Praxis freiheitlicher Persönlichkeits-bildung: Ein Lunch-Gespräch mit Christian Rutishauser

Die Grundlagen umfassender Persönlichkeitsbildung stehen im Mittelpunkt eines Lunch-Gesprächs am 13. Oktober 2022 von 13 bis 14 Uhr im Hofbräukeller am Wiener Platz in München mit Christian Ruthishauser SJ.
Die Veranstaltung ist die zweite Station einer „Roadshow“ durch mehrere Landesparlamente, auf der Vertreter der ignatianischen Pädagogik bildungstheoretische Reflexionen mit konkreten Handlungsvorschlägen für die Unterrichtspraxis verbinden.

Wissenschaft ersetzt nicht Religion

Was wir endlich wahrnehmen und ins Gespräch bringen müssen: Eine der zentralen Verheißungen der säkularen Aufklärung hat sich nicht erfüllt: Wissenschaft ersetzt Religion und Weltanschauung. Unbestreitbare wissenschaftliche Fakten geben Orientierung und lösen Irrationalität, Fanatismus und Dogmatismus ab. Verzweifelte Reste finden sich in der Weise, wie z.B. die Klimabewegung eine Verhaltensänderung bei Politik und Mitmenschen durch die Beschwörung der Unbestreitbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse zum menschengemachten Klimawandel zu erreichen versucht, und einfach abprallt. Der zugrunde liegende Irrtum: Wissenschaft betrachtet Fakten, nicht die Welt.

Die Schöpfungsgeschichte war und ist nicht das irrationale Märchen, auf das sie – leider oft gerade auch durch fromme Menschen – reduziert wurde.

Sie konnte von der Evolutionstheorie nicht abgelöst werden, weil sie auf einer anderen Ebene spielt. Die Frage ist doch: Warum erkennen die einen Menschen im Chaos der Welt dennoch einen Garten, eine Heimat, die zu erhalten sich lohnt? Und andere sehen nur den Dschungel, in dem der Mensch des Menschen Wolf ist. Wer die Welt als Dschungel sieht, tut gut daran, sich abzuschotten und rücksichtslos an der Rettungskapsel für sich und Seinesgleichen zu bauen.

Alles ist nur noch eine »Geschmacksfrage«

Unser Leben beruht auf Grundentscheidungen, die wir treffen basierend auf unserer Wahrnehmung der Welt und unserer Fähigkeit oder Unfähigkeit, sie unzensiert mit allem, was dazu gehört, wahrzunehmen und auszuhalten.

Wir brauchen Vorbilder, um uns die Fähigkeit oder Unfähigkeit zu erwerben, unsere Erfahrungen vernünftig und selbstkritisch zu reflektieren und in den Dialog zu bringen.

Wir aber haben die Anschauung der Welt auf eine subjektiven Geschmacksfrage degradiert und wundern uns, wenn Menschen Fragen von Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Vertrauen und Solidarität genau darauf degradieren, auf Fragen des situativen Geschmacks.

Daran etwas in Schule und Bildung zu ändern, ist es hohe Zeit. Viele Lehrerinnen und Lehrer tun hier ihr Bestes. Aber sie müssen es quasi in Guerilla-Taktik in Nischen tun, die ihnen ein Schulbetrieb lässt, der an der Agenda eines funktionalistisches Bildungskonzept orientiert ist, wo es primär um Fachwissen geht, und um den empirisch, durch Lernstands-Kontrollen abprüfbaren Output erworbener Kompetenzen. Das aber lässt jene gefährlichen Leerstellen in der Förderung von Charakterbildung entstehen, in denen Irrationalität prächtig gedeiht. Denn die gefährlichste Weltanschauung ist, nach Humboldt, die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.

Foto: © Aleksandar Nakic /iStock.com


Tobias Zimmermann SJ

ist Priester, Pädagoge und Jesuit. Als Autor und als Mitbegründer des Zentrums für Ignatianische Pädagogik (ZIP), das er seit Oktober 2019 leitet, arbeitet Tobias Zimmermann an Projekten der Entwicklung der katholischen Schulbildung und Spiritualität, in der Schulentwicklung, im Coaching für Leitungskräfte und in der Fortbildung von Schulleitungen und Pädagogen. Seit Oktober 2019 ist er Direktor des Heinrich Pesch Hauses und wirkt mit an der Weiterentwicklung der Akademie im Bereich Online-Bildung, neue Schwerpunktthemen sowie an der Entwicklung der Heinrich Pesch Siedlung, einem Modellprojekt für soziale und ökologische Stadtentwicklung.

Foto: Stefan Weigand

Weiterlesen

3
28.11.2022 Nachhaltigkeit

Ukama – Ort der Vernetzung und gelebter Solidarität

Das ehemalige Noviziat der Jesuiten in Nürnberg ist jetzt Ukama-Zentrum: Der Eröffnungskongress wurde zum programmatischen Wegweiser des neuen jesuitischen Stützpunkts für Sozial-Ökologische Transformation.

weiter
24.11.2022 Zusammenleben
Gewalt gegen Frauen Orange

Orange the World!

Die UN-Kampagne „Orange the World“ macht seit 1991 auf Gewalt aufmerksam – immer vom Internationalen Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen am 25. November bis zum 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte.
Gewalt gegen Frauen ist eine der am weitesten verbreiteten Menschenrechtsverletzung – auf der ganzen Welt. Wir alle müssen zum Ende dieser Gewalt beitragen.

weiter
21.11.2022 Sinn
Steven Uhly

»Ja, ich glaube an Erlösung«

Der neue Roman von Steven Uhly ist ein Kammerspiel im wortwörtlichen Sinne: Es spielt in einem Beichtstuhl. „Die Summe des Ganzen“ nimmt die Leser mit in Gespräche zwischen einem Priester und einem Mann, dem offenbar eine schwere Sünde plagt. Nach und nach wird klar: Es geht um Missbrauch, Obsession und die Liebe zu einem Jungen. Doch die Begegnungen im Beichtstuhl entwickeln sich anders als gedacht: Bald gerät der Priester selbst in den Sog der Fragen und Versuchungen, er wird fast süchtig nach den weiteren Bekenntnissen des Mannes.

weiter