Freundschaft Welser

Sinn  

»Freundschaft ist einfach ein großes Geschenk«

Warum Freunde für unser Leben unverzichtbar sind

Meine älteste Freundin habe ich mit neun Jahren kennengelernt. Sie fuhr auf ihren kurzen Skiern mit ihren wunderschönen blonden Locken in einem entzückenden hellblauen Skianzug hinter ihrer Mutter auf dem Wallberg am Tegernsee her. Ich war hin und weg. Meine Mutter, hinter der ich herfahren durfte, war langsamer als ihre. Also überholte ich meine, und sauste dem blonden Mädchen hinterher. Viel später trafen wir uns dann unten an der Gondelbahn, ich versuchte ein wenig Konversation, aber erfolglos. Das war im Winter.

Im Sommer saß ich dann ein wenig aufgeregt in der letzten Bank im Gymnasium Tegernsee zur Aufnahmeprüfung. Wie immer fast zu spät. Aber da kam noch eine, noch später: das blonde Mädchen vom Wallberg. Ich winkte heftig, sie schlich zu mir in die letzte Bank – und heute sind wir beide 75 Jahre alt und unverändert, unverbrüchlich befreundet. Da gab es auch Höhen und Tiefen, Pausen – aber auch ganz eng verbundene Zeiten.

Freundes-Zeiten sind Geschenke

Freundschaft ist einfach ein großes Geschenk. Vor allem, wenn man sie so lange erhalten kann wie mit meiner ältesten Freundin. Aber auch kurze Freundes-Zeiten, die sich dem Lebensweg anpassen, sind eine große Freude. Wenn man, wie ich derzeit, in einer dreiwöchigen Rehabilitations-Maßnahme einer liebenswürdigen, klugen Frau begegnet. Die einem bei jedem Frühstück, Mittagessen oder zur Kaffee-Stunde immer mehr aus ihrem eigenen, oft dramatischen Leben erzählt. Vertrauensvoll und zugewandt. Wo ich immer mehr von ihr erfahre, auch kleine Geheimnisse oder große Herzenswünsche. Die sich in ihrem Leben nicht so erfüllt haben. Aber im hier und jetzt, in der Rehaklinik, da öffnet sie sich. Vielleicht auch, weil sie weiß, dass wir uns so schnell nicht wiedersehen werden. Dass ihre Geschichten bei mir gut aufgehoben, ja vergraben sind.

Bitter ist es, wenn Freundschaften auseinander gehen. Wenn sie sich auflösen wie im Nirwana. Wenn eine langjährige Freundin plötzlich keinen Weihnachtsbrief mehr beantwortet, nicht mehr für ein kleines Päckchen zu ihrem Geburtstag antwortet. Wenn man sich fragt: Was habe ich nur angestellt? Warum sind die langen gemeinsamen so schönen Jahre plötzlich nichts mehr wert? Es muss ja etwas passiert sein, nur was? Das geht einem dann auch im Traum noch nach. Ein Anruf, der alles klärt? Nicht erfolgreich. Eine zufällige Begegnung bei der Beerdigung eines Freundes und meine Frage nach dem „Warum?“ – Nur ein „das erzähle ich Dir mal später“. Es lässt mich unglücklich und ratlos zurück.

Eine zerbrochene Freundschaft. Auch das will im Leben gemeistert sein.

Freundschaften wollen gepflegt sein

In der „rush-hour“ des Lebens, mitten drin im Beruf, mit heranwachsenden Kindern, und in einer nicht immer einfachen Ehe, ist oft wenig Zeit für Freundschaften. Da hat sich die wunderbare Erfindung des Autotelefons bewährt. Auf dem Weg ins Büro oder in ein Studio wird mit den Freunden telefoniert. Kontakt gehalten, damit man noch weiß, wie es dem anderen, der anderen so ergeht. Wie sonst lässt sich Freundschaft lebendig erhalten, wenn man nichts mehr erfährt.

Wobei die gefestigten, engen Freundschaften es aus meiner Sicht auch gut aushalten, wenn man mal eine Zeitlang nichts voneinander gehört hat. Wenn man genau da wieder anfangen kann, wo man vor Wochen, Monaten oder gar einem Jahr aufgehört hat zu reden. Wenn der Faden der Freundschaft einfach nicht abreißt. Das ist ein großes Glücksgefühl, diese Verbundenheit, diese Nähe.

Warum Frauen die besseren Freundinnen sind

Wobei ich zugeben muss, dass aus meiner Sicht Frauen einfach bessere Freundinnen sind. Wir sind uns näher, vertrauter, so vieles ist klar. Muss nicht lange „erklärt“ werden. Selbst in einer guten Ehe sind es eben doch immer zwei sehr unterschiedliche Personen. Die mögen sich lieben, sich nahe sein – aber die Unterschiede bleiben. Gewiss, auch Männer können Frauen gute Freunde sein. Vielleicht sind es dann aber genau diejenigen, die einstens mal als Liebende näher standen. Wo der Lebensweg beide auseinander geführt und später wieder angenähert hat, ohne die ganzen früheren Emotionen. Das kann dann auch eine richtig gute Freundschaft werden.

Freundschaft

Unabhängig vom Alter

Freundschaften, so sagen auch schlaue Leute, sollte ein Mensch in allen Altersstufen besitzen dürfen.  Also unter den Senioren ebenso wie unter jungen Menschen. Eben diejenigen auf der letzten Strecke des Lebens, aber auch solche, die noch ganz am Anfang stehen. Jetzt bin ich mit 75 auch bereits auf den „letzten Metern“ angekommen, aber welches Glück kann es sein, einem jungen Menschen zur Seite stehen zu dürfen. Nur: Ist das Freundschaft? Meistens sind es ja die Großeltern, die den Enkeln liebevoll zugewandt sind. Die zuhören, auf Fragen antworten, die finanziell helfen und nicht mehr erziehen wollen. Das ist meiner Meinung nach Liebe und Zuneigung. Aber auch eine ganze andere Art von Freundschaft. Und hier schließt sich der Kreis:

Zur Freundschaft gehört eben auch Liebe und Zuneigung, Beständigkeit und Einsatzbereitschaft. All das, was uns Menschen menschenwürdig macht.

Und wenn nicht jetzt während dieser Corona-Pandemie, wann dann ist Freundschaft so wertvoll wie noch nie? Wer sie erlebt, teilen darf, der wird das glückliche „Freundschafts-Gefühl“ in sich  fest bewahren.


Maria von Welser

ist Publizistin und ehemalige Leiterin des ZDF-Frauenjournals ML Mona Lisa. Die gebürtige Münchnerin (Jahrgang 1946) studierte Politologie und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität. Nach Stationen beim „Münchner Merkur”, bei der Münchner „Abendzeitung” und beim Bayerischen Rundfunk rief sie 1988 im ZDF das erste Frauenjournal im deutschen Fernsehen „ML Mona Lisa“ ins Leben. Darauf folgten das ZDF-Ombuds-Magazin „Mit mir nicht! Welsers Fälle“ und drei Jahre als Auslandskorrespondentin des ZDF in London. Vom ZDF wechselte sie dann 2003 in die ARD und leitete bis 2010 als Direktorin das NDR-Landesfunkhaus Hamburg (Fernsehen und Hörfunk). In ihrem „dritten Leben“ ist sie als Buchautorin und Kommentatorin tätig. Ehrenamtlich engagiert sie sich u.a. bei UNICEF Deutschland (Vorstand bis 2014, jetzt im Komitee) und bis 2013 zehn Jahre im Hochschulrat der Universität Hamburg.  Seit 2015 lehrt sie an der Universität Paderborn in der Philosophie „Frauen, Krieg, Gewalt und Flucht und die mediale Wahrnehmung. Auszeichnungen (u. a.): 2019 Ehrendoktorwürde der Universität Paderborn, 1996 Publizistik-Preis München, Hans-Joachim-Friedrichs-Preis, Frau des Jahres, Courage-Preis, 2007 Elisabeth-Selbert-Preis, Sophie-la-Roche – Preis und 1996 Bundesverdienstkreuz. 2015 Ehrenmedaille der Bayerischen Staatsregierung für den Einsatz für Frauen in Europa.

Foto: Max Arens (Stern)

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