Weihnachtskarte Weihnachtspredigt

Sinn  

„Diese Weihnachtskarte versende ich nicht!“

Oder warum es ein Fehler ist, dem Sirenengesang von White Christmas zu folgen

In der Stille der winterlichen Tage, wenn sich jeder wünscht, dass die Welt in ein zauberhaftes Weihnachtskleid gehüllt ist und der Duft von Zimt und Tannennadeln die Luft erfüllt, möchte ich mit Ihnen von einer außergewöhnlichen Weihnachtskarte berichten, die mir kürzlich in die Hände fiel. Ein kleines Kunstwerk, das auf den ersten Blick aus der Reihe fällt und einen vielleicht ungewöhnlichen Gedanken auslöst: „Diese Weihnachtskarte versende ich nicht!“

Ja, das war mein erster Impuls, als ich das Bild betrachtete. Statt der üblichen Darstellungen mit der Krippe, den heiligen Engeln und dem strahlenden Stern, zeigt diese offizielle Weihnachtskarte der Jesuitenprovinz in diesem Jahr eine aufgehende Sonne, die sich majestätisch hinter einem Gipfelkreuz erhebt. Ein wenig unkonventionell, nicht wahr?

Doch bevor wir voreilige Schlüsse ziehen, sollten wir dieser Karte eine zweite Chance geben. Denn sie birgt eine tiefgründige theologische Bedeutung in sich. Weihnachten, das Fest der Geburt Christi, ist untrennbar mit Ostern verbunden. Das Holz der Krippe, auf dem das neugeborene Jesuskind ruht, ist dasselbe Holz, aus dem das Kreuz gefertigt ist, an dem er für unsere Sünden sterben wird, weiß eine alte Geschichte. In dieser scheinbaren Diskrepanz zwischen Geburt und Tod, zwischen Weihnachten und Ostern, liegt die Essenz des christlichen Glaubens verborgen. Auf Spanisch wird dies treffend mit „¡Felices Pascuas Navideñas!“ ausgedrückt – Fröhliche Weihnachtsostern.

Der Jesuit Peter Knauer bietet uns in seinem Buch „Unseren Glauben verstehen“ eine vertiefende Perspektive: „Man könnte durchaus sagen, wir seien eigentlich durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes erlöst. Denn durch sie ist das Wort Gottes zu uns gekommen, das uns im Leben und Sterben die Gewissheit der Gemeinschaft mit Gott gibt. Aber um dieser Botschaft willen musste Jesus das Martyrium erleiden (vgl. Offb 1,5); und so sind wir durch sein Kreuz erlöst. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes ist nicht auf den Beginn des Lebens Jesu eingeschränkt. Sie umfasst vielmehr das ganze Leben des Menschen Jesus von der Geburt bis zum Tod.“

Den Leidenden begegnen

Das passt mir jetzt erstmal gar nicht. Inmitten des Jahresendes fühle ich mich nun urlaubsreif. Die Bilanzen sind erstellt, die Haushalte sorgfältig geplant, neue Abläufe entwickelt und umgesetzt. Die vorweihnachtliche Hektik hat ihren Tribut gefordert, und die Adventszeit verstrich beinahe unbeachtet. Und jetzt möchte ich Frieden und Ruhe! Es gibt diese verführerische Stimme in mir, die flüstert: „Es ist Weihnachten! Löse dich von den Gedanken an Arbeit und Probleme. Leg die Unruhe ab, die von dem zunehmenden Extremismus in Europa, Hassrede und der Unsicherheit in der Welt herrührt. Denke nicht ständig über die Not der Geflüchteten nach oder über die Menschen, die bei eisiger Kälte unter Brücken in München Zuflucht suchen. Vergiss die Tragödie der Ertrinkenden im Mittelmeer und die Kriege in Israel und der Ukraine.“

Doch ich erkenne, dass ich dieser verführerischen Stimme nicht nachgeben kann. Wenn ich ihr zu lange lausche, verliere ich meine Identität, mein Glaube wird bedeutungslos und belanglos.

Als Jesuit und Christ ist es meine Verpflichtung, meine Berufung und mein innerer Antrieb, dem Herrn bis unter das Kreuz zu folgen, denn dort finde ich ihn und meine wahre Identität. In der Begegnung mit den Leidenden unserer Zeit und in meinem Handeln als Antwort auf ihre Not finde ich Erfüllung.

Weihnachten ist nun mal nicht nur ein Fest der Freude, sondern auch ein Fest des Lichts, das in den dunkelsten Stunden erstrahlt. Und das heißt doch: Wer die Dunkelheit ausschließt, sieht die Sonne nicht aufgehen! Jesus trägt selbst angesichts des Kreuzes das Licht des Lebens und der Hoffnung in die Welt. Ich wünsche uns satten Christen, dass dieses Licht uns ermutigt, unseren Glauben in die Tat umzusetzen und es in die Dunkelheit der Welt zu tragen. Es soll uns die Augen öffnen, damit wir uns nicht von einer oberflächlichen White-Christmas-Stimmung einlullen lassen, sondern unser Herz für die wahren Herausforderungen und Nöte unserer Zeit öffnen.

Die Botschaft von Weihnachten und Ostern

In dieser Verbundenheit mit Christus kann unser Glaube wachsen und unsere Welt erhellen. Und so möge die Botschaft von Weihnachten und Ostern in unserem Leben weiterleben und uns ermutigen, Gottes Liebe und Barmherzigkeit in die Welt zu tragen.

Gerade in diesen Zeiten, in denen die Welt mit Herausforderungen und Unsicherheiten konfrontiert ist, braucht sie das Licht und die Liebe, die Weihnachten verkörpert, mehr denn je.

Lassen Sie uns gemeinsam das Licht entzünden und die Botschaft von Weihnachten und Ostern in die Herzen der Menschen tragen.

Die Geburt Christi mag uns daran erinnern, dass die Hoffnung niemals erlischt, selbst in den dunkelsten Stunden. Wenn Ihnen Weihnachten eine Karte ins Haus flattert, die an Karfreitag erinnert, denken Sie bitte daran: Die Liebe Gottes ist stärker als Dunkelheit, jegliches Leid und jeder Schmerz.

In dieser festlichen Zeit des Nachdenkens und der Feierlichkeiten wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes und besinnliches Weihnachtsfest, das uns daran erinnert, dass das Licht in der Dunkelheit scheint und die Liebe in der Welt weiterlebt.


Johann Spermann SJ

Johann Spermann SJ, Jesuit, Theologe und Psychologe, Provinzökonom der Deutschen Provinz der Jesuiten. Er war 10 Jahre Direktor des Heinrich Pesch Hauses in Ludwigshafen und Co-Leiter des Zentrums für Ignatianische Pädagogik.

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