Was passiert, wenn wir die biblischen Wundergeschichten ernst nehmen
Jungfrauengeburt, Heilungen und eine Welt voller Möglichkeiten: Was bedeuten die Wunder der Bibel für uns im Advent? Dieser Frage geht Konrad Glosemeyer SJ nach.
Wir gehen wieder auf Weihnachten zu, auf den Tag, „an dem Maria in unversehrter Jungfräulichkeit der Welt den Erlöser geboren hat“ (Weihnachtsliturgie). Wie Maria damals stellt sich auch uns bei der Jungfrauengeburt und bei anderen Wundern, von denen die Bibel und die christliche Tradition berichten, die Frage: „Wie soll das geschehen?“ (Lk 1,34).
„Blinde sehen wieder, Lahme gehen und Aussätzige werden rein“ (Mt 11,45) – es gibt ihn, den Aspekt des Sensationellen, des Außergewöhnlichen an den Wundergeschichten, der schon die Zeitgenossen Jesu immer wieder verblüffte: „Die Leute waren fassungslos“ (Mk 12,2).
Manche dieser Dinge, von denen berichtet wird, lassen sich nicht mit der Vernunft allein, sondern nur im Licht des Glaubens erfassen. Was aber, wenn wir nie solche außergewöhnlichen, die Grenzen des Erklärbaren sprengenden Wunder erlebt, geschweige denn je einen glaubhaften Zeugen solcher Ereignisse getroffen haben? Man könnte meinen, einige Wunder Jesu und der Heiligen spielten sich in einer Art Sonderwelt ab, die nicht die unsrige ist und die mit unserem Leben nichts zu tun hat.
„Unsere Welt ist wunderfähig“
Ein Hinweis des Propheten Jesaja, der oft in Zusammenhang mit der wunderbaren Geburt Jesu gebracht wird, kann zu einem besseren Verständnis beitragen: „Der Herr wird euch von sich aus ein Zeichen geben“ (Jes 7,14). Auch im Johannesevangelium werden die Wundertaten Jesu häufig als „Zeichen“ beschrieben (vgl. Joh 2,11).
Jene außergewöhnlichen Ereignisse stehen nicht für sich allein, sondern deuten als Zeichen auf etwas anderes hin. Sie sind Aussagen über unsere Welt und darüber, was darin mit Gottes Hilfe möglich ist. Es ist unsere Welt, nicht eine andere, in die Christus auf wunderbare Weise gekommen und in der er Wunderbares gewirkt hat. Unsere Welt ist also wunderfähig.
Durch diese verblüffenden, aber seltenen Zeichen öffnet sich für uns ein weiter Raum der wundervollen Möglichkeiten, der Wunder des Alltags: Wenn dieses und jenes durch Gottes Gnade geschehen konnte, wie leicht wird Gott dann erst mit den Dingen fertig, die uns und anderen unmöglich erscheinen.
„Das geht doch nicht!“, sagen wir uns vielleicht oft, wenn wir über unsere Träume nachdenken und dabei auf das zurückgreifen, was wir bisher erlebt haben. Aber die Zukunft ist ein weiter, offener Raum und in unserer Welt läuft nicht immer alles nach dem gleichen Schema ab.
Wovon träumst du? Würdest du gerne eine schwierige Sprache oder ein Musikinstrument lernen, obwohl du dich nicht für musikalisch hältst? Trau dich und probiere es aus, auch wenn es nicht klappen könnte.
Gott hat schon Außergewöhnlicheres gewirkt als das. „Man muss sich auf jeden Fall in die Verfassung bringen, dass die Dinge nicht daran scheitern, dass wir sie Gott nicht zugetraut haben“, schrieb der Jesuit Alfred Delp in seiner Betrachtung zur Pfingstsequenz.
Die Welt, ja jeder neue Tag, steckt voller wunderbarer Möglichkeiten. Daran erinnern uns die außergewöhnlichen Zeichen und Wunder, die die Heilsgeschichte hervorgebracht hat.
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Das Jesuiten-Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 4/2025 vom Jesuiten-Magazin. Das Heft steht unter dem Thema »Wunder« und berichtet über Wundererzählungen, Heilungen, Unvorhergesehenes und die Frage, was passiert, wenn ein Wunder ausbleibt.
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