Nachhaltigkeit  

Die Angst vor der Zukunft …

… und was wir dagegen unternehmen können

Vor der Bundestagswahl hatte ich die Ehre, hinter den Kulissen sechs Jugendliche bei ihrem Hungerstreik vor dem Berliner Reichstag begleiten zu dürfen. Diese wollten damit ein öffentliches Triell der drei Kanzlerkandidat*innen zum Klimawandel und der sich daraus ergebenden ernsten Lage der jungen Generation erzwingen – Themen also, die ihrer Meinung nach im Wahlkampf keine angemessene Aufmerksamkeit erhielten.

Die Aktion erhielt viel Öffentlichkeit im In- und Ausland, Zustimmung und Ablehnung hielten sich die Waage. Prof. Hans Joachim Schellnhuber, Deutschlands prominentester Klimaforscher, schrieb in einem Offenen Brief an die Jugendlichen: Angesichts der bekannten Probleme ist es „nachvollziehbar, vielleicht sogar verhältnismäßig, dass ihr mit dem Hunger- bzw. Durststreik die Gefährdung eures eigenen Lebens in die Waagschale werft, um den notwendigen Politikwechsel zu bewirken. Wer euch deshalb ‚Erpressung‘ oder dergleichen vorwirft, verkennt, dass dieses Streikmittel in der Geschichte oftmals erfolgreich eingesetzt wurde. Bezeichnenderweise verehrt unsere Gesellschaft die beteiligten Helden am liebsten dann, wenn sie schon lange tot sind (wie Mahatma Gandhi) oder sich in weiter Ferne befinden (wie Alexei Nawalny).“

Am längsten hielt der 21-jährige Henning Jeschke durch: Nach 27 Tagen ohne Essen und sieben Stunden ohne Flüssigkeitsaufnahme rief ihn Olaf Scholz an und sie vereinbarten immerhin ein öffentliches Gespräch zu allen Themen nach der Bundestagswahl.

Diese Aktion war zwar außergewöhnlich, entstand aber nicht im luftleeren Raum: Je nach Studie und Bezugsgruppe geben 50 Prozent oder gar 75 Prozent aller Jugendlichen weltweit an, aufgrund des Klimawandels „besorgt“ oder „sehr besorgt“ zu sein. Eine wachsende Anzahl junger Menschen blickt mit Angst in die Zukunft, erschütternd viele geben an, bereits jetzt physisch oder psychisch darunter zu leiden.

Das eigentliche Problem unserer Krisen

Jeder, der heute mit offenen Augen durch die Welt geht, kann die wachsende und kumulierende Anzahl an Problemen nicht mehr ignorieren: Ungleichheit, Ausbeutung, Massenmigration, Klimawandel, Artensterben, Hunger, Pandemie … Auf den ersten Blick unübersichtlich, und man fragt sich, wo man denn nun anfangen muss, um die Dinge zu lösen. Auf den zweiten Blick erkennt man jedoch, dass man sich nicht allzu sehr mit den Symptomen beschäftigen, sondern eher der vielen Problemen gemeinsamen Ursache zuwenden sollte: Das neoliberale Menschenbild und die darauf aufbauende Art und Weise, Wirtschaft und Gesellschaft um Leitwerte herum zu organisieren wie Wettbewerb, Wachstum und Trickle-Down.

Dem hätten Christen und Kirchen auch schon seit Jahrzehnten selbstbewusst ihr christliches Menschenbild als Alternative entgegenhalten können mit Leitwerten wie Solidarität, Gemeinwohl und Kooperation.

Auch hochkarätige Wissenschaftler und Präsidentenberater wie Gus Speth erkennen, dass Werte das eigentliche Problem hinter den Krisen der Gegenwart sind: „Früher dachte ich, dass die größten Umweltprobleme der Verlust der Artenvielfalt … und der Klimawandel wären. Ich dachte, 30 Jahre gute Wissenschaft könnte diese Probleme angehen. Ich habe mich geirrt. Die größten Umweltprobleme sind Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit, und um mit ihnen fertig zu werden, brauchen wir einen kulturellen und spirituellen Wandel. Und wir Wissenschaftler wissen nicht, wie man das macht.“ Noch kürzer in den unvergesslichen Worten Gandhis: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“

Buchtipp

Jörg Alt Einfach anfangen Buch

Klimakatstrophe, Armut, Flüchtlingsbewegung – das sind nur einige der großen Probleme unserer Zeit. Viele dieser Schwierigkeiten gehen nach Ansicht von Jörg Alt auf das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zurück, das gemeinhin als Neoliberalismus bezeichnet wird. Dass niemand trotz der zunehmend sichtbar werdenden Probleme dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ernsthaft infrage stellt, liegt daran, dass es bislang nicht gelungen ist, seine verheißungsvollen Versprechen durch ebenso verheißungsvolle Alternativen zu ersetzen.
Daher geht es in diesem Buch zunächst darum, wie eine solche Alternative aussehen könnte. Und dann, wie diese neue Idee von weltweiter Gesellschaft ganz konkret umgesetzt werden kann.
Letztlich geht es um einen Perspektivwechsel, der Mut macht, die dringend notwendigen Veränderungen in unserer Welt anzugehen und sie wirklich zu tun – eben einfach anzufangen!

Noch ist die Lage nicht hoffnungslos

Denn die Wissenschaft warnt nicht nur, sie verweist auch auf die Maßnahmen, die wir ergreifen können, um das Ruder noch herumzureißen: Bei der Energie-, Verkehrs-, Agrarwende. Bei der Abkehr von einer wachstumsbasierten Wirtschaft hin zu einer bedarfsorientierten Kreislauf- und Gemeinwohlwirtschaft und vielem mehr. Konzepte und Ideen gibt es, Geld auch.

Dabei kommt Kirchen und Christen als weltumfassende Wertegemeinschaft eine zweifache Rolle zu.

Wir sind jene, die das haben, was der Wissenschaft fehlt: Alternative Leitbilder zum neoliberalen „Weiter-So“ und „Mehr davon“ – eben Konzepte, die Menschen erläutern können, warum Wachstum, Materialismus und Konsum eben keine Garantie für Lebensglück und Zufriedenheit sind.

Und noch besser wäre es, wenn wir dies überzeugend vorleben können. Denn nichts überzeugt besser als ein gutes und gelingendes Beispiel.

Und: Wir sind Experten der Hoffnung. Gerade jenen, die jetzt schon von Angst, Verzweiflung und Mutlosigkeit geplagt sind, können wir unser Vertrauen entgegenhalten in einen Gott, der Herr der Geschichte ist und uns in unserem eigenen Bemühen begleitet und segnet.

Freilich: All dies entbindet uns nicht von der Pflicht, jetzt wirklich einfach anzufangen, das Erforderliche und Nötige zu tun.


Terminhinweis:

Das Gespräch zwischen den einstigen Hungerstreikenden Lea Bonasera und Henning Jeschke sowie Olaf Scholz findet am 12. November von 16 bis 17.30 Uhr in der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung statt und wird von dort auch im Livestream übertragen.

Foto: © Eliza/photocase.com


Jörg Alt SJ

Der Jesuit ist seit 1993 Priester. Nach seinem philosophisch-theologischen Studium promovierte er in Sozialwissenschaften. Von 1986 bis 2005 arbeitete er im Flüchtlingsdienst der Jesuiten, derzeit arbeitet er in der Missionsprokur in Nürnberg mit. Jörg Alt hat zahlreiche Veröffentlichungen im Bereich Migration, „illegale“ Einwanderer und Sozialethik.

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