Franziska Schutzbach

Zusammenleben  

Die Allzuständigkeit der Frau

Ein Gespräch mit Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach über die Erschöpfung der Frauen – und was wir dagegen tun können

In ihrem Buch „Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit“ analysiert Franziska Schutzbach, weshalb sich viele Frauen in einem ernsthaften Rollenkonflikt und einer Identitätsunsicherheit befinden, einhergehend mit einer Zerrissenheit zwischen dem als unerträglich empfundenen traditionellen Lebensentwurf und der Angst, an dem Neuen zu scheitern. Christine Stuck von der Akademie für Frauen im Heinrich Pesch Haus sprach mit der Autorin und fragte nach den Ursachen und Lösungsansätzen.

Frau Schutzbach, immer wieder hören wir Frauen, dass wir doch schon längst gleichberechtigt seien, dass uns Frauen nie zuvor so viele Türen offenstanden und wir nie zuvor unsere Leben so emanzipiert und selbstbestimmt wie heute gestalten können. Weshalb sind so viele Frauen erschöpft? 

Das Vordringen der Frauen in die Berufswelt war zweifellos ein großer emanzipatorischer Schritt. Frauen sind jedoch nicht nur aus Gründen der Selbstverwirklichung im Arbeitsmarkt. In vielen Familien müssen alle das Familieneinkommen verdienen. Frauen können heute berufstätig sein, Karriere machen, in die Politik gehen, sie können Sex mit verschiedenen Partner*innen haben und ein emanzipiertes Leben führen. Das bedeutet aber auch: Von ihnen wird nun Perfektion in noch mehr Bereichen erwartet. Der Druck, es allen recht machen zu müssen, und das Gefühl, anderen etwas schuldig zu sein, haben nicht abgenommen. Im Gegenteil. Mädchen und Frauen wird heute die Fähigkeit attestiert, ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen und sich von Problemen nicht abschrecken zu lassen – es wird geradezu von ihnen erwartet. Das Mädchen- und Frauenbild von heute ist stark, sexy, selbstbewusst, schlau, schlank, sexuell aktiv und aufgeklärt, gut gebildet, berufsorientiert, cool, selbstständig, aber auch lieb und sozial.

Sie analysieren den Druck, der auf Frauen lastet, sehr genau und eröffnen einen Diskurs, der die Erschöpfung unterschiedlicher Frauen als kollektives Phänomen beschreibt und strukturelle Ursachen in unserem Wirtschaftssystem hat. Woraus resultiert dies?

Eine junge Frau kann alles, soll aber auch alles. Die Politologin Katharina Debus spricht von einer Allzuständigkeit der Frauen. Denn neben den emanzipierten Rollenbildern sind auch traditionelle Erwartungen unhinterfragt wirksam. Frauen sind auch heute mit anderen Anspruchshaltungen konfrontiert als Männer. Frauen werden nicht einfach als Menschen betrachtet, von ihnen wird nach wie vor erwartet, dass sie gebende Menschen sind.

Sie beschreiben eine Allzuständigkeit der Frau – was meint das genau?

Denn, was sich nicht verändert hat, ist, dass andere Menschen betreut werden müssen. Bevor Menschen in Fabriken und Angestellte in Büros Gewinne erarbeiten können, müssen sie erst einmal geboren, gepflegt, geliebt, erzogen und versorgt werden. Der Bedarf nach Sorgearbeit ist sogar noch gestiegen, weil Menschen immer älter werden und die Sozialsysteme teilweise abgebaut wurden und wieder mehr ins Private verlagert wurde.

Durch die Orientierung des gesamten Lebens an der Erwerbsarbeit entsteht ein massiver Zeitmangel für das Kümmern, die Betreuung von Kindern, die Pflege alter Menschen, das Putzen. Es gibt hier eine strukturelle Unvereinbarkeit. Während es in anderen Bereichen geschlechterpolitische Fortschritte gibt, haben sich Ausbeutung und Erschöpfung in Bezug auf Care-Arbeit deutlich verschlimmert. Gesellschaft und Wirtschaft tun so, als ob Frauen aus Liebe und qua ihrer Natur gerne Familienarbeit erledigten. Die Wirtschaft profitiert davon, die Gratisarbeit der Frauen abzuschöpfen, ihre Liebe und Fürsorge.

Die Erwartungshaltungen gegenüber Frauen und damit ihre Erschöpfung sind die Basis unseres ökonomischen Systems.

Abgesehen von der ökonomischen Seite, weshalb ist Sorgearbeit, die ja auch gerne übernommen wird und positive Emotionen erweckt, so erschöpfend?

Die Verantwortung, die mit Sorgearbeit einhergeht, macht verletzlich. Ob in der Pflege der Großeltern oder in der Elternschaft, Pflegende wollen, dass es den zu Pflegenden gut geht und ihr Bestes geben. Die enge Bindung an Kinder, deren radikale Abhängigkeit, die damit verbundene Emotionalität und pausenlose Zuständigkeit bringen Frauen in eine fragile Position. Die Zuständigkeit für Kinder macht auf eine Weise vulnerabel, wie man sie von anderen Arten der Arbeit nicht kennt. In anderen Arbeitsverhältnissen können Arbeitnehmer*innen ihren Chef oder ihre Vorgesetzte kritisieren, sie können zur Gewerkschaft gehen, den Personalrat informieren, kündigen oder selbst Chefin werden. Mit Kindern ist es anders: Man kann die Kinder nicht einfach ablehnen, einen Aufstand starten oder streiken. Dieses Arbeitsverhältnis ist viel komplizierter und ambivalenter.

Natürlich ist das Leben auch in anderen Bereichen voller Zwänge, wir müssen vieles. Aber die unmittelbare elterliche Notwendigkeit, Dinge tun zu müssen, weil sonst ein anderer Mensch stirbt oder etwas grundlegend nicht mehr funktioniert, ist in seiner Pausenlosigkeit sehr spezifisch.  Auch deshalb, weil es in der Beziehung mit kleinen Kindern wenig Übereinkünfte gibt. Man kann mit einem Baby nicht einvernehmlich absprechen, auf welche Weise das gemeinsame Leben, das Bedürfnis nach Rückzug, nach Eigenständigkeit und Gemeinsamkeit, gestaltet wird. Die elterliche Zuständigkeit für Kinder ist entgrenzt und entgrenzend. 

Mütter werden gleichzeitig idealisiert und abgewertet

Das Erschöpfende an Mutterschaft und Elternschaft ist nicht nur die tatsächliche Arbeit, sondern auch der Umstand, dass sie – im Gegensatz zu beruflichen Arbeitsverhältnissen – im besonderen Maße moralisch konnotiert sind.

Veranstaltungsempfehlung

Am 4. Juli 2022 stellt Franziska Schutzbach ihr Buch „Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit“ um 17 Uhr im Ludwigshafener Heinrich Pesch Haus vor.

Es geht in meinem Buch nicht darum, Sorgearbeit und die Entscheidung sich beispielsweise um die Kinder zu kümmern abzuwerten. Frauen, aber eben auch alle anderen Menschen, sollten eine echte Wahl haben. Viele Frauen entscheiden sich, daheim zu bleiben, weil ihnen das in einer sexistischen Gesellschaft auch die Chance auf eine sinnstiftende Rolle bietet. Selbst, wenn das langfristig Nachteile hat, beispielsweise bei der Altersvorsorge.

Es geht darum, strukturelle Ungerechtigkeit aufzuzeigen. Wenn Kinder ungepflegt, wenn die Wohnung dreckig ist, fällt das meistens auf die Mütter zurück, sie gelten dann als gescheitert. Bei Männern dagegen kommt es einer gesellschaftlichen Kastration gleich, wenn sie im Beruf erfolglos sind. Auch Männer sind erschöpft, ich würde das gar nicht gegeneinander ausspielen. Das kapitalistische System ist für Männer ebenfalls ausbeuterisch. Schon 1989 publizierte die Soziologin Arlie Hochschild ihre Studie The Second Shift, die aufzeigt, dass berufstätige Frauen zusätzlich noch immer eine zweite Schicht zu Hause übernehmen. Heute ist das nicht viel anders – auch wenn Väter heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Dies hat uns auch die Corona-Pandemie nochmals verdeutlicht.

Wie können wir Frauen das Bewusstwerden dieser kollektiven und strukturbedingten Erschöpfung als Ausgangspunkt für politisches Handeln nutzen?

Wichtig ist die Erkenntnis: Es ist nicht unsere „falsche Art“ zu leben, die uns in die Erschöpfung treibt. Ich bin der Überzeugung, dass wir die Erfahrung von Erschöpfung nur bedingt individuell wegoptimieren können. Eine solche Überzeugung bedeutet nicht, individuelle Gefühle nicht ernst zu nehmen. Im Gegenteil. Meine Hoffnung ist, dass daraus vielleicht eine neue Kraft entsteht. Eine Kraft, die nicht auf die einsamen Versuche der Frauen reduziert ist, Dinge noch perfekter zu machen.

Dieses Buch will nicht die Frauen verändern, sondern die Gesellschaft. Erschöpfung bedeutet nicht selten Entfremdung. Erschöpft zu sein heißt, sich selbst fern zu sein. Deshalb beinhaltet die Auseinandersetzung mit Erschöpfung aus meiner Sicht auch, der Sehnsucht nach Verbundenheit, Freude und Erfüllung Raum zu geben. Es geht dabei nicht einfach um die Formulierungen der richtigen politischen Programme und Forderungen, sondern darum, dass wir das Politische tatsächlich mit unserem Inneren verbinden.

Eine mögliche Entgegnung auf Erschöpfung ist Beziehung und nicht Vereinzelung.

Die Künstlerin und Autorin Bini Adamczak schreibt, dass die bisherigen Befreiungsbewegungen sich zunächst auf Gleichheit und Freiheit bezogen haben. Die „Brüderlichkeit“ – oder eben Solidarität und Beziehungen sind bisher zu kurz gekommen. Aus diesem Grund ist auch die Sorge(arbeit) in den männlich dominierten Revolutionsangeboten vernachlässigt worden. Eine feministische Arbeit gegen die Erschöpfung ist eine Arbeit an Beziehungen. Wenn die Erschöpfung aufhören soll, kommen wir nicht umhin, Sorgearbeit ins Zentrum der Gesellschaft und Wirtschaft zu stellen.

Schutzbach Erschöpfung der Frauen

Buchtipp

Auf mehreren Bestsellerlisten stand Franziska Schutzbach mit ihrem Buch „Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit“. Frauen haben heute angeblich so viele Entscheidungsmöglichkeiten wie nie zuvor. Und sind gleichzeitig so erschöpft wie nie zuvor. Denn nach wie vor wird von ihnen verlangt, permanent verfügbar zu sein. Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach schreibt über ein System, das von Frauen alles erwartet und nichts zurückgibt – und darüber, wie Frauen sich dagegen auflehnen und alles verändern: ihr Leben und die Gesellschaft.  

Interview: Christiane Stuck


Franziska Schutzbach

ist promovierte Geschlechterforscherin, Soziologin, Publizistin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Im Jahr 2017 initiierte sie den #SchweizerAufschrei, seither ist sie eine bekannte und gefragte feministische Stimme auch über die Schweiz hinaus. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterthemen wie Misogynie und Sexismus, darüber hinaus befasst sie sich mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten. Franziska Schutzbach lebt in Basel. Ihr Buch „Die Erschöpfung der Frauen. Wieder die weibliche Verfügbarkeit.“ stand auf mehreren Sachbuch-Bestenlisten.

Bild © Anja Fonsenka

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