Demokratie Kirche Ukraine

Versöhnung  

Viva la Demokratie!

Die katholische Kirche braucht mehr gelebte Demokratie –
das ist heute wichtiger als je zuvor.

Seit zwei Wochen herrscht Krieg in der Ukraine. Jedes Bild aus einer der umkämpften Städte zeigt Tod und Zerstörung. Mit jeder Wortmeldung Putins schließt er sich weiter, der Eiserne Vorhang, und teilt die Welt in Freund und Feind, in Ost und West, in freie Meinungsäußerung und Zensur.

Eiserner Vorhang. Ein Wortbild wie ein Museumsbesuch: Auf einmal steht damit ein auf Hochglanz poliertes Relikt aus vergangen geglaubten Zeiten im Raum und bringt einen Moderhauch von Sowjet-Ära, DDR-Nostalgie und Bonner Regierungsbehörden mit. Auch Atomkraft im Allgemeinen und Tschernobyl im Besonderen sind urplötzlich wieder sehr konkreter Anlass zur Sorge, was so manchem längst verblassten und teilentfernten „Atomkraft, nein danke“-Aufkleber zu ungeahnter Aktualität verhilft. Im Angesicht des Krieges in Europa werden auch Pazifist*innen zu Mahner*innen einer Sicherheitsarchitektur, die scheinbar nur durch Aufrüstung stabilisieren kann.

Putins Angriff auf die Ukraine hat zu härtesten Sanktionen des Westens geführt. Bislang gelang es nicht, dadurch den Frieden wiederherzustellen im Land der blau-gelben Fahnen, dessen Name „Grenzland“ heißt und über dessen Grenzen nach Westen hin sich seit zwei Wochen Flüchtlingsströme ergießen.

Mit seinem Angriffskrieg hat Putin eine rote Linie weit mehr als nur überschritten. Er hat sie mit Füßen getreten.

Seine Entscheidung machte ihn von legitimierten Präsidenten zum Diktator, vom Staatslenker zum Kriegsherrn, vom selbstgefälligen Herrscher mit unbegrenztem Machtanspruch – denn das war er auch schon vor der Invasion – zum Tyrannen. Die rote Linie ist juristisch die des Völkerrechts und der Menschenrechte, moralisch die des europäischen, aufklärerischen Geistes, eines gemeinsamen Wertefundaments. Letzteres baut auf Freiheit und Souveränität der Staaten, auf Gleichheit der Bürgerinnen und Bürger, auf die Menschenwürde als obersten Maßstab allen Handelns, auf Treue zur Verfassung und zu geltenden Gesetzen und Verträgen. Das Instrumentarium zur Umsetzung dieses Wertefundaments nennen wir Demokratie.

Warum Demokratie kein »Nice to have« ist

Die Demokratie ist kein Selbstzweck. Sie ist auch kein „Nice to have“. Sie ist unbedingte Voraussetzung unserer Freiheit. Sie ist damit auch unbedingte Voraussetzung eines friedlichen Miteinanders. Dass der Frieden fragil ist, ein jederzeit bedrohter Zustand, das haben uns die vergangenen zwei Wochen eindrucksvoll vor Augen geführt. Freiheit ist ein hohes Gut. Das wird – und das ist tragisch – besonders im Moment ihres Verlustes überdeutlich. Wenn der Nachbar plötzlich Feind, die offene Grenze plötzlich unüberwindliche Hürde, das gesprochene Wort plötzlich lebensbedrohender Zensur unterworfen ist – dann ist es um die Freiheit geschehen.

Was bedeutet das für uns als Kirche? Ohne Frage ist der Weg Jesu der Weg der unbedingten Liebe bis hin zur Feindesliebe. Es ist ein Weg absoluten Pazifismus. Nun ließe sich über visionäre Ausrichtung, Himmelreich-Theologie und Praktikabilität einer tatsächlich gelebten Feindesliebe viel sagen. Es bliebt aber im Fall jeder möglichen Deutung die Einsicht: Jesus war absoluter Verfechter des Friedens. Schon deshalb, weil sein ganzes Leben und Trachten sich an der Zuwendung zu den Leidenden orientierte. Krieg schafft Leid. Deshalb ist er nicht hinnehmbar.

Dem Frieden nachjagen. Frieden schaffen. Für Frieden eintreten. Kirche kann dieses Ziel gar nicht ernst genug nehmen.

Das geht im und durch das Gebet. Das geht auch durch karitativ-diakonische Solidarität mit jenen, die die direkten und schmerzhaftesten Auswirkungen des Krieges unbarmherzig trifft.

Demokratie als Friedensstifter – auch in der katholischen Kirche

Es geht aber auch über Wertschätzung und Anerkennung des Instrumentariums, das aktuell als das beste gelten muss, um Frieden zu schaffen: Demokratie. Sie gilt es zu unterstützen – um unser aller Freiheit und Frieden willen. Bislang haben wir uns als katholische Kirche in Deutschland primär damit begnügt, Demokratie als Staatsform anzuerkennen. Jede Art von Förderung politischer Bildungsarbeit, jede Unterstützung der Verbände, die hervorragende „Werkstätten der Demokratie“ sind, jeder Austausch mit gewählten Repräsentant*innen ist gut und wichtig.

Allerdings fehlt in katholischer Kirche die Selbstverständlichkeit, in der auch Kirche sich als „Volk“, in diesem Fall als „Volk Gottes“ und dieses sich wiederum als Souverän im Dienste Gottes versteht. Daran müssen wir arbeiten. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung ist der Synodale Weg: Die demokratischen Verfahren sorgen für Befremden, manchmal auch für heftige Abwehrreaktionen – aber diese lassen schon jetzt spürbar nach. Was bleibt, ist ein neues Gefühl des Wir. Möge dieses Wir wachsen, um auch als Kirche im eigenen Handeln dafür einzustehen, dass gelebte Demokratie ein wirksames Instrument der Friedenssicherung und Ausdruck unser aller Freiheit ist. Die Welt braucht gerade viele „Werkstätten der Demokratie“. Wir könnten eine davon sein.   

Foto: © Dzmitry Dzemidovich/istock.com


Katharina Goldinger

Theologin und Pastoralreferentin im Bistum Speyer, Religionslehrerin an einem Speyerer Gymnasium und Ansprechpartnerin für den Synodalen Weg im Bistum Speyer, sehr gerne in digitalen (Kirchen-)Räumen unterwegs, ehrenamtlich im Team der Netzgemeinde da_zwischen aktiv.

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