Misereor Bohne Fastenaktion 2024

Nachhaltigkeit  

Das interessiert mich die Bohne

Eine Reportage über ökologisch-nachhaltige Landwirtschaft in Kolumbien

Wo kommt eigentlich unser Kaffee her? Und wie wird er angebaut? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Misereor-Fastenaktion mit dem Schwerpunkt Kolumbien. Sandra Weiss berichtet über ein zukunftsweisendes Projekt nachhaltiger Landwirtschaft in Kolumbiens Kaffeeregion.

Sorgenvoll blickt Francisco Rubiel Delgado auf seine Kaffeeanpflanzung. 15.000 Kaffeesträucher wachsen hier in Nariño, ganz im Südwesten von Kolumbien an der Grenze zu Ecuador, auf engem Raum. Die sehen auf den ersten Blick prächtig aus – ein dunkelgrüner Wald aus mannshohen Kaffeesträuchern. Die Äste biegen sich unter der Last der dicken, roten Kirschen. Der 50-jährige Kaffeebauer hat alles nach Vorschrift gemacht: Rund um die Setzlinge hat er regelmäßig Glyphosat versprüht, um das Unkraut in Schach zu halten. Alle paar Monate gab er Kunstdünger dazu und ab und zu eine Dusche mit einem weiteren Pflanzenschutzmittel. Das „All-inclusive-Paket“ einschließlich der Setzlinge gab es vom kolumbianischen Kaffeeverband – und eine Abnahmegarantie für die Produktion gleich mit. Das Risiko allerdings trägt der Bauer.

So funktioniert die Symbiose zwischen Kaffeebäuerinnen und -bauern und dem Verband im ganzen Land. Doch bei Delgado ist ein außerplanmäßiges Szenario eingetreten: Der Kaffee – genetisch auf hohen Ertrag gezüchtet – ist gleich von zwei Pilzen auf einmal angegriffen worden. Die roten Stellen auf den Blättern zeugen vom Befall mit Kaffeerost, die braunen Sprenkel von der Pilzkrankheit „Mycena citricolor“. „Zu viel Regen dieses Jahr“, murmelt Delgados Cousin Oweimar Viveros. Die Feuchtigkeit und verdichtete Böden sind ein Nährboden für den Pilz. Vor allem dann, wenn die Kaffeesträucher so eng gepflanzt sind, wie es inzwischen im kommerziellen Kaffeeanbau üblich ist.

Zurück aufs Land mit Diplom

Oweimar Viveros hat einen anderen Weg gewählt. Er ist zurückgekehrt aufs Land, nach einem Studium als Agraringenieur in der Regionalmetropole Pasto. Obwohl er lukrative Jobangebote in der Stadt hatte. Und das, so ist seine Mutter Raquel Burbano überzeugt, verdankt die Familie der von Misereor unterstützten Landpastoral und der von ihr propagierten ökologisch-nachhaltigen Landwirtschaft. In dieser sah er eine Möglichkeit, mit schonenderen Anbaumethoden nachhaltiger und gesünder zu produzieren.

Misereor Fastenaktion 2024 Bohne
Finca “La Araucaria” der Familie Viveros, Valparaiso, Nariño, Kolumbien (Bild: Kopp I Misereor)

„Früher hatten wir hier alle nur Monokulturen, so wie mein Cousin“, sagt er, während er seinen eigenen Hof zeigt. Auch er baut noch immer Kaffee an, auch er kämpft mit den Pilzerkrankungen eines feuchten Winters. „Aber ich kann meine Spritzmittel selbst herstellen und muss sie nicht teuer kaufen“, erklärt er und zeigt auf ein paar Plastikbottiche, in denen er aus Mikroorganismen im Wald, aus Asche und Gülle, aus Melasse und Hefe, aus Rinden und Blättern seine eigenen Dünger und Pestizide herstellt.

Gesundes Essen vom Hof

„Und ich habe dank der Pastoral diversifiziert“, ergänzt Oweimar Viveros. Seine Kaffeeernte wird in diesem Jahr auch geringer ausfallen. Aber durch die ökologische Bewirtschaftung sind die Produktionskosten niedriger und hält sich der erwartete Verlust in Grenzen. Hungern muss die Familie nicht: Zwischen dem Kaffee wachsen Zitrusbäume und Bananenstauden, Bambus und Edelhölzer. Seine Mutter Raquel Burbano, die sich neben dem Hof mit Schulungen, Vernetzungstreffen und politischer Lobbyarbeit für den Ansatz der biologisch-nachhaltigen Landwirtschaft starkmacht, baut im Gemüsegarten Salat und Physalis an, Maniok und Möhren und vieles mehr – alles gesund und ökologisch. Für Proteine sorgen die Hühner und Meerschweinchen, die auf dem Hof gehalten und auch gegessen werden. „Früher dachte ich, wir Bäuerinnen und Bauern seien arm“, sagt Raquel Burbano. „Aber dann habe ich gemerkt, dass das nur ein Vorurteil hier drin war“, tippt sie sich an die Stirn, “denn wir haben eigentlich ein gutes Leben.“

Das sieht man, wenn man ein paar Schritte hinter das einfache, aber gemütliche Bauernhaus macht, in einen kleinen Wald, durch den ein Flüsschen fließt. Der Bambushain am Waldrand reguliert das Klima und ist ein schnell wachsender, natürlicher Baustoff. Aus den Bambusrohren hat die Familie die beiden langen Bänke vor dem Haus gezimmert und bunt angemalt. Sie sind der Lieblingsplatz aller und stehen unter der schattenspendenden Araukarie, die dem Hof den Namen gab. „Die Pastoral hat uns gelehrt, wie wir mit einfachen Dingen unser Haus verschönern können“, erzählt Raquel, die sichtlich stolz ist auf ihre aus alten Autoreifen und Plastikflaschen hergestellten Windspiele und Blumentöpfe.

Bohne Fastenaktion 2024 Kolumbien Kaffee
Oweimar Viveros versprüht flüssigen Dünger – Ein von der Sozialpastorale orgaisierter Kurs zur Herstellung von organischem Dünger mit Mikroorganismen. (Bild: Kopp I Misereor)

Nach 35 Jahren ist ein Biocluster entstanden

„Bauer zu sein bedeutet, Kontrolle zu haben über das Land, das wir bewirtschaften“, sagt ihr Sohn. Auch wenn es nur zwei Hektar sind, wie in seinem Fall.

Man kann das Land mit Chemikalien behandeln, es umgraben und versuchen, den maximalen Ertrag der gerade auf dem Weltmarkt gut verkäuflichen Früchte herauszuholen – oder man kann sich davon befreien und versuchen, nur behutsam in die Fülle des Lebens einzugreifen, um das Gleichgewicht der Millionen von Mikroorganismen so wenig wie möglich zu stören.

Diesen Weg hat er gewählt. Bewusst gegen die Regel, bewusst gegen das Marktdiktat.

Ertragen musste die Familie die Schwarzmalerei des Kaffeeverbands und das Getuschel der Dorfbewohnerinnen und -bewohner, die ihr Agroforstsystem für ein Zeichen von Verwahrlosung hielten. Ohne die anhaltende Unterstützung der Landpastoral hätte die Familie diesen Paradigmenwandel wohl nicht durchgehalten. Inzwischen, nach 35 Jahren, ist aber in Nariño ein Biocluster entstanden. 3.000 Familien haben Kurse durchlaufen, viele haben ihre Höfe umgestellt. Sie haben wieder aufgeforstet und trennen ihren Müll, sie organisieren Bauernmärkte und Sparkooperativen. Hunger ist kein Thema mehr, viele Familien konnten ihre Lebensqualität deutlich verbessern, Motorräder kaufen und ihre Kinder zum Studium in die Stadt schicken.

Fastenaktion Misereor Kaffee Kolumbien
Oweimar Viveros wendet Kaffee zum Trocknen. (Bild: Kopp I Misereor)

Weniger Müll, mehr Verarbeitung

Oweimar Viveros ist ein „Kind der Pastoral“. Seine Generation übernimmt nun langsam die Stafette. Umweltschutz ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Auch wirtschaftlich hat er ehrgeizige Pläne. Zusammen mit anderen jungen Kaffeebauern hat er vor kurzem eine Genossenschaft gegründet. Sie wollen künftig ihren Kaffee selber verarbeiten, eine eigene Marke Qualitätskaffee etablieren und damit mehr Einnahmen erzielen. Beratend zur Seite stand ihnen auch da wieder die Landpastoral. Der Kaffeeverband, der als Zwischenhändler zum Weltmarkt auftritt, hat daran wenig Interesse. Oweimar Viveros aber bringt so leicht nichts mehr aus der Ruhe. Hindernisse, hat er in der Landpastoral gelernt, sind schließlich zum Überwinden und daran Wachsen da.

Der Text ist eine gekürzte Fassung der Reportage von Sandra Weiss, die hier in voller Länge nachzulesen ist.

Misereor-Fastenaktion wird in Ludwigshafen eröffnet

Am 18. Februar 2024 wird die diesjährige Misereor-Fastenaktion in Ludwigshafen eröffnet. Das Bistum Speyer, das Heinrich Pesch Haus und Misereor laden aus diesem Anlass zu einem Gottesdienst in die Pfarrkirche St. Ludwig und zu zahlreichen Veranstaltungen ein, bei denen auch Partner aus Kolumbien zu Gast sein werden.


Sandra Weiss

ist Politologin (IEP Paris) und Ex-Diplomatin. Sie lebt in Mexiko und berichtet seit über 20 Jahren als freie Journalistin aus Lateinamerika. Sie gewann zahlreiche Preise, darunter den Katholischen Medienpreis und den Constructive World Award.

Bild: Florian Kopp

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