Tagebuch

Sinn  

Das Exerzitientagebuch

Ein Weg zu innerer und äußerer Klarheit

Exerzitien – das sind Tage und Wochen, in denen man sich mit Lebensthemen beschäftigt und bewusst der eigenen Spiritualität widmet. Besondern in der ignatianischen Lebenskunst ist Form, Klarheit für sich und das eigene Leben zu finden, sehr stark verwurzelt. Ein Bestandteil davon ist das Exerzitientagebuch. Der Jesuit Jan Korditschke erzählt, was es damit auf sich hat und warum es auch im Alltag seinen Wert entfalten kann.

In Exerzitien bietet es sich an, ein Tagebuch zu führen und darin nach jeder Gebetszeit oder zumindest einmal täglich abends Ihre Erfahrungen einzutragen. Schreiben Sie sich auf, was Ihnen im Rückblick auffällt, auch wenn es ganz unspektakulär daherkommt.

Was schreibe ich in ein Exerzitientagebuch?

Achten Sie bei der Auswertung Ihrer Gebetszeiten besonders darauf, ob und wie sich die emotionale Qualität Ihres Erlebens im Laufe der Zeit geändert hat: Wenn Sie während einer Meditation plötzlich sehr müde geworden sind oder sich schon kurz danach gar nicht mehr erinnern konnten, was Sie meditiert haben, wenn mitten in der Meditation bei einem Wort oder Satz des Meditationstextes plötzlich Freude aufkam oder auch Angst, Unruhe, Ärger, Wut …

Es mag sein, dass Ihnen manchmal die Worte fehlen oder jedes Wort Ihnen ungeeignet scheint, um das angemessen auszudrücken, was Sie erlebt haben. Versuchen Sie dennoch zu benennen, was Ihnen geschehen ist. Nur was benannt ist – und sei es in noch so bruchstückhafter Weise –, ist auch erfahren und geistig verarbeitet.

Wenn Sie notieren, wie es Ihnen im Gebet ergangen ist, beschreiben Sie einfach Ihre Erfahrungen so, wie sie waren, ohne sie zu bewerten. Was war, das darf so sein. Wenn im Gebet nichts war, dann ist es halt so. Nehmen Sie auch die Leere an und machen Sie entschlossen weiter.

Zusammenhänge durch ein Exerzitientagebuch erkennen

Rechnen Sie damit, dass Ihnen in Exerzitien nicht eine einzige große religiöse Erfahrung widerfährt. Vielmehr werden Sie, wenn Sie achtsam auf sich selbst schauen, eine Fülle kleiner, unscheinbarer Erlebnisse wahrnehmen. Viele davon mögen auf den ersten Blick noch keine geistliche Qualität haben. Aber all diese Erlebnisse sind wie kleine Mosaiksteine: Für sich genommen, sagen sie uns nichts, aber zusammengenommen ergeben sie ein Bild. Wenn Sie die Fülle dessen, was sich bei Ihnen über den Tag verteilt ereignet hat, sorgsam sammeln, können Sie in der Zusammenschau ein Gesamtbild entdecken, das eine tiefe spirituelle Bedeutung birgt. Es ist das, was Gott Ihnen persönlich in Ihren Exerzitien zeigen will.

Bringen Sie Ihre Aufzeichnungen ruhig mit ins Begleitungsgespräch. Das Unbewusste kassiert oft, was Sie sich eigentlich merken wollten. Es fällt leichter, an den Erfahrungen dranzubleiben, wenn Sie sie schriftlich fixiert haben.

P.S. Der Jesuit P. Beat Altenbach SJ hat für die Auswertung einer Schriftmeditation einige Reflexionsfragen zusammengestellt, die für Eintragungen im Exerzitientagebuch nützlich sein können. Sie finden diese Fragen als PDF-Dokument zum Herunterladen hier.

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Jan Korditschke SJ

Pater Jan Korditschke SJ ist 2008 in den Jesuitenorden eingetreten. Er studierte Philosophie, Theologie und Spiritualität in Frankfurt am Main, München, Notre Dame (USA) und Madrid und war in der Pfarreiseelsorge, Flüchtlingsarbeit und als theologischer Referent tätig. Von 2016 bis 2021 leitet er die Katholische Glaubensinformation im Erzbistum Berlin. Er lebt und arbeitet im Haus HohenEichen in Dresden.

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