Warum Gedenkstätten keine Museen der Vergangenheit, sondern Schulen der Gegenwart sind
Neulich war ich wieder einmal in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau. Es riecht nicht mehr nach Asche, nach Krankheit, Verwesung und Tod, aber wenn ich über das Lagergelände gehe, spüre ich jedes Mal die Kälte des historischen Geschehens und damit einer Geschichte, die nicht vergeht.
Natürlich kenne ich die Anlage gut – als gelernter Historiker, aber auch als jemand, der in einer Region lebt, in der Geschichte greifbar bleibt: die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (in der Nähe des Geburtsortes meiner Mutter), das Reichsparteitagsgelände im Südosten Nürnbergs, der Saal 600 in meiner Heimatstadt Nürnberg, Ort der Nürnberger Prozesse, sind mir vertraut. Doch wenn man solche Orte mit anderen besucht, die zum ersten Mal dort sind, erlebt man sie neu. Ihre Fragen, ihre Betroffenheit öffnen auch mir wieder die Augen.
Dabei kam mir Theodor W. Adornos berühmter Satz aus seinem Essay „Erziehung nach Auschwitz“ in den Sinn. Er schrieb sinngemäß: Es hilft nicht, an ewige Werte zu appellieren; man muss verstehen, welche gesellschaftlichen und psychologischen Mechanismen Menschen dazu bringen können, Unmenschliches zu tun – und man muss sie sichtbar machen, um zu verhindern, dass sie sich wiederholen.
Die Unterscheidung zwischen „uns“ und „den anderen“ – und was daraus erwächst
Genau diese Mechanismen treten mir bei solchen Besuchen wieder deutlich vor Augen. Es beginnt immer auf dieselbe Weise: Menschen entmenschlichen andere. Sie beginnen zu unterscheiden zwischen „uns“ und „den anderen“, zwischen denen, die dazugehören, und denen, die angeblich minderwertig sind. Aus dieser Unterscheidung erwächst Ausgrenzung, Verachtung, Demütigung. Angst wird geschürt – vor dem Fremden, dem Abweichenden, dem Unbekannten. Wer sich fürchtet, sucht Sicherheit in der Abgrenzung. Und im schlimmsten Fall, wie zur Zeit des Nationalsozialismus, werden Menschen schließlich völlig entrechtet, entwürdigt, entmenschlicht – bis sie nur noch als Bedrohung erscheinen, nicht mehr als Mitmenschen.

Diese Dynamik beginnt meist im Kleinen, im scheinbar Unbedeutenden. Eine abfällige Bemerkung, ein stilles Wegsehen, ein ungerechtes Urteil – und doch gehören sie zu jenen Mechanismen, von denen Adorno sprach. Die Missachtung der Würde des Einzelnen, die Einschränkung von Rechten, das Hinnehmen von Ungleichwertigkeit – all das legt den Boden dafür, dass Freiheit und Menschlichkeit erodieren. Und dieser Weg ist gefährlich für alle, nicht nur für Minderheiten. Er gefährdet das freiheitliche Gemeinwesen selbst.
Geschichte wiederholt sich nicht, aber ihre Muster tun es – im Netz, in der Politik, in den Köpfen.
Wenn Angst vor dem Fremden wächst, suchen Menschen Schutz in der Abgrenzung. Dann sind Rechte plötzlich verhandelbar und Mitgefühl wird zur Schwäche erklärt. Was folgt, ist gefährlicher als Hass: Gleichgültigkeit.
Erinnerung wird zur Pflicht
Hier wird Erinnerung zur Pflicht. Nicht als rituelles „Nie wieder“, sondern als kritischer Blick ins Heute. Wer Dachau, Flossenbürg oder das Reichsparteitagsgelände besucht, sieht nicht nur, was war – sondern was werden kann, wenn wir die Mechanismen von damals nicht erkennen. Wie hat Milan Kundera in seinem Buch vom Lachen und Vergessen so deutlich formuliert: „Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen.“
Deshalb brauchen wir Erinnerungsorte. Sie sind keine Museen der Vergangenheit, sondern Schulen der Gegenwart. Sie zeigen, wohin Gedanken und Handlungen führen können, wenn die Grenze zwischen „wir“ und „die anderen“ zur moralischen Schranke wird.
Erinnerungsorte mahnen – und sie lehren Verantwortung.
Darum kann ich nur empfehlen: Besuchen Sie wieder einmal eine Gedenkstätte – ob nun in meiner Heimat – also in Dachau, Flossenbürg oder in Nürnberg, wo im Frühjahr übrigens die neue Dauerausstellung des Dokuzentrums Reichsparteitage eröffnet wird – oder wo auch immer in Deutschland und Europa. Diese Orte brauchen uns – und wir brauchen sie.

Bilder: Siegfried Grillmeyer






