von Welser Gewalt

Zusammenleben  

Bittere Fakten

Die Gewalt gegen Frauen nimmt zu

Die Diskussionen und Ängste über und vor Corona, die dramatische Nähe des Ukraine-Krieges und schließlich die Furcht vor einem kalten Winter lassen ein Thema in Deutschland fast in der Versenkung verschwinden, das aber ebenso bedrückend ist: die Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Denn sie nimmt dramatisch zu. Und dabei geht es vor allem um häusliche Gewalt. Es ist unfassbar; aber die Zahlen sprechen eine erschütternde Sprache. 161.000 Frauen und Mädchen erlebten zu Hause im letzten Jahr Gewalt. Vom Partner, vom Ehemann, oder manchmal auch von einem erwachsenen Sohn. Das jedenfalls verzeichneten die Innenministerien und Kriminalämter der Bundesländer in ihrer Statistik. Eine Steigerung von 13 Prozent in der Relation zum Jahre 2020.

Das sind vielleicht für Sie, die Leserin, den Leser, nur ganz nüchterne Zahlen. Und: berührt es uns noch? Dabei sind sich alle Fachleute, die sich mit der Thematik beschäftigen sicher: die Dunkelziffern sind noch viel höher. Ich selbst habe als 17jähriges Mädchen Gewalt erlebt. Es ging zwar gut aus für mich, außer dass ich wochenlang im Sommer einen Rollkragen-Pulli tragen musste wegen der dunkelblauen Druckstellen am Hals. Mein Ex-Freund war bei uns vor das Haus gekommen und hat mir nach einem heftigen Streit den Hals zugedrückt mit den Worten: „Wenn ich Dich nicht krieg, kriegt Dich auch kein anderer.“ Ich habe nächtelang danach nicht schlafen können. Wobei das, im Vergleich zu dem was andere Frauen und Mädchen an häuslicher Gewalt erleben, harmlos war.

Bis heute keine bundesweite Strategie

Die große Frage ist und bleibt dabei: Was tun gegen die Gewalt, die Frauen und Mädchen angetan wird? Das bundesweite Hilfetelefon, das es jetzt endlich seit 2013 gibt, berichtet von einem Anstieg der Beratungsgespräche um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt ist zwar seit 2018 bei uns in Deutschland Gesetz. Aber bis heute gibt es noch keine bundesweite Strategie, um dieses Abkommen sinnvoll umzusetzen.

Während die spanischen Politikerinnen ihre Planstellen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in einem Gesetz verankert haben und mit sage und schreibe 39 Planstellen ausgestattet haben, fabulieren bei uns Politikerinnen gerade mal von einer Planstelle. Nur: Wie kommen wir in unserem Land endlich weiter, damit Gewalt gar nicht erst entsteht?

StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt

Das hat auch in diesem November die Fachleute der online-Diskussion von Zonta bewegt. Das Thema: „Zonta says no zu Gewalt gegen Frauen.“ Die Soziologin Prof. Reinhild Schäfer erzählt dabei von ihrem Projekt, auf neuen Wegen die Männer einzubinden. Sie geht zur örtlichen Feuerwehr, in die Schulen zu den Jungens und zu den Lehrern und versucht vor allem über Freiwilligen-Netzwerke Männer zu motivieren und zu mobilisieren. Damit neue Wege bei Konflikten beschritten werden können – und nicht Gewalt die einzige Lösung scheint.

Interessant auch, was die Initiatorin Professor Sabine Stövesand von StoP zu berichten hatte. StoP steht für Stadtteile ohne Partnergewalt. Ihr Ansatz ist das soziale Umfeld der Täter. Sie will die Gewaltbereitschaft der Männer durch ein verändertes soziales Klima senken. Das geschieht zum Beispiel auch in Hamburg in Stadtteilen mit hohen Zahlen an häuslicher Gewalt. Österreich hat sogar inzwischen in allen Bundesländern StoP erfolgreich eingeführt und umgesetzt. Denn mehr denn je ist Sabine Stövestand überzeugt, dass bisher bei allen Hilfsaktionen um Gewaltopfer zu unterstützen das sozial-räumliche Umfeld von Opfern und Tätern vernachlässigt wurde.

Netzwerke schützen

Das ist zudem ein wichtiger Aspekt, wenn die Europäische Kommission in einem Bericht schreibt, dass zwei Drittel aller Frauen in den 182 deutschen Frauenhäusern einen Migrationshintergrund haben. Vor allem Frauen aus Familien mit begrenzten finanziellen oder sozialen Ressourcen suchen dort Unterstützung. Ein Grund ist ganz gewiss, dass diese Frauen aus den nicht-deutschen Herkunftsländern nicht über die notwendigen sozialen Netzwerke verfügen, um für Alternativen zu sorgen. Gerade in Sammelunterkünften sind geflüchtete Frauen einem relativ hohen Gewaltrisiko ausgesetzt.

Dabei ist es nicht richtig, dass mehr Männer mit Migrationshintergrund Gewalt ausüben als deutsche Männer. Das ist ein Klischee, das auch immer wieder in den Medien verbreitet wird und statistisch nicht stimmt. Das bestätigt auch der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer. Er hat zudem recherchiert, dass während der Pandemie die Lockdown-Phasen für Frauen besonders gefährlich waren.

Darum will Bundesinnenministerin Nancy Faeser erreichen, dass die Täter direkt nach dem ersten gewalttätigen Übergriff aus der gemeinsamen Wohnung verwiesen werden müssen. Bis das aber rechtlich umgesetzt wird, ist es noch ein ein langer Weg. Wie leider vieles in diesem Land. Dann sollten wir doch alle lieber den „neuen Weg“ gehen und Jungen zu Männern werden lassen, die nie gewalttätig werden. Was wäre das für ein Erfolg.

Illustration: © Ponomariova_Maria/iStock.com


Maria von Welser

ist Publizistin und ehemalige Leiterin des ZDF-Frauenjournals ML Mona Lisa. Die gebürtige Münchnerin (Jahrgang 1946) studierte Politologie und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität. Nach Stationen beim „Münchner Merkur”, bei der Münchner „Abendzeitung” und beim Bayerischen Rundfunk rief sie 1988 im ZDF das erste Frauenjournal im deutschen Fernsehen „ML Mona Lisa“ ins Leben. Darauf folgten das ZDF-Ombuds-Magazin „Mit mir nicht! Welsers Fälle“ und drei Jahre als Auslandskorrespondentin des ZDF in London. Vom ZDF wechselte sie dann 2003 in die ARD und leitete bis 2010 als Direktorin das NDR-Landesfunkhaus Hamburg (Fernsehen und Hörfunk). In ihrem „dritten Leben“ ist sie als Buchautorin und Kommentatorin tätig. Ehrenamtlich engagiert sie sich u.a. bei UNICEF Deutschland (Vorstand bis 2014, jetzt im Komitee) und bis 2013 zehn Jahre im Hochschulrat der Universität Hamburg.  Seit 2015 lehrt sie an der Universität Paderborn in der Philosophie „Frauen, Krieg, Gewalt und Flucht und die mediale Wahrnehmung. Auszeichnungen (u. a.): 2019 Ehrendoktorwürde der Universität Paderborn, 1996 Publizistik-Preis München, Hans-Joachim-Friedrichs-Preis, Frau des Jahres, Courage-Preis, 2007 Elisabeth-Selbert-Preis, Sophie-la-Roche – Preis und 1996 Bundesverdienstkreuz. 2015 Ehrenmedaille der Bayerischen Staatsregierung für den Einsatz für Frauen in Europa.

Foto: Max Arens (Stern)

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