Klimawandel Skeptiker

Nachhaltigkeit  

»Beleidigen lasse ich mich nicht«

Strategien zur effektiven Kommunikation

Der Klimawandel ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit und fordert von uns allen Veränderungen in unserem Lebensstil. Doch nicht alle Menschen sind von der Notwendigkeit dieser Veränderungen überzeugt. Klimawandelskeptiker gibt es viele, doch wie kann man mit ihnen in Diskussionen umgehen? Argumentationstrainer Fabian Müller erklärt im Gespräch mit Alexander Mack, welche Strategien er nutzt, um auf Augenhöhe mit Klimawandelskeptikern zu kommunizieren und gemeinsame Interessen zu finden.

Welches Argument gegen den menschengemachten Klimawandel hörst du am häufigsten?

Also dass dieser menschengemachte Klimawandel existiert, wird eigentlich selten geleugnet. Bei Personen, die das wirklich infrage stellen, kommt man in der Diskussion auch nicht wirklich weit. Daher rede ich oft von Klimawandelskepsis und nicht von Klimawandelleugnung.

Weit verbreitet ist hier die Ablehnung von Verantwortung oder eigenen Einflussmöglichkeiten, sowohl auf Individualebene als auch auf Ebene der Gesellschaft. Das reicht von „Wir in Deutschland steuern ja nur einen ganz geringen Teil der globalen Emissionen bei, da sollen sich erstmal die Amerikaner und die Chinesen kümmern“ über „Ich kann ja eh nichts bewegen“ bis hin zu „Nach mir die Sintflut“. Das heißt, es geht um Menschen, denen es durchaus bewusst ist, welche Konsequenzen ihr Handeln oder Nicht-Handeln hat.

Welche Muster kannst du in den Diskussionen beobachten?

Ganz oft fühlen Menschen sich angegriffen oder haben das Gefühl, sich jetzt für jede Currywurst und jede Urlaubsreise rechtfertigen zu müssen. Das komplexe Thema fokussiert sich oft völlig oberflächlich auf einzelne polarisierende Konfliktpunkte, egal ob am Stammtisch, im Freundeskreis oder in den Polit-Talkshows. Man denke an Tempolimit, Veggie-Day und andere Dauerbrenner.

Zudem wird Klimapolitik sehr schnell in eine linksgrüne „woke“ Ecke gestellt und mit anderen polarisierenden Themen wie geschlechtergerechter Sprache, Zuwanderung, einer angeblichen ‚Cancel Culture‘ und vielem mehr in einen Topf geworfen. Es entsteht eine Ablehnung gegen viele Entwicklungen, die als neu, ungewohnt, progressiv, verstörend, ja manchmal auch als handfeste Bedrohung wahrgenommen werden.

Welche Strategie wendest du selbst gerne an?

Ich frage gerne nach, wo die Leute sich denn gerade konkret betroffen fühlen, welche Ängste sie haben und was ihnen helfen würde. Denn dann wird das Ganze oft greifbarer – und zugleich zeige ich erstmal ganz wertneutral Interesse und Wertschätzung für das Anliegen meines Gegenübers. Die Erfahrungen und Gefühle, die ein Mensch formuliert, kann ich niemandem absprechen, die sind erstmal da. Aber wir kommen weg von den üblichen verkürzten und pauschalisierenden Parolen und merken im Idealfall, dass auch hinter einer untragbaren Aussage ein nachvollziehbares Bedürfnis stecken kann.

Oftmals haben Menschen zum Beispiel den Eindruck, dass man ihnen etwas verbieten will (siehe Tempolimit) – was aber meistens so nicht der Fall ist. Es wird beispielsweise niemand daran gehindert, sich weiterhin billig und/oder äußerst ungesund zu ernähren. Andere Menschen haben schlichtweg Sorgen, dass der Staat sie vergisst, und sich steigende Kosten nicht in entsprechenden Erhöhungen bei BAföG, Wohngeld, Grundsicherung etc. niederschlagen – das ist völlig nachvollziehbar, wir sehen es aktuell ja bei der Inflation. Und schon haben wir einen gemeinsamen Punkt. Denn eine sozial ausgewogene Politik, die existenzbedrohende Entwicklungen abfedert, wünsche ich mir auch. Gemeinsamkeiten, die wir erkennen, tragen dazu bei, dass der Gesprächsfaden erhalten bleibt und dass wir uns nicht als Gegner betrachten.

Was passiert, wenn die Gespräche die sachliche Ebene verlassen und emotional werden?

Emotional wird es schnell, weil es um unseren persönlichen Lebensstil geht, der hier infrage gestellt wird und der sich zwangsläufig langfristig ändern wird. Das reicht von der Ernährung über Kleidung, Mobilität, Immobilienkauf und -unterhalt bis hin zum Urlaub. Der Klimawandel wird jeden Menschen in unserer Gesellschaft betreffen, und die Menschen wissen das, auch wenn sie es vielleicht noch nicht in Gänze greifbar vor Augen haben.

Begriffe wie Transformation, Strukturwandel, Dekarbonisierung, Verkehrswende sind kaum greifbar, sie sind sperrig und angsteinflößend zugleich. Was die Menschen real bewegt, ist, dass ihr Job wegfallen oder ihre Nebenkosten steigen könnten. Menschen haben Angst, gewohnte Alltagsrituale aufgeben zu müssen, sei es der Urlaub mit dem Billigflieger oder platt gesagt das wöchentliche Nackensteak, was ja auch gerne in der Politik als Referenzpunkt genommen wird.

Diese Ängste sind real und sie sorgen dafür, dass Menschen Abwehrreflexe entwickeln. Die Abkehr vom Verbrennungsmotor ist so ein klassisches Beispiel, da wird teilweise das Ende der Industrienation herbeigeredet. Das sind Punkte, bei denen außer dem Bildungswesen auch Politik und Journalismus gefragt sind.

Die Emotionen sind da, und sie haben ihre Berechtigung. Zentral ist für mich immer, ob bei meinem Gegenüber gerade noch Raum bleibt für die Sachebene oder ob die Person so aufgeregt und verkrampft ist, dass kein Zugang möglich ist. Dann bietet es sich zum Beispiel an, das Thema zu vertagen oder auch das Setting zu verändern, etwa in einen nicht öffentlichen Rahmen.

Und an welchen Punkten gerätst du in Diskussionen auch manchmal ins Stocken und weißt nicht mehr weiter?

Beleidigen lasse ich mich zum Beispiel nicht, kein Mensch muss sich anbrüllen und persönlich angreifen lassen. Das wird klar markiert und unterbunden, an dem Punkt macht die Diskussion auch keinen Sinn mehr. Ins Stocken kam ich tatsächlich, als mir kurz vor der Bundestagswahl im persönlichen Umfeld ein Mensch gesagt hat, dass allein die Frage des Tempolimits ausschlaggebend für seine Wahlentscheidung sein wird, denn ein Tempolimit will er auf keinen Fall.

Wir hatten dann ein langes Gespräch dazu, aber ich kann es bis heute nicht fassen, dass genau dieses aus meiner Sicht völlig unbedeutende Thema für ihn wichtiger war als alle anderen Herausforderungen unseres Landes. Ironischerweise ist er auch noch ein Porsche-Fahrer – manchmal fällt es schwer, immer wieder zu reflektieren, dass man nicht in die gleiche Pauschalisierungs-Falle tappen sollte, die man in den Seminaren thematisiert.

Was ich auch vermeide, sind irrationale Rechenspiele oder Wettkämpfe, wer persönlich welche Maßnahmen ergreift oder welche Sünden begeht. Sonst landet man schnell bei der Frage, ob ein Vegetarier mehr Langstreckenflüge „frei hat“ als ein Fleischliebhaber und ob man dazu überhaupt seine Meinung sagen darf, wenn man keine veganen Schuhe trägt. Das ist nicht zielführend – wichtig ist die Botschaft, dass jeder von uns in seinem individuellen Alltagsverhalten einen Beitrag leisten kann.

Interview: Alexander Mack

Veranstaltungstipp zum Thema:

»Schlechtes Wetter gabs schon immer …«

Praxis-Workshop zum Argumentieren gegen Klimawandelskepsis am Samstag, 13. Mai 2023 von 10 Uhr bis 18 Uhr im HPH

Foto: © DrAfter123/iStock.com


Fabian Müller

M.Ed.B.A., studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Bildungswissenschaften in Mainz. Nach pädagogischen Tätigkeiten im Gedenkstättenbereich und der Extremismusprävention sowie dem Lehramtsreferendariat ist er seit 2017 pädagogisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter am Adolf-Bender-Zentrum in St. Wendel im Saarland. Seit 2010 ist er Argumentationstrainer gegen Stammtischparolen und führt seitdem Workshops für verschiedene Zielgruppen durch, u. a. auch mit dem Schwerpunkt Klimawandelskepsis.

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