Moritz Heger Laach

Sinn  

»Manchmal liegt das Glück darin, Widersprüchliches auszuhalten.«

Ein Interview mit dem Schriftsteller Moritz Heger zu seinem Roman »Aus der Mitte des Sees«

Ihr neuer Roman spielt in einem Kloster. Warum dieser Ort, wie kam es dazu?

Ich war im Sommer 2017 gerade im Kloster Maria Laach in der Eifel, als ich darüber nachdachte, womit sich mein neuer Roman beschäftigen soll. Ich bin dort regelmäßig im August für etwa zwei Wochen zum Schreiben, aber auch zum Wandern, Schwimmen, an Stundengebeten Teilnehmen. Und nach drei Tagen hatte ich auf einmal die Eingebung: So ein Setting, das ist es! Nimm das Naheliegende! Da steckt so viel drin.

Zu Ihrem Roman: Sie begleiten Lukas, einen knapp 40-jährigen Mönch, der vor 16 Jahren ins Kloster eingetreten ist und der, da sein Freund und Mitbruder Andreas das Kloster verlässt und eine Familie gründet, ins Schwanken gerät. Und diesem Mann begegnet auch noch die herausfordernde, attraktive Sarah und bringt ihn ziemlich durcheinander. Ich zitiere einen Satz aus Ihrem Roman, als Lukas denkt: »Ich will nichts von dir. Ich glaube, dass ich nicht lüge mit diesem Satz. Aber der andere Satz ist auch wahr: Ich schließe es nicht aus.«

Sarah ist eine Frau, die im Wortsinn auftaucht an seinem Rückzugsort auf dem Steg, in seinem Leben. Sie ist sehr körperlich da, und diese Frau in ihrer spöttischen, spielerischen Art – sie ist ja Schauspielerin –, sie tut ihm gut. Er kann mit ihr sehr bald schweigen, das ist ihm wichtig. Und er kann sich langsam annähern, die Sätze, die Sie zitieren, zeigen ihn auch als jemand, der nicht ganz einfach ist. Und das nicht nur, weil er Mönch ist, sondern eher umgekehrt: Lukas ist Mönch geworden, um seinem Nichtganz-einfach-Sein eine Form zu geben – und jetzt kommt da Sarah, die Fragen stellt und seine Lebensform in Frage stellt – aber eben nicht plump oder zu direkt, sonst würde er sich in sein Schneckenhaus zurückziehen. Sarah bietet ihm Raum für Phantasien, und er ihr auch.

Ich glaube, dass das etwas ganz Wichtiges in sich entwickelnden Liebesbeziehungen ist, dass nicht gleich alles auf den Tisch gelegt und totgeredet wird, als ob es um Vertragsverhandlungen ginge.

Raum für Phantasien beziehungsweise Offenheit, Ehrlichkeit. An einer Stelle wünscht sich Lukas, er könne zu dieser Frau ehrlicher sein als zu einem Beichtvater, ehrlicher sogar als zu Gott. Und das zu einer Frau, in die er verliebt ist? Geht das?

Ich glaube, ich weiß, auf welche Textstelle Sie anspielen. Und ja, ich glaube, dass Liebe uns öffnen kann wie wenig anderes. Wobei das, wenn es nicht in der Phantasie bleibt, sondern real wird, durchaus auch problematisch sein kann. Man kann auch zu offen sein in der Liebe.

Maria Laach
Die Benediktinerabtei Maria Laach – hier spielt der Roman »Aus der Mitte des Sees«

Schwimmen spielt im Roman eine große Rolle. In einem See schwimmt man über einem Abgrund und wird doch getragen, beides wird einem nicht bewusst.

Ich glaube, Schwimmen ist ein starkes Bild für Gott. Dass Gott uns trägt, stellen wir uns vielleicht ziemlich handfest vor. Dass er uns trägt wie Wasser – das ist das bessere Bild, denke ich. Wenn Kinder oder auch Erwachsene schwimmen lernen, denken wir oft zu technisch, es würde nur um Bewegungen und deren Koordination gehen.

Das Entscheidende ist aber, eine Erfahrung mit dem Wasser zu machen: Es trägt dich, wenn du dich tragen lassen kannst.

Woran denken Sie bei »ein Leben in Fülle«?

Das verheißt Jesus den Menschen im Johannes-Evangelium. Wir Nichtmönche wünschen uns in der Regel »Fülle im Leben«. Wir haben Angst vor Leere, horror vacui. Wir stopfen unsere Zeit aus, kaum stehen wir drei Minuten an der Haltestelle: Handy raus … Wie wäre es, wenn es umgekehrt wäre? Wenn die Fülle um uns wäre? Vielleicht könnten wir dann mehr Leere in uns aushalten.

Sie haben einmal gesagt: »Manchmal liegt das Glück darin, Widersprüchliches auszuhalten.«

Das glaube ich, ja. Ist das nicht zum Beispiel in der Liebe so, dass wir auch widersprüchliche Gefühle zur Geliebten oder zum Geliebten haben? Da auf Eindeutigkeit zu drängen, kommt mir oft gewaltsam vor, manchmal der sicherste Weg, dass es auseinanderfliegt.

Wenn der Partner, die Partnerin Ambivalenz aushalten kann, kann das ein überströmendes Gefühl des Glücks, des Verstandenwerdens auslösen. Und es kann dabei helfen, die Ambivalenz zu überwinden. Aber leicht ist das nicht.

Wenn Sie sich wünschen könnten, was dieser Roman bei Ihren zukünftigen Lesern und Leserinnen bewirkt, was wäre es?

Dass sie das Gefühl haben, etwas Tiefes über Menschen – ob sie nun Mönche sind oder nicht – zu erfahren, was sie – die Leser und Leserinnen – anregt, über sich selbst nachzudenken. Produktive, öffnende, bereichernde Gedanken.

Das Interview führte Ursula Baumhauer

Fotos: © DE92/iStock.com, © Melysna/shutterstock.com
Autorenfoto: © Maurice Haas / Diogenes Verlag


Moritz Heger See

Moritz Heger
Aus der Mitte des Sees

ISBN 978-3-257-07146-7
256 Seiten


Moritz Heger

Moritz Heger, geboren 1971 in Stuttgart, studierte Germanistik, evangelische Theologie und Theaterwissenschaft in Mainz, erhielt 2007 den MDR-Literaturpreis und den zugehörigen Publikumspreis. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer an einem Stuttgarter Gymnasium. »Aus der Mitte des Sees« ist sein Debüt beim Diogenes Verlag und nach »In den Schnee« (2008) sein zweiter Roman.
www.moritz-heger.de

Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

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