Hospiz Sterben Trauer

Sinn  

»Wir können nicht googeln, wie unser Sterben aussehen wird.«

Vom Umgang mit Sterben, Tod und Trauer

Früher gehörten Sterben und Tod wie selbstverständlich zum Leben. Heute gibt es Senioren, die noch nie einen Sterbenden gesehen haben. Ein Gespräch mit Miriam Ohl, Leiterin des Bildungswerks Hospiz Elias in Ludwigshafen, über die Gründe, warum der Tod in unserer Gesellschaft keinen Platz hat – und was man dagegen unternehmen kann.

Im Fernsehen gibt es Dokumentationen über Geburten, die man am Bildschirm intensiv miterleben kann – über Sterben und Tod wird aber nicht berichtet. Warum? Gibt es da doch noch eine Schamgrenze?

Mein Gefühl ist, es ist gar nicht so arg die Scham, sondern viel mehr und immer noch die Angst vor dem Sterbeprozess und damit auch die Angst, sich damit auseinanderzusetzen, sich zu beschäftigen. Gerade Erwachsene verhalten sich beim Thema Sterben und Tod wie Kinder, die noch im mystischen Denken verhaftet sind: Wenn ich mich mit etwas beschäftige, dann kommt es auch.

Woher kommt die Angst vor dem Sterben?

Hier in Deutschland ist alles von Sicherheiten geprägt. Man schafft es kaum, nicht krankenversichert zu sein. Aber wir können nicht googeln, wie mein Sterben aussehen wird. Das auszuhalten ist manchmal schwierig. Das Resultat ist dann: Ich lasse das Thema lieber ganz sein. Und wenn ich mir die Debatte über den Wunsch nach einer Legalisierung von Sterbehilfe in Deutschland im Vergleich mit Belgien, den Niederlanden und der Schweiz anschaue, ist das eine sehr seltsame Art und Weise, wie der Angst Rechnung getragen wird. Anstatt über lindernde Möglichkeiten und palliative Versorgungsstrukturen aufzuklären, geht man dahin zu sagen: Wir genehmigen den kurzen Prozess. Das bedauere ich als Hospizlerin sehr.

Haben wir Mühe mit dem Tod an sich? Hat er in unserer Gesellschaft keinen Platz?

Ich erlebe es in meiner Arbeit immer wieder, dass Menschen selbst mit Mitte 70 noch nie einen sterbenden Menschen gesehen haben. Das war in der Generation meiner Großeltern und Urgroßeltern nicht möglich und ist eine Herausforderung für den Einzelnen und für uns als Palliativsystem. Hinzu kommt: Es sind oft die Angehörigen, die das große Bedürfnis haben, schonen zu wollen: Sterbende sollen geschont werden, Kinder sollen geschont werden. Ich glaube, manchmal ist es auch ein sich selbst Schonen wollen von Angehörigen, die oft eine ganz große Last zu tragen haben, oft alleine. Angehörige brauchen manchmal nur eine Anerkennung ihrer Situation.

Wie ist Ihre Erfahrung – was macht es mit Angehörigen, wenn Sie vor einer Sterbebegleitung stehen?

Wenn es um Sterben und Tod geht, zieht sich Unsicherheit durch alle Bereiche. Viele Menschen im Gesundheitswesen und Privatpersonen wissen nicht, dass die Versorgung in einem Hospiz kostenlos ist. Menschen wissen zu wenig, wann ein Hospiz der richtige Ort ist, wann das Palliativsystem zu kontaktieren ist. Menschen trauen sich nicht gut zu, eine Entscheidung zu treffen. Dahinter steht ebenfalls die Angst, aus dieser „Mühle“ nicht mehr herauszukommen.

Wie kann Sterben denn gelingen – wenn man darüber überhaupt so positiv sprechen darf?

Wenn Sie Geburt und Sterben vergleichen, merken Sie, dass die Geburt passiv ist – ich werde geboren, beim Sterben verwendet man die Aktivform: Ich sterbe. Allerdings kann ich nur aktiv sterben, wenn mein Umfeld ermöglicht, dass ich bis zum Ende ich selbst und aktiv sein kann und nicht in die Situation komme: Ich werde gestorben.

Es braucht die Gewissheit: Ich kann vertrauen, kann mich fallen lassen in Hände, die Schutz geben und Netz und Boden sind.

Hospiz sterben

Was brauchen Sterbende konkret? Welche Tipps können Sie geben?

Ein Beispiel: Angehörige gehen aus dem Zimmer, um zu weinen, denn sie wollen vor ihren Liebsten nicht weinen. Wenn ich Menschen kenne, sage ich denen: Wenn an meinem Sterbebett niemand weinen wird, dann mache ich mir Gedanken. Weinen ist ein nonverbaler Ausdruck von Zuneigung und Trauer. Wie grau wird mein Leben sein, wenn diese Farbe fehlt?

Viele Sterbende haben auch ein Bedürfnis nach Humor. Es darf auch gelacht werden, um dann wieder zu weinen.

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-hat es so formuliert: „Ich bin dann zu Sterbenden hingegangen. Es ist gar nicht so schwierig, mit ihnen zu sprechen. Sie haben was zu sagen, freuen sich, wissen, wie es um sie steht und sind froh, wenn sie jemand zum Sprechen oder manchmal zum Schweigen haben. Es ist ein sehr normaler Umgang miteinander, nur die Überschrift ist eine andere – es ist der letzte Lebensweg.“

Können Sie diese Ratschläge auch während der Pandemie umsetzen?

Hospizler sind es gewohnt, seltsame Wege zu gehen und unkonventionell zu arbeiten. Das kommt uns jetzt zugute. Außerdem sind Hospize neben den Einrichtungen der Behindertenhilfe seit der 1. Corona-Verordnung rein formal von den ganz strengen Regeln ausgenommen. Wir haben eigenverantwortliche Ermessensspielräume eingeräumt bekommen.

Nach dem Tod kommt die Trauer. Trauergruppen und Trauercafés sind aktuell ja nicht gestattet. Wie helfen Sie den Menschen?

Auch Trauerbegleitung ist systemrelevant, die Not der Menschen ist einfach riesengroß, auch wenn Trauernde als Zielgruppe wenig akut wahrgenommen werden. Ich habe noch nie so viele Flyer über Trauerangebote wie in den letzten Monaten verteilt. Das Team der Trauerbegleitung hat außerdem ganz neue Angebote entwickelt, zum Beispiel „Trauer bewegen“: in der Natur gemeinsam unterwegs sein und miteinander sprechen können. Der Bedarf ist gestiegen.

Das Interview führte Dr. Anette Konrad.

Fotos: © lpettet/iStock.com


Veranstaltungstipp:

Am Donnerstag, 18. März 2021, hält Miriam Ohl im Ludwigshafener Heinrich Pesch Haus einen Vortrag über das Thema „Was Sterbende von uns brauchen“. Die Teilnahme an der Online-Veranstaltung ist kostenlos


Miriam Ohl

„Der sterbende Mensch braucht Menschen, die ihn anschauen, ihm zuhören und nicht im Leid wegsehen“, sagt die Krankenschwester und Dipl. Sozialarbeiterin. Sie leitet das Bildungswerk des Hospiz Elias in Ludwigshafen. Die dreifache Mutter hat Weiterbildungen in Palliative Care und zur leitenden Pflegefachkraft absolviert.

Foto: © Anette Konrad

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