Freiheit Jesuiten

Sinn  

Wie gewinnt der Mensch innere Freiheit?

Freiheitsgeschichte weiterschreiben

Die Geschichte Europas und des Westens ist schon oft als Freiheitsgeschichte bezeichnet worden. Die biblische Erzählung vom Exodus der Hebräer aus der Sklaverei Ägyptens und ihr Weg ins gelobte Land hat viele politischen Aufbrüche beflügelt.

Zu Beginn der Neuzeit lassen sich die Gründerväter Nordamerikas davon inspirieren, und die Moderne setzt sich unter dem Slogan der Französischen Revolution Egalité, Liberté, Fraternité durch. Im 20. Jahrhundert greifen die schwarzen Sklaven in den Südstaaten der USA auf den Exodus zurück und schaffen Gospelsongs, die die ganze Welt erreichen. Auch die Befreiungstheologie Südamerikas ist ohne Rückgriff auf den Exodus nicht zu verstehen.

Freiheit ist in Europa nach den Diktaturen des 20. Jahrhunderts zum obersten Prinzip des Individuums geworden. Viele Lebensbereiche wurden im Namen der Freiheit in den letzten Jahrzehnten der staatlichen Lenkung entzogen.

Diese umfassende Deregulierung kombiniert mit Digitalisierung und Globalisierung scheint allerdings ins Gegenteil umzukippen. Die äußere Freiheit ist nicht so sehr durch politische Schutzmaßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie bedroht. Vielmehr verstrickt sich der einzelne Mensch mehr und mehr in digitale Prozesse, ist Algorithmen ausgeliefert. Er verfängt sich in wirtschaftlich Mechanismen und kommt aus dem Dschungel der bürokratischen Kontrolle nicht mehr heraus.

Der postmoderne und globalisierte Mensch scheint sich in den Lianen zu verfangen wie einst der Urwaldmensch.

Freiheit Jesuiten

Die Bedeutung der inneren Freiheit

So wichtig gesellschaftliche Freiheit ist, so entscheidend ist die innere Freiheit für die Entwicklung und das Wohlbefinden des Einzelnen. Der Mensch ist überhaupt nur, insofern er innerlich frei zu handeln beginnt. Gerade darin unterscheidet er sich von anderen Geschöpfen. Indem er sich besinnt, reflektiert, abwägt, sich ein Urteil bildet und dann für ein bestimmtes Handeln entscheidet, verwirklicht er seine Freiheit. In dem Maße kann er der Umwelt gegenübertreten und sie gestalten. Er wächst als Person und Persönlichkeit.

Innere Freiheit ist also nicht eine Gegebenheit. Sie muss im Kindesalter und in der Jugend langsam erlernt werden. Jeder Erwachsene muss sie stets neu erringen.

Schließlich besteht die Freiheit darin, auch sich selbst gegenübertreten zu können. Wenn der Mensch Distanz nicht nur zu den Dingen der Welt, sondern auch zu sich findet, wird er frei. Er reagiert nicht mehr nur instinktiv auf seine Umwelt. Er ist nicht mehr nur von seinen inneren Impulsen getrieben.

Vielmehr kann er sowohl die inneren Triebfedern und Muster wahrnehmen, wie auch spontane Reaktion auf äußere Einflüsse unterbrechen. Wenn er innehält und beobachtet, achtsam wahrnimmt und benennen kann, was gerade vorgeht, kann er frei und entschieden antworten und handeln. Allen Lebensumständen kann er so Freiheit und Sinn abringen.

Wem dieser Prozess gelingt, erfährt eine unheimliche Freude, eine Kreativität. Er ist nicht mehr nur Spielball von äußeren und inneren Impulsen. Er ist nicht mehr Objekt, sondern Subjekt. Er kann das Leben gestalten. Wer nur auf andere hört und reagiert, ohne sich den Einflüssen zu stellen, wird gelebt.

Ungelebtes Leben aber rächt sich mit der Zeit. Es laugt aus, führt zu innerer Leere und erzeugt Lähmung, die leicht in Aggression umschlagen kann. Vor allem: Wer nicht gelebt hat, kann nicht sterben! Besser im Leben frei entscheiden, handeln und dabei Fehler machen. Umkehr und Neuanfang ist immer möglich. Nicht gelebt zu haben, aber kann nicht nachgeholt werden.

Die Bibel und die Freiheit

Nicht nur die politische Freiheitsgeschichte, auch die innere ist ohne Orientierung an der Bibel nicht zu erklären. Der Dekalog, das Zehn-Wort vom Sinai, eröffnet mit Gott, der in die Freiheit führt. (Ex 20,1) Er endet damit, dass der Mensch nicht begehren soll, was ihm nicht zusteht. (Ex 20,17) Nur frei von innerer Gier können Gebote so gelebt werden, dass sie nicht einschränkende Gesetze, sondern Weisungen zur Lebensgestaltung sind. Der Gott des Dekalogs hat den Menschen in seinem Bild geschaffen, so dass er ihm immer ähnlicher werde. (Gen 1,27) Er lehrt den Menschen, Natur als Schöpfung zu verstehen, als eine Akt göttlicher Freiheit.

Frei und schöpferisch, voll Kreativität und Verantwortung soll der Mensch der Welt gegenüber auftreten und Partner im Bund mit Gott werden. Er ist nicht einfach Naturkräften ausgeliefert. Gottes leidenschaftlicher Zorn gegenüber jedem Götzendienst ist darin begründet, dass Götter per definitionem abhängig machen und versklaven. Gott aber will Freiheit.

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

Paulus (2 Kor 3,17)

Es ist kein Zufall, dass sich in der biblisch geprägten Kultur des Westens eine säkulare Gesellschaft entwickelt hat. Gott lässt dem Menschen die Freiheit der Weltgestaltung, allerdings muss diese im Dienst der Freiheit und Gerechtigkeit aller stehen und die Natur muss als Schöpfung bewahrt und pflegt werden.

Jesu Tod hat befreiende Wirkung

Innere Freiheit erleben Christen und Christinnen zentral mit ihrem Messias, mit Christus Jesus. Er hat sein Leben am Pessachfest, an dem der Exodus aus der Sklaverei gefeiert wird, hingegeben. Durch seine Gewaltlosigkeit hat er die Todeskräfte von Verrat und Gewalt, Folter und Unwahrheit unterlaufen. In die Dynamiken von Machtgier, Wut und Rache hat er sich nicht verstricken lassen. Weil er schließlich frei in sein Sterben eingewilligt hat, hat sein Tod für alle, die sich ihm anvertrauen, auch befreiende Wirkung.

Sich diese Freiheit von innen anzueignen, hat der junge Martin Luther aufgerufen. Bahnbrechend war seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Sein Zeitgenosse, Ignatius von Loyola, der den Jesuitenorden begründen sollte, war in seinem Freiheitspathos nicht weniger radikal. Er schuf die Exerzitien, geistliche Übungen, in denen er anleitete, von „ungeordneten Anhänglichen“ frei zu werden und die gewonnene Freiheit in den Dienst der Welt zu stellen. Er verordnet jedem Menschen spirituelles Üben, Arbeit an der eigenen Innerlichkeit.

Die psychischen Muster, die jeden prägen, sollen durchschaut werden. Ohne Selbsterkenntnis und ohne Biographiearbeit findet der Mensch nicht zur inneren Distanz. Seelische Verwundungen müssen geheilt werden, dass sie nicht ungut ausstrahlen. Innere Verirrungen brauchen Korrektur und Ausrichtung, um sich nicht in der Vielfalt der Welt zu verheddern.

Dazu führen die spirituellen Übungen in die Gegenwart des liebenden Gottes. Einerseits kann sich der Mensch nur im Raum der Barmherzigkeit selbst annehmen und annehmen lassen. Andrerseits braucht er, wenn er sich selbst gegenüber tritt einen Ort, ein Du, an dem er sich festhalten kann.

Freiheit heißt nie nur frei sein von, sondern immer auch frei sein zu.

Der Mensch lebt nicht im luftleeren Raum. Der innerlich Befreite tritt in neue Beziehungen, übernimmt Verantwortung, engagiert sich, entscheidet sich für das Gute. Daher leitet die Schule des Ignatius dazu an, sich an den wesentlichen Werten auszurichten, sich für konkrete Projekt zu entscheiden und eine Lebensform zu wählen, die sich in den Dienst der Mitmenschen und der Gesellschaft stellt. Er will zu engagierter Gelassenheit führen. Amar y servir, lieben und dienen, werden ihm zu Schlüsselworten für einen Menschen, der sich sein Leben innerlich neu schenken ließ und an andere weiterschenkt. So legt er den Grundstein für eine Personwerdung, die zusammen mit kultureller Bildung zu einem christlichen Humanismus führt, der für die Jesuiten so charakteristisch ist. An Aktualität hat diese Persönlichkeitsentwicklung bis heute nichts verloren, im Gegenteil.

Eigenständige Urteilsfähigkeit und intelligente Freiheit sind in der gegenwärtigen, von der Pandemie geprägten Gesellschaftssituation mehr als entscheidend. Sie sind noch wichtiger, wenn wir die neue Normalität danach verantwortet mitgestalten wollen.

Fotos: © Kallejipp/photocase.com, © Kayoko Hayashi/iStock.com, © shutterstock.com


Rutishauser Freiheit

Lese-Tipp:

Christian M. Rutishauser:
Freiheit kommt von innen.
In der Lebensschule der Jesuiten,
Verlag Herder 2021


Christian M. Rutishauser SJ

studierte Theologie in Fribourg und Lyon und trat 1992 in den Jesuitenorden ein. Nach einer Zeit als Studentenseelsorger und der Priesterweihe 1998 folgten Studien in Jerusalem und New York mit einer Promotion in Judaistik an der Universität Luzern. Ab 2001 war er Bildungsleiter des Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, Zentrum für Spiritualität und interreligiösen Dialog. 2012 bis 2021 war er Provinzial der Schweizer Jesuitenprovinz; seither Delegat für Schulen und Hochschulen der Zentraleuropäischen Provinz.

Foto ©Jesuiten-Bildarchiv

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