Von einer Unkultur der Grenzverletzung zu einer Kultur des achtsamen Miteinanders – ein Blick auf Schule und Alltag
Gewalt beginnt nicht mit einem Schlag. Nicht erst, wenn jemand laut wird, schreit oder verletzt. Sie beginnt früher – häufig ganz leise, manchmal im lauten Schweigen. Oft dort, wo sie nicht als solche benannt wird.
Gewalt hat viele Gesichter: Sie kann körperlich, psychisch, emotional, sexualisiert oder strukturell sein. Sie begegnet uns in Worten und Gesten, Handlungen, in einem Tonfall oder in einem beschämenden Satz. Macht an sich ist nicht negativ. Doch sie wird zur Gewalt, wenn sie einseitig ausgeübt wird – ohne Beziehung, ohne Empathie und ohne Verantwortung. In vielen Bereichen zeigt sich Gewalt als Machtungleichgewicht: groß gegenüber klein, laut gegenüber leise, sicher gegenüber verletzlich. Gewalt ist dabei immer ein Missbrauch von Macht und kann leise und subtil beginnen.
Grenzverletzungen, Beschämung und das Nicht-Gesehen-Werden sind frühe Formen davon. Sie sind meist alltäglich, manchmal unbeabsichtigt, aber niemals folgenlos. Gerade in pädagogischen Beziehungen ist die Verantwortung besonders groß, denn wo Kinder wachsen sollen, können sie ebenso gebrochen werden.
Jesus: Ein anderer Umgang mit Macht
Jesus lebte in einer gewaltgeprägten Gesellschaft. Und doch begegnete er ihr nicht mit Gegengewalt, sondern mit einer auf Beziehung basierenden Haltung: der Achtung der Würde jedes Menschen und dem aufrichtigen Zuhören.
Ein Beispiel dafür ist die bekannte Szene mit der Ehebrecherin (Joh. 8): Eine Frau soll gesteinigt werden. Die Menge ist zum Urteil bereit, die Steine bereits in der Hand. Doch Jesus antwortet nicht mit Argumenten oder einem Gegenangriff. Er kniet sich nieder, schreibt in den Sand und sagt:
„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“
In diesem Moment entzieht er der Gewalt die Bühne, ohne sie zu bekämpfen. Er stellt Beziehung über Bewertung. Würde über Urteil. Die Frau wird nicht als Fehler, sondern als Mensch gesehen. Und die Menge? Sie wird eingeladen, sich selbst zu reflektieren. Jesus nutzt seine Macht nicht, um zu richten, sondern um Beziehungen zu ermöglichen – und damit Heilung.
Sprache prägt unser Menschenbild
Was wir sagen – oder eben nicht – verrät viel über unsere Haltung. Und Haltung hat immer auch mit Zurückhaltung zu tun. Gewalt beginnt häufig auch mit Worten, die Spuren hinterlassen können.
Die Autorin Peggy O’Mara bringt es auf den Punkt:
„Die Art, wie wir mit unseren Kindern sprechen, wird zu ihrer inneren Stimme.“
Diese innere Stimme begleitet uns ein Leben lang. Sie flüstert uns zu, wie wir mit uns selbst sprechen dürfen, ob wir dazugehören, Fehler machen dürfen und ob wir genügen. Gerade in pädagogischen Beziehungen hat Sprache eine enorme Wirkung.
Risse im Selbstbild
Ein bloßstellender Kommentar, ein abwertendes Etikett oder ein sarkastischer Ton können, in ihrer Häufigkeit, zu dem führen, was der Psychotherapeut Nossrat Peseschkian als „Mikrotraumata“ bezeichnet: feine, aber tiefgreifende Risse im Selbstbild.
In meinen Seminaren frage ich die Teilnehmenden häufig nach ihren Erfahrungen mit Beschämung in der Kindheit. Was ist ihnen bis heute in Erinnerung geblieben? Wer hat sie bloßgestellt oder beschämt? Erstaunlich oft zeigt sich: Fast jede Person kann spontan ein solches Erlebnis nennen.
Das zeigt, wie tief solche Momente wirken und wie sehr sie sich in unser Inneres einschreiben. Kinder spüren genau, ob ihre Grenzen respektiert werden, ob sie als ganze Menschen gesehen werden und wie mit ihren Fehlern umgegangen wird: beschämend oder als Einladung zum Wachsen.
Bewerten ist auch eine Form von Gewalt
Eine besonders häufige Form subtiler Gewalt ist die Bewertung: „zu laut“, „unruhig“, „aggressiv“, „nicht belastbar“ – häufig ohne eine Frage nach den dahinterstehenden Bedürfnissen und dem Warum zu stellen.
Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat dieses Phänomen eingehend reflektiert. Er spricht von einer Dämonisierung des anderen, die aus einer Entfremdung von sich selbst entsteht. Wer sich selbst abgewertet fühlt, beginnt, andere abzuwerten, um sich zu stabilisieren. Gerade in pädagogischen Kontexten ist das gefährlich, denn wer ständig bewertet, verliert das Mitgefühl. Wer Menschen auf ihr Verhalten reduziert, verliert sie als Subjekt.
Arno Gruen schrieb hierzu in seinem Buch, „Dem Leben entfremdet – Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden“[1]:
„Der Verlust der Empathie ist der Ursprung der Gewalt.“
Wenn wir nicht mehr zuhören, nicht mehr fragen und nicht mehr mitfühlen, dann werden Menschen zu Objekten unseres Urteils. Und Abwertung ist immer der erste Schritt in Richtung Gewalt – sei es in der Kita-Gruppe, im Klassenzimmer, am Esstisch, im Konflikt, im Gespräch mit einem Kollegen oder im Mitarbeitergespräch.
Was tun? Gewaltprävention ist Persönlichkeitsbildung
Wenn Gewalt so früh beginnt, muss Prävention ebenso früh beginnen. Sie beginnt bei uns: in unserer Haltung, unserer Sprache sowie unserem Mut, hinzuschauen.
Was können wir tun?
- Biographiearbeit: Was habe ich über Macht, Fehler, Konflikte, Nähe und Verletzlichkeit gelernt? Wie wurde ich selbst behandelt – und was davon gebe ich weiter?
- Sprachreflexion: Wie spreche ich über Kinder, über Kolleg*innen, über mich selbst? Ist meine Sprache urteilsfrei, fragend, wohlwollend und gewaltfrei?
- Externe Unterstützung: Supervision, Coaching, Therapie, Exerzitien – nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als professionelle Maßnahme der Verantwortung.
- Beziehungsfähigkeit entwickeln: Nicht Kontrolle, sondern Beziehung ist das Fundament guter Pädagogik. Wir können unser Verhalten verändern, wenn wir unsere Muster erkennen.
Wir können nicht aus der Menschheitsfamilie austreten – aber wir können gestalten
Gewalt ist Teil der Geschichte – auch unserer eigenen. Doch wir können Räume schaffen, in denen Menschen sich sicher fühlen: Wo Fehler erlaubt sind, wo Herzensbildung zähl und auch wo man “Nein” sagen darf.
Der Weg ist nicht einfach, aber möglich. Er beginnt im Kleinen: im Zuhören, in der Sprache und in der Begrenzung von Macht. Der Wandel von einer unreflektierten Unkultur der Beschämung und Grenzverletzung hin zu einer bewussten, achtsamen Kultur der Begegnung und des Miteinanders ist möglich.
Jeder kann dazu beitragen – nicht perfekt, aber aufrichtig: menschlich, lernbereit, verantwortlich.
„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“
Dieser Satz Jesu ist vielleicht nicht nur eine Erinnerung an Barmherzigkeit, sondern auch ein Aufruf zur Selbstreflexion, zur Menschlichkeit und zu einem Miteinander, das sich täglich neu gegen Gewalt entscheidet.
Angebote vom Zentrum für Ignatianische Pädagogik

Die Autorin dieses Textes, Cathrin Rieger, im Bildungsreferentin im Zentrum für Ignatianische Pädagogik, kurz ZIP, am Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen. Hier gibt es ein umfangreiches Angebot rund um Gewaltprävention und zum Online-Coaching sowie zur Online-Supervision. Für Pädagog*innen gibt es zudem die SPRECH-Stunde.
[1] Arno Gruen: „Dem Leben entfremdet – Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden“ Klett-Cotta-Verlag, 2008.






