skinnytok

Zusammenleben  

Social Media als Spiegel der Gesellschaft

Wie Lifestyle-Trends jetzt Frauenrechte gefährden

Die extreme Rechte wird global gesehen immer stärker, Anhänger:innen befürworten konservative Rollenbilder und bedrohen so lang erarbeitete Frauenrechte. Durch unsere Gesellschaft zieht sich im Moment ein Backlash, der auch auf Social-Media-Plattformen erkennbar ist.

Deswegen liegt dünn sein wieder im Trend

Unter dem Hashtag #skinnytok teilen auf TikTok junge Frauen und Mädchen, wie sie schlanker werden – und es auch bleiben. Selten geht es dabei um Essverbote und schweißtreibende Fitnessübungen, sondern vielmehr um die richtige Einstellung. „Was ich esse, um dünn und gesund zu bleiben“ und „Minus fünf Kilo wegen skinny girl mindset“ betiteln sie die Videos – und in den Kommentaren tauschen sich Userinnen über ihre Abnehmerfolge, Tipps und Tricks aus.

Die Devise lautet: Verinnerliche die Denk- und Lebensweise eines dünnen Menschen, dann purzeln die Kilos auch ohne viel Zutun. Phrasen wie „portion control is key“ (meint: Kontrolliere deine Portionen) und „skinny girls don’t snack at night“ (meint: Keine Snacks!), die einem auf #skinnytok in den Ohren klingeln, sollen helfen, sich nicht gehen zu lassen.

Kontrolle ist das Stichwort. Denn auf SkinnyTok werden teilweise nicht nur Essstörungen verherrlicht und ungesunde Abnehmtipps gegeben – was insbesondere für junge Mädchen sehr gefährlich werden kann –, sondern eben auch Ansprüche und Anforderungen an das Aussehen von Frauenkörpern gestellt. Möglichst dünn, möglichst jung und weiß, diese eurozentristische Schönheitsvorstellung spiegeln die #skinnytok girls wider. Unter dem Hashtag zeigen sich fast ausschließlich Frauen, die genau dieses Bild widerspiegeln. Erschreckend ist dabei, dass einige von ihnen gerade mal zwölf oder 13 Jahre jung sind.

Social-Media-Bewegungen und der Rechtsruck

Der weibliche Körper fungiert als Spiegel der Gesellschaft: Die politische Stimmung in der Welt verändert unsere Schönheitsideale – und letztlich unsere Körper. Wir leben in Zeiten eines Backlashs, global gesehen finden rechtsextreme Einstellungen immer mehr Anklang, und die bestimmen nicht nur, wie ein Frauenkörper auszusehen hat, sondern auch, wie eine Frau zu leben hat. Die Freiheit, die wir uns so hart erkämpft haben, verblasst langsam, nur dass wir es hinter der glanzvollen Erscheinung dieser Trends nicht erkennen.

Es kommen plötzlich veraltete Rollenbilder ins Spiel, von denen wir dachten, wir hätten sie längst hinter uns gelassen.

Eine weitere gefährliche Bewegung, die auf Social Media als Lifestyle-Trend verpackt wird, ist die Tradwife-Bewegung. Sie ist nicht ganz neu, aber dennoch zurzeit nicht weniger relevant. Die „Tradwives“, eine Zusammensetzung aus „Tradition“ und „wife“ (engl.: Ehefrau), sind Frauen, die sich bewusst für ein Rollenbild entscheiden, das an die 50er-Jahre erinnern. Sie kümmern sich um Haushalt, Kinder und natürlich ihre Männer, während diese Lohnarbeit nachgehen. Damit begibt sich die Frau in eine finanzielle Abhängigkeit von ihrem Mann, denn: Wer das Geld hat, hat für gewöhnlich die Macht.

Die Gefahr für Frauen

Das Problem an diesen Trends ist, dass sie ‚Lifestyles‘ romantisieren, die Frauen – und insbesondere Menschen, die nicht in die binäre Vorstellung von Geschlechtern passen –, schaden können und junge Mädchen unüberlegt zum Nacheifern animieren. Wenn sich eine Frau aus freien Stücken dazu entscheidet, zu Hause zu bleiben, sich aber zuvor um ihre finanzielle Unabhängigkeit beispielsweise in Form eines Ehevertrags gekümmert hat, kann das ebenso feministisch sein, nur wird das leider so nicht thematisiert.

Ähnlich steht es um den Abnehmtrend. Jungen Menschen wachsen in unsicheren Zeiten heran. Multiple Krisen, Naturkatastrophen und politische Konflikte können Gefühle von Angst und Ungewissheit hervorrufen. Das Bedürfnis nach Kontrolle steigt – wenn die im Außen nicht zu erreichen ist, dann zumindest über den eigenen Körper. Eigentlich wird so aber Kontrolle über Frauen ausgeübt.

Wir könnten die Zeit, in der wir uns mit unserer Optik beschäftigen, sonst mit Dingen verbringen, die uns wirklich guttun – oder die sogar gesellschaftspolitisch relevant sind. Das Patriarchat bevorzugt ‚ausgehungerte‘, schwache Frauen, die sich in vorgefertigte Rollenbilder fügen. Höchste Zeit also, dass wir die Skinny-Girl- und Tradwife-Mantren ablegen und uns im echten Leben füreinander stark machen.


Eva Keller

Geboren und aufgewachsen in der Nähe von Frankfurt am Main, wohnt Eva Keller mittlerweile in Hamburg und schreibt als Lifestyle-Redakteurin für BRIGITTE – gerne mit Gesellschaftsfokus und immer aus feministischer Perspektive.
Sie hat in Köln Medienwissenschaften und Anglistik studiert und sich bereits während des Studiums für Menschen und deren Geschichten interessiert. Interviews und Porträts gehören daher zu ihren allerliebsten Formaten. Als Feministin setzt sie sich für FLINTA* ein und hat es sich zur Aufgabe gemacht, deren inspirierende und fesselnde Geschichten in die Welt zu tragen.

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