Hirsch Meinung

Hirschs Meinung

Messe und Metal – passt das zusammen?

Wie Wacken Kirche inspirieren könnte

Mit über 80.000 Besuchern ist am vergangenen Wochenende das Wacken Open Air-Festival 2022 zu Ende gegangen, eines der größten Metal-Festivals der Welt. Björn Hirsch hat vor Kurzem ein Konzert der Metal-Band Iron Maiden besucht – 2023 wird die Band in Wacken spielen. Er hat dabei Parallelen zur katholischen Messe gefunden und fragt sich, ob man die Besucher für christliche Veranstaltungen gewinnen könnte.

Seit meiner frühen Kindheit bin ich schon Fan einer Band, die weltweit Geschichte geschrieben hat: Iron Maiden. Schon immer war es mein großer Traum, ihre exzellente Show einmal live zu erleben und mit 50.000 anderen Fans Songs wie „Fear of the dark“ „Run to the hills“ oder „The Trooper“ zu grölen. Diesen Traum habe ich mir vor zwei Wochen erfüllt. Im Deutsche Bank-Park Frankfurt besuchte ich das Abschlusskonzert ihrer „Legacy of the beast Worldtour“. Es war ein unvergessliches Erlebnis, doch nicht nur wegen der krassen Bühnenperformance von Bruce Dickinson und Co., der unglaublich starken Songs und der Spielfreude dieser fünf Männer aus Großbritannien, die ihre Instrumente wie keine anderen beherrschen.

Ich war ab der ersten Sekunde dieses Happenings begeistert, weil ich diese Kraft und diesen Geist der Gemeinschaft und der Einheit spürte, den ich auch an anderer Stelle schon häufig erlebt hatte. In der Regel besuche oder veranstalte ich christliche Events. Und ich erkannte viele Parallelen: Menschen, die sich in besonderer Weise kleideten, die eine bestimmte Sprache nutzten, gewissen Ritualen frönten – hier war es vor allem das Biertrinken und Fanshirts kaufen – und sich durch äußere Zeichen zur Gemeinschaft dazugehörig zu erkennen gaben.

Metal-Messe mit der Vorband

Während ich das Treiben von meinem Sitzplatz aus betrachtete und diesen Gedanken nachging, kam die zweite Vorband mit dem Namen „Powerwolf“ auf die Bühne. Sie begannen mit einem Song. Direkt danach fragte der Sänger dieser 2003 gegründeten Power-Metal-Band, ob wir mit ihm die „Heilige Metal-Messe“ feiern wollten. Frenetischer Jubel brach aus und die Leute gaben ihr Einverständnis durch die bekannten Zeichen. Die nächste Frage des Sängers lautete: „Seid ihr mit uns?“ Nachdem auch das durch das Publikum bejaht wurde, sagte der Frontman: „Und wir sind mit euch!“. Wer schon mal in einem Gottesdienst war, weiß, woher diese Redewendung kommt („Der Herr sei mit euch“ – „Und mit deinem Geiste“). Textpassagen wie „we came to fight in the army of Christ“, „Die, die, dynamite, halleluja“ oder „Like a Messiah we end crucified“ machte meinen Eindruck komplett, dass es hier um mehr als um Musik ging.

Am Ende des Konzerts war ich glücklich, dass ich mir das Ticket, welches immerhin einhundert Euro kostete, geleistet hatte. Und gleichzeitig fühlte ich auf dem Weg zu meinem Auto keine tiefere Freude in mir. Verglichen mit dem Zustand, den ich nach einem zweiständigen Lobpreiskonzert erreiche, fühlte ich mich innerlich nicht mehr gefüllt also zuvor. Die Euphorie beschränkte sich auf das Geschehen vor Ort.

So stelle ich mir in den kommenden Tagen die Fragen: Wären nicht viele der Menschen, die bei Iron Maiden waren, vielleicht sogar auch für ein christliches Event oder den Glauben an sich ansprechbar?

Und könnte man nicht auch mit einer Worship-Night ein Stadion füllen? Denn vielleicht ging es nicht nur mir so, dass ich für den Moment zwar im siebten Himmel war, dieses Gefühl aber nicht länger anhielt, sondern gleich wieder verpuffte.

Eine tiefere Sehnsucht

Gerade in diesen Tagen, wo eines der größten Metal-Festival der Welt in Wacken stattfand, wird mir wieder bewusst, welche Verantwortung wir als Christen tragen. Millionen von Menschen in unserem Land sind von einer tiefen Sehnsucht geprägt, die sie bei unter anderem bei Festivals zu stillen versuchen. Doch vielleicht gibt es etwas, was die Sehnsucht noch tiefer, noch nachhaltiger, noch intensiver stillen kann. Für mich weiß ich, wo die Quelle meiner Lebenskraft und Hoffnung ist. Doch ich möchte es nicht für mich behalten, sondern es mit möglichst vielen teilen.

Ich bin sicher, dass sehr viele Menschen mehr im Leben wollen, als den kurzen Rausch.

Letztlich ist es nicht nur mein persönlicher Wunsch, sondern auch der Auftrag der Kirche, die sich allzu oft von Menschen distanziert, die anders sind als sie.

In der Tat hatte ich mich aufgrund meiner größtenteils christlichen Follower nicht getraut, Bilder von meinem Konzertbesuch zu posten. Irgendwie dachte ich, dass sie es nicht verstehen würden oder mir böse Smileys verpassen würden. Doch hier muss sich etwas Grundlegendes ändern: Zum einen müssen wir selbst aufhören, uns in unserer „Bubble“ einzuschließen und jeglichen Kontakt zur Außenwelt zu meiden. Und zum anderen muss in uns die Sehnsucht nach jenen größer werden, die, so wie wir, ebenso der Suche nach einem erfüllten Leben mit Ewigkeitswert sind. So tat es Paulus schon, als er sagte, dass er allen alles geworden ist, um wenigstens einige zu erreichen, und so sollten auch wir es tun.

Schon heute weiß ich, dass ich bei meinem nächsten Metal-Konzert ein „Jesus“-Shirt tragen werde, einfach nur, um zu schauen, welche Reaktionen kommen. Und wer weiß: Vielleicht stehen wir in einigen Jahren selbst auf dem Konzertplan des Deutsche Bank-Parks in Frankfurt und feiern mit Metal-, Punk- und Technofans ein großes Glaubensfest.


Björn Hirsch

Dr. theol., ist Leiter der Tourismuspastoral Rhön, Initiator des überkonfessionellen Netzwerkes All for One e. V. und der Citypastoral. 2020 hat er gemeinsam mit Dr. Plank die Pastoralinnovation Online Akademie gegründet. Am Zentrum für angewandte Pastoralforschung (zap) ist er für die Projekte FRISCHZELLE und zap:aerothek zuständig. Er ist Autor, kirchlicher Berater und ein gefragter Referent zu verschiedenen pastoralen Themengebieten.

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