Komplexität

Zusammenleben  

Mehr als kompliziert

Über Komplexität, Kontrollverlust – und Ignatius von Loyola

Ignatius von Loyola begleitet Maria Herrmann schon eine ganze Weile. Immer wieder fällt ihr auf, wie zeitgemäß seine Themen sind und wie sie an heutige Fragen anknüpfen. Vor allem bei der Frage, wie wir mit der Komplexität unserer Zeit umgehen, gibt er eine spannende Antwort.

Es ist wie mit dem Rat eines älteren Verwandten, den man in jungen Jahren erhält und erst später versteht. Und gerade heute werden gute Ratschläge immer wichtiger.

Was zeichnet die aktuelle Zeit aus?

Besonders der Begriff der Komplexität prägt die Beschreibung unserer Gegenwart. Nicht nur bei der Bahn, sondern auch in Artikeln über Managementtheorien oder in Diskursen zur Klimakatastrophe: Es ist mehr als „kompliziert“, allermeist komplex. Schaut man genauer hin, muss man feststellen, dass es selbst in der Wissenschaft keine allgemein gültige Definition von Komplexität gibt. Dennoch lassen sich wesentliche Merkmale benennen.

Komplexität hat es (buchstäblich) immer schon gegeben. Jedes Ökosystem ist zum Beispiel von Komplexität geprägt, ebenso das menschliche Gehirn oder ein Vogelschwarm. Wenn von einem komplexen System die Rede ist, ist zunächst das konkrete Zueinander einer unüberschaubaren Menge einzelner Elemente gemeint. Mal sind es Lebewesen, mal Zellen oder Akteur*innen, mal Strukturen. Deshalb taucht im Zusammenhang mit Komplexität der Begriff System auf: Er weist auf diese große Menge und ihre (bisweilen unübersichtlichen) Abhängigkeitsverhältnisse hin. Diese Verbindungen der Elemente sind nicht linear. Das bedeutet, dass schon kleine Eingriffe in die Gesamtdynamik eine ungeheure Wirkung entfalten können. Ein komplexes System wie etwa ein Regenwald ist als Ganzes größer als die Summe seiner Teile.

Bei einem Ökosystem (vergleiche dazu: ­Kirche) können Veränderungsprozesse nicht einfach beschlossen, „gemacht“ oder durchgesetzt werden: Sie „entwickeln“ sich und „entstehen“ aus den Umständen heraus.

Fachleute nennen dies auch „Emergenz” – Entstehung. Diese Emergenz lässt sich positiv beeinflussen, die Umstände lassen sich verbessern, sodass Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Emergenzen höher werden. Negativer Einfluss wirkt in komplexen Systemen meist weiterhin direkt.

Ein komplexes System hat eine Geschichte, die in ihm weiter besteht. Die einzelnen Elemente entwickeln sich in Abhängigkeit voneinander und von ihrer Umwelt. Diese Entwicklung ist nicht umkehrbar. Auch ist es nicht möglich, Voraussagen zu treffen oder direkte (positive) Wirkung zu entfalten, weil sich die Bedingungen und das System selbst permanent ändern.

Mehr als kompliziert

Viele Thesen zu Veränderungsprozessen gehen aber immer noch von komplizierten Kontexten aus. Sie basieren auf der Annahme, dass Analysen und daraus folgende Strategie-Entwicklungen zu (mehr oder weniger) klaren Entscheidungen führen, die absehbare Wirkungen entfalten und so Ziele verwirklichen. Das klingt auf den ersten Blick logisch: Problem – Problemanalyse – Möglichkeitsanalyse – Entscheidung – Ausführung – Wirkung – Ziel. Dafür ist aber ein direkter Zusammenhang zwischen Aktion und Effekt notwendig. Mit der Komplexität ist das allerdings vorbei.


Es lässt sich nachweisen, dass die Umstände in vielen Bereichen unserer Gesellschaft so komplex sind, dass diese Herangehensweise – aufgrund der skizzierten Eigenschaften der Komplexität – an ihre Grenzen gekommen ist. Ob in der Wirtschaft, in der Politik oder auch in der Kirche: Der Ansatz einer Lösungsfindung durch eine vorweggenommene Analyse oder auch das Durchsetzen rein hierarchischer Mechanismen funktioniert nicht (mehr), jedenfalls nicht ausschließlich (falls es das jemals hat).

Deshalb ist es wichtig zu unterscheiden: Ist eine Situation nur komplizierter, das heißt, lässt sich wirklich direkt auf sie einwirken? Lohnen Mehraufwand, genauere Analyse, größere Expertise, der Einsatz von mehr Ressourcen etc. oder liegt eine komplexe Situation vor, die komplexitätssensibler Formen von Führung zur Lösungsentstehung erfordert?

Warum passt Ignatius dazu?

All das kann überfordern, Angst machen. Faszinieren kann aber auch die Erkenntnis aus der Innovationsforschung, dass dieser „Kontrollverlust“ der Komplexität der Ort ist, an dem Neues und Veränderung entstehen. Konstruktive, partizipative und von Vielfalt geprägte Haltungen fördern jene Kreativität, die notwendig ist, damit Lösungen entstehen und sich zeigen können.

Darum glaube ich, dass ignatianische Werte in diese komplexen Zeiten passen. Werte, die ich in den Exerzitien wahrnehme, aber auch in verschiedenen Formen von geistlichen Prozessen, besonders in Gruppen.
Schließlich muss ich immer wieder auch an einen Satz denken, der zwar unterschiedlich überliefert ist, aber meines Erachtens (in jeder Form) eine gute Spur legt für komplexitätssensibles Handeln: „Auf Gott vertrauen, als ob alles von Gott, und auf die eigenen Kräfte vertrauen, als ob alles von dir abhängt.“ Diese Freiheit und dieses Vertrauen sind notwendig, um in diesen komplexen Zeiten Gesellschaft und Kirche konstruktiv und hoffnungsvoll zu gestalten.

Foto: © francescoch/iStock.com

Empfehlung

Jesuiten Magazin

Dieser Essay ist auch in der Ausgabe 2/2024 vom Jesuiten-Magazin erschienen. Das Magazin erscheint viermal jährlich und widmet sich in der genannten Ausgabe dem Thema »Die Schönheit der Komplexität«. Sie können das Magazin kostenlos abonnieren:


Maria Herrmann

ist Theologin und lebt mit ihrer Familie in Hannover. Dort denkt sie nach über Zukünfte und die Ewigkeit. In ihrer Promotion verbindet sie Komplexitätsforschung mit Fragen zu Innovationen (in) der Kirche.

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