Gebauer Katholikentag Stuttgart

Versöhnung  

Jutebeutel, Instagram-Bekanntschaften und Reizüberflutung

Ein Besuch auf dem 102. Katholikentag in Stuttgart

Vergangenes Wochenende fand der 102. Katholikentag in Stuttgart statt. Für die Autorin Katharina Gebauer war es der erste Besuch eines solchen kirchlichen Großevents. Hier schreibt sie von ihren Erwartungen, Eindrücken und Begegnungen.

Ein wenig müde und abgekämpft sitze ich vor einem Café in Stuttgart, vor mir ein Stück Käsekuchen und eine Tasse heiße Schokolade. Neben mir redet eine Mutter auf ihren jugendlichen Sohn ein, welche Kleidung er sich bei dem nun anschließenden Shoppingtrip nun kaufen solle. Links neben mir scrollt ein Ehepaar hochkonzentriert auf seinen Handys, bis die Frau schließlich das Handy mit den Worten weglegt: „Ich glaube, da spricht mich gerade nichts an“.
Sie reden über Konzerte, über Organisationen, von denen sie noch nie gehört haben und über Podiumsdiskussionen. Darüber, dass sich der Mann lieber berieseln lässt, während die Frau lieber in eine Veranstaltung möchte. Um den Hals der Frau drapiert sich ein lachsroter Schal: Das Erkennungszeichen des Katholikentags.

Stuttgart ist nicht Münster

Nur zwei Straßen entfernt sitze ich vom Trubel eben dieser kirchlichen Großveranstaltung und verarbeite Eindrücke. Es ist mein zweiter Tag in Stuttgart und doch habe ich das Gefühl, nichts mehr aufnehmen zu können. Weit über 1000 Veranstaltungen gibt es an fünf Tagen Katholikentag. 27.000 Menschen treffen sich in einer Stadt, um sich über den katholischen Glauben und die Gemeinschaft auszutauschen. Wesentlich weniger als 2018 in Münster: Dort waren es alleine 50.000 Dauergäste. Corona, Kirchenaustritte oder doch stiller Protest gegen eine Kirche, die von einer Krise in die nächste schlittert? Diese Frage stellen sich hier viele.

Gebauer Katholikentag Stuttgart

„Es ist nicht so, wie in Münster“, höre ich die Tage nicht nur einmal. Klar, ist es auch nicht, wir sind in Stuttgart, irgendwie doch noch mitten in einer Pandemie und ein Krieg überschattet die Ereignisse. Dieser Katholikentag ist nicht Münster. Andererseits: Ich habe keinen Vergleich. Stuttgart ist mein erster Katholikentag. Eine halbe Stunde nach meiner Ankunft schrieb ich einem Freund: „Ein komischer Haufen Menschen hier“. Ich war auf meinem Weg durch die Medienmeile drei Mini-Demonstrationen begegnet, einer Frau, die Matthias Schweighöfer beleidigte, hatte schon vier Jutebeutel von Ständen abgelehnt, von deren Namen ich nicht mal ableiten konnte, was diese Organisationen doch eigentlich machten und überhaupt: Was sollen diese ganzen roten Halstücher, die mit Vorliebe hübsch geknotet um den Hals mittelalter Frauen hängen?

Ein riesiges Klassentreffen

Meine Stimmung hellte sich schlagartig auf, als ich den ersten Bekannten treffe. Es sollte nicht die letzte Begegnung mit einem mir vertrauten Gesicht sein. Ich treffe Menschen, die ich noch nie im echten Leben gesehen habe, und fühle mich doch so, als hätten wir nur kurz aufgehört zu quatschen; Instagram und Zoom machen es möglich. „Ich habe früher immer die Influencer belächelt, wenn sie erzählten, diese und jene Freunde hätten sie über Instagram kennengelernt. Nach drei Tagen Katholikentag merke, wie dankbar ich über diese Vernetzung bin“, gesteht mir ein Theologiestudentin auf einem Meet & Greet. Auch sie kannte ich bis dato nur aus dem Internet.

Gebauer Katholikentag Stuttgart

Der Priester und Autor Wolfgang Metz fasste den Katholikentag in einem Post am Sonntag nach dem Abschlussgottesdienst für mich treffend zusammen: „Ich nenne [den Katholikentag] fast Platzen vor Freude beim Wiedersehen von alten Freunden und kennenlernen von solchen, die auf dem besten Weg sind, endlich welche zu werden.“ Und dabei hatte er kein einziges der unzähligen Podien besucht.

Gekränkte Konservative oder ernstzunehmende Beobachtung

Apropos Social Media: „So unkatholisch war ein Katholikentag noch nie“, las man bereits unter den Programmankündigungen im Vorfeld. Auch während der Veranstaltung reihten sich auf Social Media Kommentare wie dieser untereinander. Gekränkte Konservative, die gegen eine Öffnung der katholischen Kirche sind oder doch eine ernstzunehmende Beobachtung? Das Programm ist vielfältig, es geht um Umwelt, um Diversität, um Liebe und um Frieden – und natürlich auch um den Glauben. Alles findet seinen Platz und jeder und jede auch die passende Veranstaltung; vorausgesetzt, man schlägt sich tapfer durch das schier endlose Programm.

Leben teilen

Das Motto des Katholikentages ist „Leben teilen“ – und zum Leben gehören nun mal all diese Facetten dazu. Im gemeinsamen Gebet am Morgen liegt für mich persönlich genauso der Glaube, wie im Gespräch während eines Konzertes mit einem neuen alten Bekannten oder bei einem Stück Kuchen auf einer Wiese inmitten einer zu Kirchenlieder tanzenden und grölenden Jugendgruppe. Ich kann die Kritik nachvollziehen, wenn ich erwarte, dass an jeder Ecke das Ave Maria gebetet wird und die Frauen brav ihre Knie bedecken. Aber nicht, wenn ich einen Glauben leben möchte, den ich mit anderen teilen möchte und der in meinem Leben einen Platz findet. „Aus diesem Grund ist auf dem Katholikentag sowohl Maria 1.0 wie Maria 2.0 zu finden, die Bandbreite wird voll abgedeckt. Und jeder kann entscheiden, was ihm lieber ist“, schnappe ich im Vorrübergehen aus einem anderen Gespräch auf. Genauso habe ich die Tage auch erlebt.

Gebauer Katholikentag Stuttgart

Während ich die letzten Krümel meines Käsekuchens zusammenkratze, werfe ich nochmal einen Blick in das aktuelle Programm. Ich hatte mir im Vorfeld einiges vorgenommen und dann doch beschlossen, mich treiben zu lassen. So auch jetzt. Also stecke ich mein Handy wieder an die Powerbank in meinem Rucksack, bezahle und mache mich auf den Weg zurück ins Getümmel. Ins Getümmel zu Freunden, Bekannten und Fremden, die am Ende eines verbindet: Der Glaube, in der katholischen Kirche etwas bewegen zu können.

Fotos: © Katharina Gebauer


Katharina Gebauer

Musik und Glaube sind die beiden großen Themen von Katharina Gebauer. Die Fotografin und Gestalterin widmet sie sich der Frage, wie kirchliche und kulturelle Inhalte die richtige Form von Kommunikation erfahren. Gebauer lebt in Würzburg, hat ein Herz für die Nordsee und liebt es, in hektischen Zeiten sich einfach eine Stunde in eine Kirche zu setzen.
katharinagebauer.de

Foto: © Raphael Geuppert

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