Corona Alltag

Sinn  

»Habe ich zu viel geküsst, gelacht, geatmet?«

Was ein Corona-Test für die Psyche bedeutet

Das Warten auf das eigene Corona-Testergebnis macht wahnsinnig: 70 Stunden kann das dauern, sagt mein Hausarzt. Ein irrer Zeitraum, in dem genügend Zeit bleibt, nachzudenken: War ich zu unvorsichtig? Hab ich schon jemanden angesteckt?
Wer sich testen lässt, muss warten – und bleibt mit dem eigenen Makel, vielleicht nicht makellos zu sein, allein.

Nie wurde so viel getestet wie jetzt, nie waren es so viele positive Ergebnisse. Und trotzdem: Von rund 25 Millionen Tests bis November waren „nur“ 700.000 positiv. Bin ich eine davon, frage ich mich seit 74 Stunden. Die Corona App sagt: „Ergebnis liegt noch nicht vor.“ – Ich bin eine von vielen, vielen Menschen, die sich haben testen lassen. Ohne Urlaub im Risikogebiet, ohne Kontakt zu jemand Positivem. Einzig mit diesem Gefühl: „Du kriegst gerade schlecht Luft. Es gibt Menschen, die du gefährden könntest. Geh auf Nummer sicher.“

Stunde 0.

Der Hausarzt legt die Krankschreibung auf den Tisch, ich schlucke. Test ist gleichbedeutend mit Selbstisolation. Ab nach Hause, nur noch schnell Nasenspray holen. Schon an der Apotheke hat sich mein Status verändert: „Wenn Sie ein Corona-Verdachtsfall sind, kommen Sie bitte nicht rein, sondern rufen Sie an.“ Ein mieses Gefühl. Dieser Makel. Dieses Stigma. „Soll ich da jetzt ernsthaft anrufen? Ich hab‘ doch nur eine Erkältung“, denke ich.

Zu Hause angekommen stimme ich mich mit dem Ehemann ab. Er bringt und holt für die kommenden Tage die Kinder. Ob ich noch den Müll runterbringen könne? Ich grinse – Isolation bedeutet nicht die Wohnung verlassen.

Stunde 2.

Test hochgeladen. Jetzt heißt es warten. Und das nächste Stigma an mich ranlassen. Melden beim Krisenstab: „Hab‘ mich testen lassen, zur Sicherheit, ja, keine Kontakte, ja, seit fast zwei Wochen nicht im Büro gewesen.“ Ich bin erleichtert, nichts anderes sagen zu müssen. Keine Namen aufzählen zu müssen, von getroffenen Kolleginnen, für die Corona ein hohes Risiko bedeutet.

„Handle stets so, als seist du Corona-positiv und als gehöre dein Gegenüber einer Risikogruppe an.“
(Monitor, Pandemischer Imperativ, Georg Restle)

Stunde 9.

„Handle stets so, als seist du Corona-positiv und als gehöre dein Gegenüber einer Risikogruppe an“, lautet der „pandemische Imperativ“.

Und seien wir ehrlich: Niemand kann das vollständig im eigenen Leben durchhalten, sofern er liebt und lebt. Ich zum Beispiel lasse meine engsten Vertrauten weiter an mich ran, und sowohl sie als auch ich gehen arbeiten, haben weitere engste Menschen. Und so entsteht selbst in meiner reflektierten kontaktreduzierten Welt das Potenzial, gefährlich zu werden: für andere, für Schwächere.

Stunde 34.

„Ergebnis liegt noch nicht vor.“ Ich sage auch alle weiteren Termine für die Woche ab und verlege alles ins Digitale. Machtlosigkeit breitet sich in mir aus. „Du bist nicht dabei, weil du ein Risiko bist.“ – Eine Gefährdung für andere. Das sagt man sonst über Psychopathen. In den 1990er Jahren sagte man das oft auch über HIV-Infizierte. Ich stelle mir deren Stigma-Gefühl noch viel größer vor als meins.

Ich überbrücke das Warten mit Arbeit, als wenn nichts wäre. Währenddessen begrüßen andere die Gäste beim Termin. Ich bin außen vor, nur digital dabei. Weil ich erkältet bin. Eine Erkältung, das war mal eine Kleinigkeit – zumindest v. C. (vor Corona).

Scheiß Corona

Körpergedächtnis

Seit Corona sind frühere Lappalien plötzlich weltbewegend. Zwei bis drei Kinder beim Kindergeburtstag? – Unvorstellbar! Eine Umarmung der besten Freundin? Eine Mutprobe!

Mein Herz, mein Körper sind seit Monaten verwirrt von alldem.

Angelika Rinn schreibt in Zeitzeichen völlig richtig darüber, wie Corona sich auf das Körpergedächtnis auswirkt. Auch ich merke das seit März: Wie ich zurückschrecke, wenn Leute näher heranrücken. Wie mein tiefes Bedürfnis, Gäste zu begrüßen, von meiner inneren moralischen Corona-Enklave gescholten wird: „Nein! Das darfst du nicht!“

Was wird mit unseren Körpern sein, wenn die Pandemie zu Ende geht? Werden wir den Wiedereinstieg in den Körperkontakt schaffen? Oder bleiben Narben zurück, die Gutes schwer machen?

Was wird mit der kulturellen Schönheit des begrüßenden Händedrucks zum Zeichen, dass man nichts Böses im Schilde führt? Was wird mit dem Friedensgruß im Gottesdienst? Dürfen sie wiederkommen? Oder bleiben ihre Integrität bzw. ihre Codierung nachhaltig gestört?

Unsere Integrität, also die Unbescholtenheit, Makellosigkeit jedes Menschen, ist durch Corona infrage gestellt. Wer sich positiv outet, hat etwas falsch gemacht: zu viel geküsst, gelacht, geatmet – und das an falscher Stelle. „Dabei sind die Regeln doch klar. Es ist doch ganz einfach, sich zurückzunehmen“, höre ich die Stimmen sagen.

Stunde 58.

Ich gehe raus, im Dunkeln. Ohne Maske. Bis zur Mülltonne. Es regnet. Es fühlt sich verboten gut an. Ich treffe niemanden. Öffne die Tonne, schließe sie. Gehe wieder rein. Wie poetisch Regentropfen sein können, wenn man sich eingesperrt fühlt.

Stunde 70.

„Testergebnis noch nicht verfügbar.“
„Die Negativen werden oft vergessen“, sagt mir jemand.
Vielleicht gehe ich morgen doch auf den Markt.
Oder?

Stunde 74.

Ich bin mürbe.

Fotos: © Rike/iStock.com, © Jonathan Schöps/photocase.com


Regina Laudage-Kleeberg

Sie liebt das Anders-Sein und das Anders-Werden von Menschen, Systemen und Organisationen. Das Anders-Sein hat sie geprägt: als Rheinländerin in Franken, als Deutsche in Istanbul. Sie ist das vierte von sechs Geschwistern und hat selbst drei Kinder. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Münster, arbeitet mit Begeisterung im Change Management und schreibt für ihr Leben gern. Zuletzt erschienen ist das Buch »obdachlos katholisch«.

Foto: © Melisa Balderi

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