Lebensmittel Abfall

Nachhaltigkeit  

Verwerten statt verschwenden

Lebensmittel als Energiequelle?

Auch wenn die Datenlage unsicher ist und es aufgrund unterschiedlicher Definitionen und schwieriger Abgrenzungen (z.B. zwischen „vermeidbaren“ und „unvermeidbaren“ Lebensmittelabfällen) zu unterschiedlichen Zahlen kommt – eines ist unbestritten: In der gesamten Kette vom Acker oder Stall über Verarbeitung, Transport und Handel bis hin zum Teller im Restaurant oder Privathaushalt fallen große Mengen an eigentlich genießbaren Lebensmitteln an, die ungenutzt übrig bleiben und zu „food waste“ werden.

Deutschlandweit produzieren wir auf diese Weise jedes Jahr rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittelabfall, so eine einschlägige Studie. Das ist umwelt- und klimaschädlich: Für Produktion, Verarbeitung und Transport der später weggeworfenen Lebensmittel werden wertvolle Ressourcen wie fruchtbare Böden, Wasser, Nährstoffe und Energie genutzt, ohne Nutzen zu stiften. Zugleich gehen landwirtschaftliche Produktion und insbesondere Fleischerzeugung mit klimaschädlichen Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen einher, die mit Blick auf die vielen ungenutzten Produkte in diesem Umfang nicht sein müssten.

Eine energetische Verwertung übrig gebliebener Lebensmittel z. B. in Biogasanlagen oder auch in Kläranlagen scheint vor diesem Hintergrund sehr sinnvoll zu sein. Immerhin können die nicht ihrem eigentlichen Zweck (der Ernährung) zugeführten Lebensmittel dann wenigstens in einem weiteren Sinne des Wortes „Mittel für das Leben“ sein – als Energiequelle. Dass es sich dabei um eine – jedenfalls unter bestimmten Umständen – CO2-neutrale Energiequelle handelt, lässt die energetische Verwertung von Lebensmitteln noch nützlicher erscheinen.

Weiteres großes Plus: Je mehr Lebensmittelreste und -abfälle energetisch verwertet werden, desto weniger Biomasse muss eigens für diesen Zweck angebaut werden. Dadurch werden Ressourcen geschont sowie die Ausweitung von Energiepflanzen-Monokulturen („Vermaisung“) begrenzt. Trotz dieser Pluspunkte, die für eine energetische Verwertung von übrig gebliebenen Lebensmitteln sprechen: Auch hier sind Differenzierung und kritische Reflexion gefragt!

Was genau soll energetisch verwertet werden?

Zunächst müssen die für eine energetische Verwertung in Frage kommenden biogenen Rest- und Abfallstoffe differenziert betrachtet werden:

  • Handelt es sich um Reststoffe, die in der landwirtschaftlichen Produktion, aber auch in der Verarbeitung und in der Zubereitung zu Speisen unweigerlich mit anfallen und für die Ernährung ohnehin nicht genutzt werden können? Ein Beispiel ist der im Zuge der Milchverarbeitung anfallende, energiereiche Flotatschwamm. Die Frage, ob man ein genießbares und für die Ernährung geeignetes Lebensmittel energetisch verwerten darf – die ja seit dem Beginn des Biomasseanbaus zu Energiezwecken kontrovers diskutiert wird – stellt sich hier nicht, da es sich gar nicht um ein Lebensmittel im engeren Sinne des Wortes handelt.
  • Handelt es sich um Lebensmittel, die übriggeblieben und nun nicht mehr genießbar sind? Zwar ist es aufgrund des Primats der Abfall-Vermeidung sehr bedauerlich, dass dieses „Zuviel“ (auf dem Teller, im Kühlschrank etc.) überhaupt entstanden ist – wenn es aber nun mal angefallen ist, sollte es nicht zum gänzlich ungenutzten Abfall werden, sondern wenigstens energetischen Nutzen stiften können. Allerdings stellt sich auch hier die nicht leicht zu klärende Frage, ob und unter welchen Umständen eine intensivierte energetische Nutzung die Anreize reduziert, Lebensmittelabfälle von vornherein zu vermeiden – was ja die weit bessere Lösung wäre. Auch eine Stellungnahme u. a. der Leopoldina betont zwar das große Potential der energetischen Lebensmittel(reste)verwertung, warnt aber zugleich vor Anreizen, die im Effekt zu noch mehr Abfällen führen.
  • Handelt es sich um Lebensmittel, die eigentlich noch genießbar wären, sich aber nicht mehr vermarkten lassen, v. a. weil der Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums bevorsteht oder bereits eingetreten ist? Solange das Verbrauchsdatum nicht abgelaufen ist, sind sie oft noch für den Verzehr geeignet – wäre es nicht also in jedem Fall besser, sie auf anderen Wegen ihrem ursprünglichen Zweck zuzuführen (z. B. über Lebensmittelausgaben für Bedürftige oder über „food sharing“) als sie energetisch zu nutzen? Auch wenn diese Priorisierung (Verzehr vor energetischer Verwertung) grundsätzlich einleuchtet, stellen sich insbesondere mit Blick auf die Verteilung an Bedürftige komplexe Fragen, die in der Debatte um „Tafeln“ und ähnliche Angebote schon lange kontrovers diskutiert werden, z. B.: Ist es gerecht, hilfsbedürftige Menschen gleichsam „notgedrungen“ zu „Lebensmittelretter*innen“ zu machen, während die anderen dank ihrer Kaufkraft ihre Lebensmittel frei wählen können?

WebTalk: Was sich ändern muss:
Agrarwende als Baustein einer sozial-ökologischen Transformation

Um den angemessenen Umgang mit Lebensmitteln geht es auch in der vierteiligen WebTalk-Reihe „Lebensmittel als Mittel zum guten Leben“, die das Ludwigshafener Heinrich Pesch Haus veranstaltet. Am 7. Oktober 2021 spricht Nicole Podlinski, Bundesvorsitzende der Kath. Landvolkbewegung, über die notwendige Agrarwende und darüber, was sich ändern muss.

Was stiftet den größten Nutzen?

Auch in den Fällen, in denen eine energetische Verwertung grundsätzlich möglich und nützlich wäre, muss geprüft werden, ob eine andere, z. B. stoffliche, Verwertung einen größeren ökologischen Nutzen stiften könnte.

Im Falle einer energetischen Verwertung (z. B. zur Produktion von Biogas) muss im Zuge einer umfassenden, vergleichenden Ökobilanz geprüft werden, welcher Ort bzw. welche Verfahren einen besonders hohen ökologischen Nutzen und die wenigsten negativen Neben- und Folgewirkungen auf Umweltbereiche (Boden, Wasser, Luft …) und auf Stoffkreisläufe versprechen. So gibt es seit einiger Zeit (z. B. im Projekt FLXsynErgy) Bestrebungen, Kläranlagen so umzurüsten, dass der anfallende Klärschlamm unter Hinzufügung von Rest- und Abfallstoffen aus der Lebensmittelproduktion stärker energetisch genutzt werden kann. Daraus ergibt sich die spannende Frage, wie Kläranlagen und Biogasanlagen in einem umfassenden Vergleich in dieser Hinsicht (energetische Verwertung von Lebensmitteln bzw. -resten) zu bewerten sind.

Eine Biogasanlage

Passen die Rahmen- und Anreizbedingungen?

Die für eine energetische Verwertung von Lebensmitteln in Frage kommenden Akteure (z.B. landwirtschaftliche Biogasanlagen, kommunale Kläranlagen, kommerzielle Recyclingunternehmen) unterliegen einer Fülle an Rahmenbedingungen, Regulierungen (Was muss und was darf ich?) und Anreizstrukturen (Was zahlt sich für mich aus?). Auch wenn die persönliche Motivation und das Verantwortungsbewusstsein der Einzelnen wichtig ist, um neue Wege zu gehen und ökologisch innovativ zu sein, entscheiden die Rahmenbedingungen maßgeblich darüber mit, welche Stoffe auf welchem Wege verwertet (oder auch nur entsorgt) werden. Daher müssen sie politisch so gestaltet werden, dass sie eine ökologische Lenkungswirkung entfalten und für faire Kooperationsbeziehungen unter allen Beteiligten sorgen.

Fazit

Kurzum: Die energetische Verwertung von Lebensmitteln bzw. von im Zuge der Lebensmittelproduktion und -nutzung anfallenden Rest- und Abfallstoffen mag nicht die beste Lösung sein und ist kein Ersatz für eine echte Agrarwende – am besten wäre es, von vornherein achtsam mit natürlichen Ressourcen umzugehen und nicht auf „immer mehr“ zu setzen. Gleichwohl kann sie unter gegebenen Bedingungen eine ethisch vertretbare Variante sein, die immer noch besser ist, als den Überfluss ohne ökologischen Nutzen zu entsorgen. Innovationen, die helfen, unter Beachtung umwelt- und sozialethischer Kriterien dieses Potential besser zu nutzen, stellen einen wichtigen Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation dar.

Fotos: © SaskiaAcht/iStock.com, © fotojog/iStock.com


Thomas Steinforth

Thomas Steinforth

Thomas Steinforth verantwortet in der Akademie-Online des Ludwigshafener Heinrich Pesch Hauses den Themenschwerpunkt „Sozial-Ökologische Transformation“ und ist zugleich Wiss. Mitarbeiter im Zentrum für Globale Fragen der Hochschule für Philosophie. Dort begleitet er aktuell das Verbundprojekt „FLXsynErgy“ aus einer umwelt- und sozialethischen Perspektive.

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