Ein Plädoyer zum neuen Jahr
Es ist eine kleine Abweichung, fast nur eine Randnotiz des Alltags: Heute schreibe ich mit grüner Tinte. Normalerweise vertraue ich dem Königsblau – dieser Farbe der Gewohnheit, die zugleich verlässlich, neutral und gleichsam amtlich wirkt. Blau ist die Farbe der Stabilität, der unterschriebenen Vereinbarung, der Dokumentation. Man kann mit ihr schreiben, ohne sich zu bekennen.
Grün dagegen bekennt etwas. Es ist keine funktionale, sondern eine existenzielle Farbe. Sie markiert den Übergang, den Aufbruch, das Dazwischen. Im Frühling kündigt sie Wiederkehr an, im Winter jedoch trägt sie einen gewissen Unterton – sie wirkt nicht selbstverständlich, sondern behauptet sich gegen das Grau der Jahreszeit. Vielleicht deswegen greife ich heute nach ihr. In einer Welt, die festgefahren scheint, wählt man Grün nicht als Schönheitsmittel, sondern als Geste.
Grün als Haltung
Grün ist die Farbe der Möglichkeit. Dass sie ausgerechnet jetzt, im Januar, auf dem Papier erscheint, hat etwas von leiser Ironie. Denn das Jahr, das eben begonnen hat, bringt kaum Neues hervor – höchstens Varianten des Alten. Die Welt taumelt in vertrauten Bahnen: Kriege setzen sich fort, Krisen werden verwaltet, nicht gelöst, und die täglichen Nachrichten sind längst ein Ritual der Wiederholung. Der Wechsel der Zahl hat die Struktur nicht verrückt.
Gerade deshalb hat die Farbe Bedeutung. Das Grün auf dem Blatt ist nicht nur Pigment, sondern Haltung. Vielleicht will es gar nicht Hoffnung ausdrücken, sondern deren Verlust nicht kampflos hinnehmen. Eine Spur von Widerstand steckt darin – der Versuch, den Sätzen eine andere Temperatur zu verleihen, die nicht ganz der Kälte der Gegenwart entspricht.
Was vermag eine Tintenfarbe angesichts der Weltlage?
Man könnte fragen: Wozu das überhaupt? Was vermag eine Tintenfarbe angesichts der Weltlage? Nichts, gewiss. Aber genau dieses „Nichts“ ist nicht nichts. Es ist der minimale Rest von Entscheidung, der sich nicht korrumpieren lässt. Im Schreiben, das von der äußeren Zweckhaftigkeit absieht, bleibt etwas Unverfügbares.
Eine Hand, die zur grünen Tinte greift, sagt: Ich weiche ab. Ich bezeuge noch eine andere Möglichkeit von Welt – in Nuance, nicht in Pathos.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Kulturproblem unserer Zeit: dass wir die kleinen Verschiebungen übersehen, aus denen geistige Erneuerung einmal hervorging. Der Mensch, der wie ich heute grüne Tinte wählt, sucht keinen Effekt; er sucht Empfindlichkeit. Sehnsucht nach Wahrnehmung, nach einer Farbe, die sich weder dem Funktionalen noch dem Zynismus fügt.
Und so bleibt das Grün am Ende nur Spur, fast verschwindend. Kaum sichtbar, wenn das Licht fällt, zu weich für das Büro, zu fremd für das Offizielle. Aber im Privaten, in der stillen Übung des Schreibens, öffnet es einen Moment des anderen: eine Ahnung davon, dass sich die Wirklichkeit, trotz allem, noch umfärben lässt – wenn auch nur Satz für Satz, Zeile für Zeile. Und auf die Dauer der Zeit – vielleicht hat Marc Aurel recht – nimmt die Seele die Farbe deiner Gedanken an.
Bild: Siegfried Grillmeyer






