Klaus Mertes SJ Kolumne

HIER SCHREIBT KLAUS MERTES SJ

Sind Bildung und Familien egal?

Über eine katastrophale Entscheidung des Verbands der Deutschen Diözesen

Dem Vorstand der Katholische Elternschaft Deutschlands (KED) wurde vom Verband der Deutschen Diözesen mitgeteilt, dass die Zuschüsse für den Bundesverband zum 1.1.2027 zu 100% gestrichen werden. Damit ist die Existenz der Verbandes bedroht. Klaus Mertes stellt den Vorgang in größere Zusammenhänge und kommentiert ihn.

„Neue Landkarten der Hoffnungen“ in der „komplexen, fragmentierten und digitalisierten“ Bildungslandschaft zu entwerfen schlägt Papst Leo XIV. in seinem Apostolischen Schreiben zum 60. Jahrestag des Konzilsdokumentes „Gravissimum educationis“ vor. Leo fügt den Überlegungen seines Vorgängers Franziskus zu einem „globalen Bildungspakt“ (15.10.2020) drei Prioritäten hinzu: 1. Die Sorge um das Innenleben der Jugendlichen in der Erfahrung von Tiefe und Stille, 2. den Umgang mit den neuen Technologien („Kein Algorithmus kann das ersetzen, was Poesie, Ironie, Zuwendung, Kunst, Fantasie, die Freude am Entdecken und auch die Erziehung zu Fehlern als Chance der Entwicklung“), und schließlich 3. die Erziehung zu gewaltfreier Kommunikation und Versöhnung. Bildung sei „eine der höchsten Ausdrucksformen christlicher Nächstenliebe“, formuliert der Papst.

Er löst damit erfreulicherweise die in hiesigen kirchlichen Kreisen übliche Entgegensetzung von Bildungsapostolat und sozial-karitativem Apostolat auf. Zu Recht weist er darauf hin, dass pädagogische Charismen zu allen Zeiten „originelle“ Antworten auf Bedürfnisse der jeweiligen Epoche gegeben hätten. Wer für die Gegenwart hofft, sollte also auf Bildung setzen – gestatte ich mir zu ergänzen.

Keine gute Perspektive für Familie, Kirche und Staat

Der Beitrag der Kirche in Deutschland zu den „neuen Landkarten der Hoffnung“ scheint sich allerdings mehr und mehr auf Streichung von Standorten zu beschränken. In den letzten Jahren schlossen mehrere Diözesen Schulen oder kündigten Rückzüge aus Schulen an. Die Deutsche Bischofskonferenz löste kürzlich die Kommission VII (Schule und Bildung) als eigene Kommission auf. Nun hat es die Katholische Elternschaft Deutschlands (KED) erwischt. Dem Vorstand wurde mitgeteilt, dass die Zuschüsse für den Bundesverband zum 1.1.2027 zu 100% gestrichen werden. Keine gute Perspektive für die „Bildungsallianz“ zwischen Familie, Kirche und Staat, auf die Leo ebenfalls in seinem neuen Schreiben drängt.

1954 gründete Bischof Julius Döpfner die KED. Damaliger Vorsitzender der DBK war Kardinal Frings. In „Gravissimum edicationis“ empfahlen die Konzilsväter die Bildung regionaler und überregionaler Elternvereinigungen (vgl. Art. 6 und 9). Über Jahrzehnte hinweg beteiligte sich der Elternverband an der programmatischen Entwicklung des katholischen Schulwesens.

Bindeglied zwischen Diözesen und Familien

Als Anwältin des Elternrechts auf Erziehung an öffentlichen Schulen setzte sich die KED gemeinsam mit den Bischöfen für Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen ein, zumal Art 7.3 GG (Religionsunterricht als ordentliches Lerhrfach) ebenso wie Art 7.4 GG (Recht auf die Gründung freier Schulen) ebenfalls auf dem Elternrecht basieren. Nach dem Fall der Berliner Mauer gründete die KED Landesverbände in den neuen Bundesländern und half, die unterschiedlichen Erfahrungswelten aus Ost und West zusammenzuführen. Eine jahrzehntelange enge Zusammenarbeit mit der DBK, mit der Nuntiatur, mit der römischen Bildungskommission und mit herausragender Expertise wird nicht zuletzt in den Referentenlisten bezeugt, die von vielen Tagungen und Jubiläen erhalten sind.

Mit der Publikation Elternforum gibt die KED ein Magazin heraus, dass sich den aktuellen bildungspolitischen und pädagogischen Fragen qualifiziert widmet. In vielen öffentlichen Diskussionsbeiträgen machen sich Bundes- und Landesvorsitzende immer wieder für die Interessen von katholischen Schulen und für den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in den Ministerien stark. Jüngst erst publizierte die KED unter dem Titel „Bildung für morgen“ eine Erklärung zu „Grundsätzen einer neuen Politik für unsere Kinder“, die Beachtung auch außerhalb des kirchlichen Raumes gefunden hat (vgl. www.katholische-elternschaft.de).

Die Entscheidung des VDD reiht sich ein in eine Gesamttendenz des Rückzugs der katholischen Kirche aus dem Bildungssektor. Das ist nicht nur bedauerlich. Es ist suizidal.

Die Bischöfe trennen sich in Zeiten, in denen die Zahl der Christgläubigen in der Schüler- Lehrer- und Elternschaft zurückgeht, von ihren wichtigsten Verbündeten. Und das, obwohl offensichtlich kein Angebot der Kirche auf eine so lebendige, ungebrochene Nachfrage trifft wie die Schulen. Und: In keinem anderen Kontext macht die Kirche so viele Erfahrung mit den aktuellen Themen, Anliegen und Konflikten in unserer Gesellschaft wie in der Schule. Nirgendwo ist sie in der Breite so herausgefordert, Glauben und Bildung zusammenzuführen, zum gemeinsamen Vorteil aller Beteiligten. Ihr Rückzug aus dem Schulwesen ist Rückzug aus missionarischer Präsenz mitten in der säkularen Gesellschaft. Die Frage nach Gott wird auch im säkularen Bildungswesen verstummen, wenn sich die Kirche aus ihrem eigenen Schulwesen zurückzieht.

Ist die Solidarität gekündigt?

Klar, Kitas und Schulen kosten Geld. Aber: Ausgabeverhalten ist immer auch Prioritätensetzung. Schon längst engagieren sich Eltern an katholischen Schulen ehrenamtlich an der Finanzierung der Schulen, an Stipendien und Sozialfonds für finanzschwache Eltern, und nicht zuletzt beim Spendensammeln.

Doch wenn der Träger der Schulen selbst gar nicht mehr so richtig will, wird das auch die Motivation derer schwächen, die die Finanzierung mittragen. Welche Botschaft an die Eltern haben VDD und DBK eigentlich? Und ganz nebenbei: Was sagt das ZdK dazu? Zum Thema katholische Schulen ist von dort auch seit vielen Jahren mehr oder weniger nichts zu vernehmen, was die Engagierten vor Ort ermutigen könnte. Ob das Schreiben des Papstes vielleicht doch nochmal ein Weckruf sein kann? Ich hoffe es.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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