Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

„Ich habe das Gefühl …“

Eine Position zu unserer Diskussionskultur

Ein Clip macht im Netz die Runde. Bereits mehr als 10 Millionen Menschen haben ihn angeklickt: Die TV-Moderatorin Marlene Lufen spricht darin gesellschaftliche Folgen der Lockdown-Politik an und kommt zu dem Schluss: „Ich habe das Gefühl, dass wir in zwei, drei Jahren zurück gucken auf diese Zeit und dass wir denken, wir haben es falsch gemacht: Der Lockdown war das falscheste, was wir machen konnten.“ Inzwischen reagieren auch Leitmedien mit ihren diversen Faktenchecks auf den Clip. Die Diskussion ist in vollem Gange. Das ist gut, das ist Demokratie, das ist Debatte.

Was mich hier interessiert, ist diese Aussage: „Ich habe das Gefühl …“ Es geht mir nicht um den Inhalt des Gefühls, selbst wenn ich es (vielleicht nicht ganz so pointiert) teile. Man kann ja auch sagen; „Ich habe das Gefühl, dass wir grosso modo alles richtig machen“, oder: „Ich habe das Gefühl, dass mich das Thema überfordert.“

Es geht mir vielmehr um die Frage, ob man überhaupt mit einem Gefühl argumentieren kann. Allerdings: Nicht mit irgendeinem spontanen Gefühl, das auch schnell wieder verschwindet, sondern mit einem Gefühl, das sich einstellt, wenn ich auf das Ganze zu blicken. Ein Gefühl, das nicht vergeht, sondern das bleibt. Ein Gefühl, das ich nicht loskriege.

Kein Argument im strengen Sinne

Ich halte es für legitim, mit einem solchen Gefühl zu argumentieren, besser: Es im Diskurs zu benennen. Das Gefühl ist kein Argument im strengen Sinne des Wortes. Es geht um die Mitteilung einer Intuition, einer Bilanz im Inneren, nachdem ich mich redlich darum bemüht habe, so viele Argumente und Erkenntnisse wie möglich hin und her zu drehen und zu wenden, und dies auch weiterhin tun werde. Diese Sorte von Intuition ist offen für rationale Argumentation.

Sie stört nicht, sie ist allerdings sogar notwendig, wenn man Position beziehen muss/will – ob in der Politik, in der Wissenschaft oder im öffentlichen Diskurs. Die Kraft, Position zu beziehen, geht immer mit dem Risiko einher, falsch zu liegen. Aber das kann kein Grund sein, keine Position zu beziehen.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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