Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Freiheit ist ein kostbares Gut

Warum mit der Hetze gegen Ungeimpfte eine rote Linie überschritten wird

Ich höre die Hetze aus der Perspektive von Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben, sexualisierte Gewalt, Gewalt in Psychiatrien, Gewalt unter dem Vorwand von Fürsorge und Schutz; aus der Perspektive von Menschen, die als Kinder tagelang eingesperrt wurden und für Freiheitsregungen drakonisch bestraft wurden.

Für sie ist „Freiheit“ kein anderes Wort für „Egoismus“, sondern ein kostbares Gut, das sie sich erkämpft haben, meist in langen Jahren der Emanzipation und um einen hohen Preis. Was ihnen jetzt pauschal in Medien, Politik und oft genug auch in beruflichem und privatem Umfeld entgegenschlägt – ist Unrecht, diffamiert ihre Befreiungsgeschichte, fügt ihnen erneut Leid zu, treibt sie und ihr familiäres Umfeld in Depression und/oder Spaltung.

In der Hetze gegen Ungeimpfte zeigen sich wieder die Abgründe schwarzer Pädagogik.

Wer am eigenen Leibe schwarze Pädagogik erlebt hat, spürt das genau. Vor allem beim Umgang mit der Angst. Der Grund bei vielen Personen, die sich (und/oder ihre Kinder) nicht impfen lassen wollen, ist mangelndes Vertrauen gegenüber dem Impfstoff, also Angst vor möglichen Nebenwirkungen.

Schwarze Pädagogik wirbt nicht um Vertrauen, geht nicht ruhig und gelassen auf Misstrauen ein, erlaubt Ängsten nicht, sich zu artikulieren, unterscheidet nicht zwischen berechtigten und unberechtigten Ängsten, hört gar nicht zu, sondern fordert Vertrauen autoritär von oben, wischt Ängste – ob berechtigte oder unberechtigte – mit einer Handbewegung beiseite, erzwingt mit den Mitteln von Zuckerbrot und Peitsche Unterwerfung.

Genau diese Missbrauchsstruktur tritt in der Hetze gegen Ungeimpfte hervor. „Für meine Regierung gibt es keine roten Linien mehr“, greift die DIE ZEIT einen Satz von Olaf Scholz auf und titelt damit ihre neueste Nummer. Auch das ist eine Entscheidung. Wer hat sich da eigentlich verrannt?


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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Jana Sand

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